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Verrückt nach Einmachgläsern!
15
August
2017
Blandine Guignier
Lange waren sie vergessen; nun feiern Einmachgläser ein Comeback: die Hintergründe dieser Renaissance.

Man hielt sie schon für ausgestorben, so sehr hatten Einmachgläser zwischen 1960 und 2000 an Terrain verloren und waren zum Sammelobjekt weniger Marmeladenliebhaber gesunken. Der Trend ging zum Kunststoff. Ein moderner Haushalt musste für Kühlschrank und Mikrowelle über popfarbige Polymer-Gefässe verfügen. Tupperware galt als Galionsfigur dieser Evolution im Küchenschrank.


 

Doch die luftdicht verschliessbaren Glasbehälter hatten noch nicht ausgedient. Sie tauchen heute in Haushalten wie in Feinkostgeschäften wieder auf. Ja mehr noch: Sie übernehmen neue Aufgaben. Heute dienen Sie zum Transport unverpackt gekaufter Lebensmittel sowie als Retrogeschirr in den Trendbars der Metropolen. Ihre Transparenz und ökologischen Vorzüge entsprechen den Verbrauchererwartungen des 21. Jhs. Vom Trend getragen, verzeichnen historische Marken wie Weck in Deutschland, Le Parfait in Frankreich oder Ball Mason Jar in den USA seit einigen Jahren steigende Verkaufszahlen.


 

Die US-Marke bestätigt das wiedererwachte Interesse an Einmachgläsern. „Die Verbraucher haben begonnen, sie für andere Zwecke zu verwenden, und das spiegelt sich in unseren Verkaufszahlen wider“, erklärt das Marketingteam der Abteilung Ball Fresh Preserving. Nach einer im Herbst 2016 durchgeführten internationalen Umfrage benutzen Kunden Einmachgläser ganz unterschiedlich: 57% zum Konservieren, 46% zur Lebensmittellagerung, 37% für Lagerung ganz allgemein, 36% zur Getränkeaufbewahrung und 29% als Wohnungsdekoration.


 

Im Sommer − der Hochzeit der Marmelade − verzeichnet der Blog Food in Jars (Essen im Glas) von Marisa McClellan eine halbe Million Einzelbesucher pro Monat, mehrheitlich Frauen aus Nordamerika, aber auch aus anderen Welt-Regionen: Deutschland, Indonesien, Australien usw. „Einige meiner Leserinnen suchen nach Möglichkeiten, Lebensmittel ökologisch zu lagern, andere möchten für sich und ihre Familien gesündere Gerichte kochen oder haben mit dem Einkochen (canning im Englischen) ein neues Hobby gefunden.“

„Retro“-Look

Viele der neuen Fans von Einmachgläsern finden sie einfach nur schön. „Die Menschen schätzen ihr Design mehr als das der schlichten Plastikbehälter“, erklärt Marisa McClellan. „Es gibt sie in allen Farben und Grössen.“ Um die Einmachglas-Liebhaber zufriedenzustellen, beschreibt die in Philadelphia (USA) wohnende Bloggerin sie auf ihrer Website in all ihren Facetten, weist beispielsweise auf Neuauflagen hundertjähriger Modelle oder auf Fundorte für Raritäten hin oder gibt Tipps, wie man sie mit Accessoires schmücken kann.

Wegen grossen Erfolges hat Marisa McClellan mehrere Rezeptbücher rund um das Einmachglas veröffentlicht, von denen einige mehr als 100 000 Mal verkauft wurden. Klassiker der US-amerikanischen Hausmannskost wie Erdbeer-Vanille-Marmelade, Tomatenmarmelade oder eingelegte Essiggurken sind nach wie vor die meistaufgerufenen Seiten des Blogs. „Ich erfinde neue Rezepte, doch ich vermittle auch solche, die ich jung von meiner Mutter gelernt habe.“

Von Chefköchen empfohlen

Der Duft der guten alten Zeit ist auch die Geschäftsidee der Firma Boco. Die französische Restaurantkette, die zweifellos ihren Beitrag zum Comeback von Einmachgläsern in Europa geleistet hat, verkauft täglich etwa 5500 von Chefköchen zubereitete Fertiggerichte in solchen Behältern. Die Kunden wärmen ihre Mahlzeit nach Kauf oder Lieferung vor Ort oder zu Hause auf. „Das Einmachglas ruft Bilder der Vergangenheit hervor“, erklärt Simon Ferniot, Generaldirektor des in Frankreich, Belgien, der Schweiz und Monaco tätigen Unternehmens. „Es ist so beliebt, weil es an die Rezepte unserer Grossmutter erinnert. Wir bieten klassische Gerichte der europäischen Küche mit einigen Modernisierungen durch die Chefköche an.“ Diese Köche sind meist durch einen oder mehrere Guide-Michelin-Sterne ausgezeichnet − zweifellos einer der Erfolgsfaktoren der Initiative.

Wenn das Einmachglas wieder ‚in’ ist, dann auch wegen seiner von Küchenchefs geschätzten Konservierungsfunktion. „Im Einmachglas kann die Nahrung nicht nur frisch, sondern auch luftdicht oder pasteurisiert aufbewahrt werden. Dabei bleiben die Geschmackseigenschaften erhalten. Es kann auch ganz einfach aufgewärmt werden. Einziger Nachteil ist sein Gewicht“, betont Simon Ferniot.


 

Ein Wermutstropfen – die Gefahr von Bakterienbefall – fällt auch auf die zu Hause befüllten Einmachgläser: „Um ganz sicher zu gehen, braucht die Konservierung von Lebensmitteln zu Hause eine nach modernen und bewährten Verfahren durchgeführte Wärmebehandlung“, erklärt Extenso, ein Ernährungs-Zentrum der Université de Montréal (Kanada). „Es gibt zwei Konservierungsverfahren: Die Behandlung mit kochendem Wasser und die Sterilisierung unter Druck in einem Dampfkochtopf.“ Das kanadische Zentrum listet auf seiner Website alle zu beachtenden Vorsichtsmassnahmen auf, um Krankheiten wie Lebensmittelvergiftung vorzubeugen. Freshpreserving, ein englischsprachiger Online-Ratgeber, bietet zudem Hygienetipps für Anfänger.

Die Vorteile überwiegen für die Firma Boco jedoch die Nachteile. Nur sechs Jahre nach Gründung verfügt sie bereits über zwölf Restaurants. „Sieben oder acht ähnliche Konzepte sind in Europa aufgetaucht“, so der Direktor. „Immer mehr Catering-Dienste und Bäcker bieten Einmachgläser in den Regalen zum Kauf an. Doch wir können natürlich kein Copyright für ein Haltbarmachungs-Verfahren beanspruchen, das mehr als ein Jahrhundert alt ist. Unser Lieferant, der deutsche Glasfabrikant Weck, hat seine Erfindung im Jahr 1892 patentieren lassen!“1

Transparent und ökologisch

Ein weiteren Grund für den neuen Hype: Das Bedürfnis nach Transparenz. Das Einmachglas zeigt seinen gesamten Inhalt; das entspricht laut Simon Ferniot dem Verbraucherwunsch, zu sehen und zu wissen, was er kauft und isst – eine in Europa immer bedeutender werdende Regung, besonders seit 2013, dem Skandal um Pferdefleisch in Fertiggerichten aus dem Supermarkt.

Die positiven Seiten des Glases liegen nicht nur in der Transparenz: Glas bietet auch ökologische Vorteile. Sylvie Droulans ist eine weitbekannte belgische Mutter. Mit ihren zwei Kindern und ihrem Lebenspartner nahm sie sich vor eineinhalb Jahren vor, keinen Müll mehr zu produzieren. Sie beschreibt ihren Alltag auf der Website Zerocarabistouille. Auf dem Weg zu ‚null Müll‘ spielt das Einmachglas eine zentrale Rolle. Sie kauft in Geschäften ein, die Lebensmittel unverpackt oder in Pfandgläsern anbieten. Die Einkäufe trägt sie in Stofftaschen nach Hause. Dort verwendet sie Einmachgläser, um frische Lebensmittel zu lagern, zu kühlen oder luftdicht zu verschliessen. Die belgische Familie nutzt sie auch als Geschirr oder Lunchbox: „Einige Einmachgläser sind wunderbare Müslischüsseln oder praktische Behälter, um das Mittagessen mit zur Arbeit zu nehmen“, erklärt die Bloggerin.

Für die ‚Null-Müll’-Strategie, die zahlreiche Unterstützer und Lebensmittelgeschäfte weltweit propagieren (195 verkaufen bereits unverpackte Waren nach einer nicht vollständigen Liste auf der Website Bepakt.com), stellt das Einmachglas eine gute Alternative zu Plastik dar. „Wir verwenden Einmachgläser, weil wir dem Plastik nicht mehr vertrauen“, erklärt Sylvie Droulans. „Wir befürchten negative gesundheitliche Auswirkungen, sobald es in Kontakt mit Nahrung kommt.“

Der Vorzug, dass Glas im Gegensatz zu Plastik zu 100% recycelt werden kann, und der daraus folgende ökologische Nutzen werden von den Aktivisten der Müllreduzierung ins Feld geführt. Ihnen schliessen sich auch Restaurantbetreiber an. „Wir regen die Boco-Kunden an, ihre Weckgläser wieder zurückzubringen, um sie wiederzuverwenden“, sagt Simon Ferniot. „Wir schlagen ihnen auch vor, wie sie ihnen ein zweites Leben schenken können. Und wenn wir die Weckgläser schliesslich doch wegwerfen müssen, wissen wir, dass dieses Material den effizientesten Recyclingkreislauf hat.“

1. Folgedessen lief der Patentschutz 1912 ab (Anm. d. Red.).
Blandine Guignier
Journalistin
Genf, Switzerland

Blandine liebt Geschichte und Gastronomie. Sie arbeitet für die Presseagentur LargeNetwork in Genf. An der Sciences Po Grenoble erwarb sie einen Master in Journalismus.

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