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Über uns
Ernährung der Zukunft
Essen im Weltraum
20
Januar
2015
Ian Ferguson
Eine kurze Geschichte der Astronautenkost – und über die Tischsitten der Amerikaner und Russen.

Im Jahr 2007 gönnte sich der Milliardär und frühere Microsoft-Manager Charles Simonyi eine Gourmetmahlzeit: geröstete Wachtel in Madiran-Pyrenäenwein, dazu Hachis Parmentier mit Hähnchen und kandierte Apfelstückchen. Zusammengestellt hatte sie die Haushalts-Ikone Martha Stewart, mit der Simonyi befreundet ist, und der Sternekoch Alain Ducasse hatte sie zubereitet. Das hört sich zunächst wie ein ganz normales Essen an, vielleicht sogar ein wenig schlicht für einen Milliardär – aber Simonyi hatte es als der fünfte privat finanzierte Astronaut an Bord der International Space Station (ISS) zu sich genommen.

 

Sein Menü unterscheidet sich deutlich von unserer gängigen Vorstellung von Astronautennahrung: gefriergetrocknete Plastikbeutel mit Hähncheneintopf und Erbspüree. Zugleich ist es auch ein Symbol für den Wandel der Raumfahrt vom heroischen nationalistischen Prestigeprojekt hin zum Privatvergnügen. Die Mitwirkung von Prominenten bei der Vorbereitung und die Feinschmeckermenüs selbst zeigen aber auch, welcher Symbolwert einem simplen Teller Essen bei der Raumfahrt zukommt.

 

Die Ernährung und die damit verbundenen Rituale werden zu gleichen Teilen von kulturellen und materiellen Bestandteilen bestimmt, wobei sich deren symbolische und reale Bedeutung im Weltall durch die seltsame, schwerelose Umgebung und die beengten Bedingungen noch verstärkt. Astronautenkost übt schon seit langem eine grosse Faszination auf die Öffentlichkeit aus, weil sie einen sehr vertrauten und menschlich dimensionierten Ausschnitt einer im wahrsten Sinne ausserirdischen Erfahrung betrifft. Ein Rückblick auf die Entwicklung der Astronautennahrung, besonders auf ihre Herstellung und ihre Rolle im Alltag der Astronauten, verdeutlicht zugleich, wie sehr sich die kulturelle Rolle der Raumfahrt im Laufe ihrer Geschichte gewandelt hat.


 

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Speisetablett aus dem Skylab, 1972

Erste Weltraummahlzeiten und Luxus

Am Anfang stand eine ganz grundlegende Frage: «Kann man im Weltraum essen?» Niemand wusste, ob das Verdauungssystem des Menschen unter Bedingungen der Mikrogravitation funktionierte oder ob es überhaupt möglich wäre, die Nahrung hinunterzuschlucken. John Glenn, der als erster Amerikaner die Erde umrundete, war der erste Mensch, der auf diese Frage eine Antwort geben konnte: Beim Überflug über Nigeria verzehrte er püriertes Rind und Apfelmus aus der Tube. Wie es ihm geschmeckt hat, ist nicht überliefert.

In dem Masse, in dem die Weltraumflüge häufiger wurden und länger andauerten, wurden auch die Ernährungssysteme weiterentwickelt, denn es galt, Lösungen für Fragen der Ernährung und des Sozialverhaltens bei Langzeitaufenthalten im Weltall anzubieten. Mit dem Skylab-Programm der 1970er-Jahre erreichte die Entwicklung der Astronautenkost ihren Höhepunkt.

 

Fotos vom Skylab zeugen von jeder Menge Idealismus: Bärtige Männer in Uniformen wie aus einem Kubrick-Film posieren betont cool vor der Kamera. Sie sind Helden einer besonderen Mission, Angehörige eines hoch spezialisierten Teams, körperliche Fitness gepaart mit intellektueller Schärfe. Die Innenansichten sind hochmodern: isometrische Gitter, modulare Aufbewahrungssysteme, edel polierte Stahl- und Aluminiumflächen. Alles ist in Reih und Glied angeordnet, alles hat seinen Platz, und es gibt eine bewusste räumliche Trennung von kleinen Bereichen in menschlicher Grösse für das Team, die von einem grossen zentralen Raum abgesetzt sind.

 

Bei so viel Platz konnte man der Ernährung und dem Essen selbst besondere Aufmerksamkeit schenken. Skylab bleibt bis heute das einzige Raumschiff mit Kühlschränken an Bord, sodass frische Lebensmittel länger und in grösserer Vielfalt gelagert werden konnten. Für die Zubereitung und die Einnahme des Essens gab es ein spezielles Tablett zum Erhitzen, bei dem sich jeder Bestandteil der Mahlzeit in einer speziell geformten Mulde befand. Das gesamte Tablett konnte man in einen schicken Modultisch einrasten, um den herum die Astronauten gemeinsam ihre Mahlzeiten einnahmen; in der Mitte befand sich ein Bullauge, durch das sie beim Essen auf die Erde schauen konnten.


 

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National Aeronautics and Space Administration/CC-BY-NC

Ernährungssysteme und nationale Stereotypen

Mit der Einstellung des Skylab-Programms und der Reduzierung des Budgets in den 1980er-Jahren nahm die Entwicklung der Ernährungssysteme eine scharfe Wendung vom Heroischen zum Sparsam-Praktischen. Mit den gemeinsamen Essbereichen und speziell angefertigten Zubereitungsinstrumenten war Schluss; stattdessen gab es jetzt die universellen Retortenbeutel aus Plastik mit praktischem Strichcode zur Kennzeichnung des Inhalts und mit Klettband, sodass die Astronauten die Packung nach Belieben dort befestigen konnten, wo sie gerade essen wollten.

 

Das Essen selbst wird jetzt nur noch zum Teil durch die NASA selbst entwickelt, vieles davon besteht einfach nur aus kommerziellen Esswaren in anderer Verpackung (insbesondere M&Ms bekommt im Weltall jede Menge Gratiswerbung). Ohne Kühlsystem muss alles bei Zimmertemperatur haltbar sein, d. h. gefriergetrocknet oder thermostabilisiert, was besonders bei der Konsistenz grosse Einschränkungen mit sich bringt. Das Kochen erfolgt jetzt mit Hilfe eines in die Stationswand eingelassenen automatisierten Wassertanks oder in einem ausgeklügelten erhitzbaren Koffer, der mit Klettband an der Wand befestigt wird. Besonders rührend sind die Gewürze und Würzsossen in den haargenau gleichen Kunststoffpäckchen, wie man sie in Fastfood-Imbissen überall auf der Welt findet: Sie werden in einer Plastiktüte mit nach oben geschickt und erinnern unweigerlich an die gehamsterten Ketchup-Vorräte in den Autos vieler Amerikaner.

 
 

Das war der letzte Stand im amerikanischen System. Seit der Einstellung des Space-Shuttle-Programms wird im Weltall nur noch in der Internationalen Raumstation gegessen, wo sich die nationalen Stereotypen rund ums Essen auf reizvolle Weise zeigen. Die eine Hälfte der Station ist natürlich nach dem amerikanischen System ausgestattet – mit pragmatischen kommerziellen Produkten. Die andere Hälfte passt genau ins rustikale Image des russischen Raumfahrtprogramms unter dem Motto «Bloss nichts reparieren, was nicht kaputt ist». Es gibt keine Plastikverpackungen; fast alles wird in Konserven oder Tuben mitgeführt. Statt vorwiegend kommerziellen Produkten aus dem Supermarkt gibt es Delikatessen wie Räucherfisch und Quark mit Nüssen, wie sie von älteren Frauen liebevoll zubereitet wurden. Statt die Nahrung mit heissem Wasser an einer Wand stehend zu erhitzen, sitzen alle gemeinsam an einem richtigen Esstisch, an dem sie ihr Essen in eingelassenen Öffnungen im Tisch erhitzen können.

Die Krönung der auch nach dem Kalten Krieg bestehenden nationalen Stereotypen kommt von den Franzosen. Alain Ducasse hat nicht nur die Weltraummahlzeit für Charles Simonyi kreiert; in Zusammenarbeit mit der französischen Raumfahrtbehörde entwickelt er auch «Mahlzeiten für besondere Anlässe» oder wie Ducasse selbst es nennt, «Essen für extremen Genuss», wie es eben nur ein Franzose herbeizaubern kann.


 

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Esstisch mit Wärmeeinheiten auf russischer Seite.


 

Es gibt einige legendenhafte Geschichten über kulturelle Spannungen auf der ISS. So soll es kurz nach der Zusammenkopplung der russischen und amerikanischen Module zu einem Konflikt gekommen sein. Es ging darum, ob man nach russischer Art gemeinsam essen, oder jeder für sich nach Bedarf einen Imbiss zu sich nehmen sollte, wie das die Amerikaner machten. Es heisst, die Kosmonauten wären über die mangelnden Umgangsformen der Amerikaner so empört gewesen, dass sie einen improvisierten Esstisch bauten, an dem alle Platz hatten, und mit einer Protestaktion forderten, dass alle Stationsbewohner wenigstens einmal am Tag gemeinsam essen sollten. Es gibt zwar keine verbürgte Aussage, wie die Sache ausging oder ob sie überhaupt so stattgefunden hat. Aber gemessen an den Hunderten von Fotos, auf denen alle ISS-Bewohner gemeinsam auf der russischen Seite essen, darf wohl davon ausgegangen werden, dass eine Entspannung in den internationalen Beziehungen erzielt werden konnte. Von eventuellen Beschwerden über die Gerichte von Alain Ducasse ist nichts bekannt.


 

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Ein Kanadier feiert im russischen Modul ein amerikanisches Thanksgiving – sieht aus wie eine erfolgreiche Détente!


 

Ian Ferguson

Designer - postlerferguson.com

Ian Ferguson ist Direktor von PostlerFerguson, einer Londoner Designagentur, die in allen Bereichen des Produktökosystems tätig ist, von Markenaufbau und Verpackung bis zur Digitalisierung und Herstellung. Am MIT präsentierte die Agentur mit ihrer Ausstellung «Personal Space» (2013) Designs für das Kochen und Leben in den privaten Raumstationen der Zukunft.

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