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Tischsitten im Christentum

Über tausend Jahre pflegten die Menschen im Nahen Osten, in Griechenland und in Rom im Liegen zu essen. Erst nach dem Niedergang des Weströmischen Reiches wurde die Liege zugunsten des Stuhls aufgegeben. Zu diesem Wechsel trugen auch die christlichen Würdenträger bei: Die sitzende Position strahlte mehr Autorität und Würde aus.

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© Getty Images / Universal History Archive - Im Liegen eingenommenes antikes Mahl, anonymer Druck, 19. Jh., Universal History Archive

Ein Verdacht

Haben Jesus und die Apostel bei ihrem letzten gemeinsamen Mahl, dem Letzten Abendmahl, im Sitzen oder Liegen gegessen? Die Gemälde der Renaissance stellen sie immer sitzend dar. Je nach Übersetzung kann man in der Bibel lesen, dass sie sich „zu Tisch begaben“ oder sich „zu Tisch legten“ oder auch, dass „der Jünger, den Jesus liebte, zu Tisch lag“.

Eine antike Tradition

Im Liegen zu essen, hatte zu Jesu Lebenszeit bereits Tradition. Die Phönizier und Aramäer (die einstigen Bewohner des heutigen Syrien) bevorzugten diese Position bei Tisch. Die Griechen übernahmen die Sitte im 6. Jh. v.u.Z. Sie gestanden das Vorrecht, im Liegen zu essen, allen freien Männern zu. Frauen, Kinder und Sklaven hingegen assen im Sitzen. Auch die Römer legten sich zu Tisch und ihre Frauen folgten ihrem Beispiel. Jedoch reservierten sie diese Art zu essen für Familienfeste, Bankette und Treffen unter Freunden, da sie die Entspannung und das Gespräch förderte. Auch die Juden übernahmen diesen Brauch, der als Privileg der Freien galt. Sie pflegten ihn vor allem bei Festen – z.B. während des Pessachfests. Man kann sich also Jesus und die Apostel durchaus bei Tisch liegend vorstellen.

Eine würdigere Position

Nach dem Niedergang des Weströmischen Reiches, im 5. Jh., wurde die Liege gegen den Stuhl eingetauscht. Doch was bewegte die Menschen im Westen nach 1000 Jahren, in denen sie ihr Essen im Liegen eingenommen hatten, dazu sich hin zu setzen? Es war ja nicht so, dass in all dieser Zeit keine Stühle benutzt worden wären. Im Gegenteil: Gerade im öffentlichen Leben strahlte eine Person auf einem Stuhl Autorität aus. Deshalb sassen Beamte oder Lehrer, während sie ihren Aufgaben nachkamen. Es scheint, als sei der Stuhl allmählich zum Symbol für Würde und Zurückhaltung geworden. So ist vom heiligen Martin (der der Legende nach seinen Mantel teilte) überliefert, dass er mit einem Priester bei Kaiser Magnus Maximus (388 n.u.Z. gestorben) eingeladen war. Martin setzte sich auf einen Stuhl, während der Pfarrer im Liegen ass. Auch auf Mosaiken in Rom werden die drei Gottesboten vor einem rechteckigen Tisch sitzend auf einer Bank dargestellt. Die kirchliche Autorität scheint sich des Stuhls bemächtigt zu haben, eine neue Haltung, die zum Vorbild wurde Das Wort Kathedrale kommt übrigens aus dem Griechischen (kathedra – ‚Sitz‘), das im übertragenen Sinn zum ‚Bischofssitz‘ wurde.