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Halal als Ernährungs-Praxis

Mündliche Tradition und schriftlich fixierte religiöse Texte müssen muslimische Familien in Frankreich beachten, um sich halal zu ernähren. Die meisten Nachkommen sehen die Kochgewohnheiten ihrer Vorfahren als ein nicht mehr den Korannormen entsprechendes Essverhalten an. Sie wollen bei der Entscheidung, was und wie sie essen, ihre dreifache Zugehörigkeit zu einer Ethnie, einem Staat und einer Religion miteinander in Einklang bringen.
Halal – diète - éthique
© Getty Images - AFP - Boris Horvat - “Halal”-Supermarkt, Frankreich, 2010

Wahrung der kulinarischen Wurzeln

Die Migration hat Einfluss auf den Wandel der Halal-Ernährungspraxis in nichtmuslimischen Ländern. In Frankreich hat sich das Verständnis des Begriffs halal über Generationen von Migranten hinweg verändert. Die erste Generation wollte ihre Vergangenheit bewahren: Deshalb behielt sie die ethnischen Traditionen ihres Herkunftslands bei Tisch bei. Ein Beispiel: Aufgrund ihrer Armut waren bestimmte Berbergruppen in Marokko gezwungenermassen Vegetarier, was sich auch ihre traditionelle Küche bestimmte. Da sich nach der Immigration nach Frankreich in den 1970er Jahren ihre materielle Situation verbesserte, verzehrten sie vermehrt Halal-Fleisch, das bis dahin den grossen Feierlichkeiten (z.B. dem Opferfest) vorbehalten war. Der tägliche Fleischkonsum wird als „Vergeltung für das Leben“ (Rodier, 2014) betrachtet. Dieser Konsum im Übermass macht deutlich, wie sehr sie jetzt als Minderheit ihre ethnische Identität schützen, aber ihren gesellschaftlichen Erfolg auch den im Heimatland Gebliebenen zeigen wollen. Ihre Identität gründet mehr auf den Speisesitten als auf der strengen Einhaltung der Halal-Bestimmungen, wie sie in theologischen Texten niedergeschrieben sind.

Wunsch nach Integration und ausgewogener Ernährung

Bereits die zweite Migrantengeneration, von der die meisten im Gastland geboren wurden und auch dort zur Schule gingen, ändert ihr Essverhalten. Sie entscheidet sich für eine Ernährungsweise, die auf gesellschaftliche Integration abzielt. Akzeptiert zu werden hängt auch davon ab, was auf dem Teller liegt. Sie will sich nicht mehr „ fremd fühlen” (Rodier, 2014), ein Gefühl, das sie mit der Esskultur ihrer Vorfahren verbindet. Halal zu essen verbindet daher ihren Integrationswunsch mit der Wahrung ihrer muslimischen Identität in einem laizistischen Land. „Neutrale Kost“ auszuwählen, mindert die Distanz und löst die Zugehörigkeit zum Islam von Nahrungsmitteln, die von der Mehrheitsgesellschaft als exotisch angesehen werden. Die Halal-Zertifizierung der Lebensmittelindustrie, die seit dem Jahr 2000 einen Aufschwung erlebt, erleichtert diesen Schritt. Parallel dazu wenden sich viele dem Koran zu, den sie im Unterschied zu ihren Eltern, die auf mündliche Überlieferung angewiesen waren, lesen können. Sie sehen die Küche ihrer Vorfahren nicht mehr als für sie „verbindlich” an, obwohl sie als kulturelles Erbe noch immer als „authentisch” gilt. Sie bedauern, dass ihre Eltern den eingeschränkten und heiligen Charakter des Fleischkonsums, den sie als zu fett ansehen, aus den Augen verloren haben, und ermuntern sie zu einer ausgewogenen, gesünderen und einfacheren Ernährung. Sie führen sie auch an als halal ausgewiesene westliche Produkte heran. Religionszugehörigkeit und Essensvorliebe spielen hier zusammen.

Ethisches Fasten

In ihrem Bemühen, Umweltschutz, ausgewogene Ernährung und Religionszugehörigkeit miteinander zu versöhnen, sehen viele Muslime mittlerweile eine Lösung im Vegetarismus oder Vegetarismus-Pescetarismus, der auch Fischkonsum zulässt. Meist begründen junge Leute, die kein Fleisch mehr essen, ihre Entscheidung ethisch mit der Ablehnung von Gewalt gegen Tiere. Das im Islam vorgeschriebene Schlachtritual genügt ihnen nicht mehr als Begründung für Fleischkonsum. Wohingegen manche eine einfache Ernährung als Ausdruck der Askese und Selbstdisziplin sehen.