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Geschichte  |  Dossier Zu Tisch !

Geschichte der Babyflasche Nuckeln früher, Nuckeln heute

©Anne-Laure Lechat

Neben einigen Statuetten einer Mutter mit Kind bilden vor allem Saugflaschen aus der Antike bis zum Ende der 1960er Jahre den Kern dieser Sammlung Rossi. Nach dem Tode ihres Mannes im Jahr 1998 vermachte Valeria Rossi, die sich der wissenschaftlichen Bedeutung der Stücke bewusst war, die Sammlung dem Alimentarium. Sie ergänzte eine erste Serie von Saugflaschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die bereits in der Sammlung des Museums der Ernährung in Vevey vorhanden war.

Ettore Rossi war von 1957 bis 1985 Direktor der Universitätskinderklinik in Bern. Er übte entscheidenden Einfluss auf die Kinderheilkunde in der Schweiz aus. Der aus dem Tessin stammende Professor interessierte sich leidenschaftlich für Geschichte und sammelte zahlreiche Informationen über die Praxis der Pflege und Ernährung von Kindern von der Antike bis in die Neuzeit. Die Saugflaschen sind ebenso schöne wie ausgefallene Objekte und spiegeln den Status des Kindes und die Ernährungsgepflogenheiten im Laufe der Jahrhunderte wider.

Stillen und Ersatznahrung

Historische Zeugnisse belegen, dass schon in Babylon im 18. Jahrhundert v. Chr. die Dienste von Ammen in Anspruch genommen wurden. In den wohlhabenden Gesellschaftsschichten im alten Ägypten, in Griechenland und Rom wird der Einsatz von Ammen dann zur Norm. Soranos von Ephesos, ein im 2. Jahrhundert n. Chr. praktizierender Arzt, beschreibt die ideale Amme: «Sie ist 20 bis 40 Jahre alt , ehrlich, von ausgeglichenem Temperament, ansprechend, gesund, mit einem guten Teint und von mittlerer Grösse; ihr Kind ist jünger als zwei Monate , sie ist reinlich und ihre Milch weder zu klar noch zu zähflüssig(1)». Die Amme wurde sorgfältig ausgewählt, weil man glaubte, mit ihrer Milch würden auch ihre Tugenden und Laster auf das Kind übertragen. Sei es aus kulturellen, moralischen oder medizinischen Gründen, dieser Trend war zunächst auf das städtische Milieu begrenzt, verbreitete sich jedoch zwischen dem 10. und 16. Jahrhundert in alle gesellschaftlichen Schichten. In der Moderne wurde die Gepflogenheit in ganz Europa übernommen: In England wurden Ammen wet nurses genannt, in Italien bala, in Portagal nodriza oder ama. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts wird sogar von einer wahren «Ammenindustrie» gesprochen(2).

Auch die Nutzung von Saugflaschen ist schon in der Antike belegt. Eine ägyptische Papyrusschrift aus dem 15. Jahrhundert v. Chr. empfiehlt die Zubereitung eines Getränks aus «Kuhmilch und gekochten Weizenkörnern», zweifellos für Fälle, in denen die Kindsmutter nicht stillen konnte(3). Soranos liefert zahlreiche Informationen über Methoden zur Ernährung von Säuglingen in der Römerzeit. Insbesondere sah er das Kolostrum als schädlich für Säuglinge an, weil es zähflüssiger und schwerer verdaulich sei. Er riet dazu, ab einem Alter von sechs Monaten, mit dem Durchbruch der ersten Zähne, halbfeste Kost wie beispielsweise in Milch, Honigwasser, süssem oder mit Honig versetztem Wein aufgeweichte Brotkrumen in die Ernährung aufzunehmen. Später sollten «Grütze, sehr flüssige Pürees und weiche Eier»(4) hinzukommen. Aus den Texten des persischen Arztes und Philosophen Avicenna erfahren wir mehr über die im Mittelalter übliche Praxis der Säuglingsernährung: Er empfiehlt, Säuglinge zwei Jahre lang zu stillen und sie dann ganz allmählich von der Muttermilch zu entwöhnen, bis sie alle Arten von Nahrung zu sich nehmen können. Häufig wurde Säuglingen Kuh- oder Ziegenmilch sowie ein dünnflüssiger Brei aus Milch und Mehl in Tierhörnern oder Gefässen, die mit Stoffsaugern ausgestattet waren, verabreicht(5).

Der Einsatz von Muttermilchersatznahrung erlebte aufgrund des Mangels an den damals so gefragten Ammen, zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Diese kümmerten sich damals häufig um mehrere Säuglinge gleichzeitig, die «mit Gläschen, Brei oder schwer bekömmlicher Suppe »(6) aufgezogen wurden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Praxis auf, Ersatznahrung aus tierischer Milch – Esel, Schaf, Ziege oder Kuh – zu verabreichen. Auf diese Weise sollte die hohe Kindersterblichkeit bekämpft werden. Die wissenschaftlichen Entdeckungen von Louis Pasteur und die daraus resultierenden Methoden zur Sterilisation von Saugflaschen minderten die mit der Ersatznahrung verbundenen Gesundheitsrisiken erheblich. Der Einsatz der Flasche verbreitete sich immer mehr, zunächst in unterschiedlichen Ausführungen aus Zinn, Weissblech, Steingut und Porzellan. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzen sich allmählich Flaschen aus Glas durch.

Steinzeit

Aus der Steinzeit ist keine bildliche Darstellung des Stillens bekannt. Aus einer kürzlich in der Zeitschrift Nature erschienenen Studie erfahren wir jedoch mehr zu diesem Thema. Der Bariumgehalt im Backenzahn eines Kindes aus der Zeit der Neandertaler deutet darauf hin, dass Säuglinge etwa sieben Monate lang gestillt wurden. Anschliessend wurde ihre Nahrung für weitere sieben Monate mit anderen Nahrungsmitteln ergänzt. Mit etwa 18 Monaten waren sie schliesslich vollkommen abgestillt(7). Diese Ergebnisse stellten auch für die Wissenschaftler eine Überraschung dar, weil zum einen bekannt ist, dass weibliche Schimpansen ihre Jungen in der freien Wildbahn mehr als fünf Jahre lang stillen. Zum anderen liegt ethnografischen Parallelen zufolge das Abstillalter in nicht industrialisierten Bevölkerungsgruppen bei etwa zweieinhalb Jahren. Da diese Studie auf der Analyse eines einzigen fossilen Zahns beruht, können ihre Erkenntnisse jedoch nicht verallgemeinert werden.

Antike

Die Formen antiker Saugflaschen – aus etruskischer, hellenistischer wie auch römischer Zeit – bleiben über einen vergleichsweise langen Zeitraum von 13 Jahrhunderten, vom 9. Jahrhundert v. Chr. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr., relativ unverändert. Sie ähneln kleinen Gefässen mit Schnäbeln und Henkeln. Die Flaschen, die in eine Handfläche passen, waren lange Gegenstand kontroverser Diskussionen: Von einigen wurden sie als Saugflaschen, häufiger jedoch als Gefässe zum Befüllen von Öllampen oder im Fall von gläsernen Fläschchen auch als Parfümphiolen gedeutet. In den 1990er Jahren durchgeführte Analysen von Saugflaschen aus Terrakotta und Glas wiesen allerdings Inhaltsspuren von gesättigten Fettsäuren nach, die nur in menschlicher oder tierischer Milch vorkommen (Stearin-, Myristin-, Laurin- oder Caprinsäure). Daran zeigt sich, dass diese Objekte in der Vergangenheit sehr wohl Milch enthielten(8). Ein von einer jungen Mutter ausgeführtes Experiment bewies ebenfalls, dass Keramikgefässe aufgrund ihrer Form und der Existenz einer Öffnung im oberen Teil auch als Milchpumpe verwendet worden sein könnten(9).

Die Terrakottabehälter mit Ausgusstülle und seitlichem Henkel ähneln Miniaturversionen von Küchengefässen, Krügen oder Trinkbechern. Bei den sogenannten Askoi ist die Öffnung nicht mittig und der Henkel ist oben angesetzt, während Filtersaugflaschen einen Deckel haben, der mit kleinen Löchern versehen ist. Die Gefässe sind klein und haben ein geringes Fassungsvermögen von ein bis zwei Dezilitern, sodass sie in einer Hand gehalten werden können. Im 1. Jahrhundert n. Chr. kamen Gutti aus Glas auf. Sie zeichnen sich durch einen zierlichen Schnabel aus, mit dem die Milch tropfenweise verabreicht werden konnte. Sie werden häufig in Gräbern von Kindern gefunden, die in jungem Alter verstorben sind, und zeugen von einer besonderen Aufmerksamkeit ihnen gegenüber. Inschriften auf Grabsteinen aus römischer Zeit spiegeln die Trauer und Zuneigung wider, die Eltern für ihre verstorbenen Kinder empfanden: Sie beschreiben ihre «grosse Traurigkeit» oder sprechen von ihrem «geliebten Kind»(10).

Neuzeit: Die Entwicklung und Verbreitung der modernen Saugflasche

Im 16. Jahrhundert vollzieht sich in der Entwicklung der Form der Saugflasche eine Wende, als die seit der Antike gebräuchlichen Kuhhörner, Krüge und Tonbecher durch ein flaschenförmiges Gefäss ersetzt wurden. Die hohe Sterblichkeit ausgesetzter, in Hospizen oder bei Ammen zurückgelassener Kinder und die Drohung eines Bevölkerungsrückgangs veranlassten Ärzte, Ersatznahrung auf der Basis tierischer Milch zu entwickeln. Die aus einer Vielzahl von Materialien hergestellten Saugflaschen weisen dennoch einige Gemeinsamkeiten auf: Unabhängig davon, ob sie aus Holz, Zinn oder Glas sind, handelt es sich jeweils um hohe Gefässe, die Flaschen ähneln. Sie alle haben ein durchbohrtes Mundstück in Form einer Brustwarze, welches nur eine geringe Druchflussmenge erlaubte. Häufig wurde ein Stück Stoff oder ein kleiner Schwamm daran befestigt, um zu verhindern, dass sich der Säugling beim Trinken am Zahnfleisch verletzte. Die robusten Saugflaschen aus Zinn wurden trotz der hohen Kindersterblichkeit, die sie verursachten, bis ins 19. Jahrhundert durchgehend eingesetzt: Die Milch «wurde sauer und griff dadurch das Metall an, welches sich dann in der Milch auflöste. So führte sie beim Säugling zu schweren Vergiftungserscheinungen»(11).

Seit dem 18. Jahrhundert waren die Hersteller bemüht, den Komfort der Säuglinge beim Stillen zu verbessern und die Reinigung der Gefässe zu erleichtern. So wurde zunächst eine «schiffchenförmige» Flasche, dann schliesslich im angelsächsischen Raum die «Banane» aus mundgeblasenem Glas entwickelt. Dank ihrer lang gezogenen Form kann der Säugling in zurückgelehnter Haltung im Arm der Mutter liegen. Die Mutter kann den Milchfluss durch Druck mit dem Daumen auf eine der Öffnungen regulieren. Die als «Holzschuh» bezeichnete Saugflasche verfügt über einen aufgerichteten Hals. Einige Saugflaschen sind mit prächtigen eingravierten Blumenmustern verziert. Sie zeugen vom Luxus und Reichtum wohlhabender europäischer Familien.

Der industrielle Fortschritt im Dienste der Konsumgesellschaft

Zwischen 1850 und 1950 passte sich die Saugflasche den Anforderungen der modernen Gesellschaft an, die nach widerstandsfähigen, praktischen und preisgünstigen Produkten verlangt. Die 1860 erfundene Saugflasche mit Schlauch trägt dieser Nachfrage Rechnung: Dank dieser flachen und mit einem Kautschukschlauch versehenen Glasflasche kann der Säugling praktisch alleine trinken! Doch in dieser zunächst als äusserst praktisch gepriesenen Saugflasche wimmelte es von Bakterien. Sie erwies sich als wahres «Killerfläschchen» und wurde 1910 verboten. Die Erfindung des Pressglases, insbesondere des hitzeresistenten Pyrex® im Jahre 1924, führte zur Herstellung von geraden Flaschen mit Skala und Gummisauger. Der Flaschenhals wurde allmählich erweitert, um eine perfekte Reinigung zu ermöglichen. Zugleich leistete auch die Entwicklung neuer medizinischer Disziplinen wie der Kinderheilkunde und Säuglingspflege einen Beitrag zur Diversifikation der Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern. In diesem historischen Kontext erfanden Henri Nestlé und Maurice Guigoz in der Schweiz das Kindermehl und die ersten Milchpulver für Säuglinge.

Verkaufsvörderung in der Nachkriegszeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen neue Materialien wie Bakelit auf den Markt. Der französische Fabrikant Remond nutzte seit 1946 diese aus Belgien stammende Erfindung, um Ringe mit Schraubgewinde herzustellen, mit denen die Sauger, ohne sie zu berühren, am Flaschenhals befestigt werden konnten. Seit den 1960er Jahren wurden der Ring, der Flaschenkörper, wie auch der neu entwickelte Deckel zum Schutz des Saugers aus Polypropylen hergestellt. Die Flaschen wurden nun mit per Siebdruck aufgebrachten Motiven kindgerechter gestaltet. Zu den beliebtesten Motiven zählten bekannte Zeichentrickfiguren oder das Logo der jeweiligen Marke.

Das 21. Jahrhundert – bestmögliche Annäherung an das Stillen an der Mutterbrust

Seit den 1990er Jahren bietet die Saugflasche Mutter wie Kind eine Erfahrung, die dem Stillen an der mütterlichen Brust möglichst nahe kommen soll. Die Flasche wird aus bruchsicherem, geschmeidigem Kunststoff oder Silikon hergestellt. Mit ihrer ergonomischen S-Form oder Griffen, die zum Spielen einladen, fördert sie die psychomotorische Entwicklung des Kindes. Auch die Sauger passen sich den Bedürfnissen des Säuglings an: Sie sind nun aus Silikon, lassen den Inhalt unterschiedlich schnell fliessen, beugen Koliken vor und imitieren die Hautstruktur der mütterlichen Brustwarze. Unter dem Gesichtspunkt Gesundheit und Hygiene haben die Flaschen einen abschraubbaren Boden und werden mittlerweile ohne Bisphenol A, einer potentiell giftigen chemischen Substanz, hergestellt.

Aktueller Höhepunkt dieser Entwicklung bildet eine Maschine zur Zubereitung von Milchschoppen mit Hilfe von Milchpulverkapseln , die den Anforderungen unserer modernen Gesellschaft gerecht zu werden scheint.

Annabelle Peringer
Neuchâtel, CH

Annabelle Peringer ist Archeologin und Historikerin der Antike. Seit 2008 hat sie mit mehreren Medien und Schweizer Unternehmen, darunter 24 heures, Loisirs.ch und Coopération, als Redakteurin und Spezialistin der digitalen Kommunikation zusammengearbeitet. Von 2014 bis 2017 war sie Chefredakteurin des Alimentarium Magazins.

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