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Über uns
Eine kurze Geschichte der Nicht-Fleischesser
26
Mai
2021
Jelena Ristic
Der Begriff „vegan“ ist relativ jung. Deshalb verzichteten viele Menschen seit Urzeiten auf tierische Produkte, ohne sich so zu nennen...

3,6 Mio. Jahre bis 10 000 v.u.Z

Beginn der Menschheit
Jahrtausende vor der Sesshaftwerdung der Menschen und Domestizierung von Tieren, die um 10 000 v.u.Z begannen, sollen die ersten Menschen-Gemeinschaften und ihre Australopithecinen-Vorfahren wie die berühmte Lucy sich je nach Verfügbarkeit hauptsächlich pflanzlich ernährt haben. Fleisch konsumierten sie nur ganz gelegentlich. Allerdings sieht die Wissenschaft einen Zusammenhang zwischen zunehmender Gehirngrösse bei Hominiden und Ernährung mit höherem Fleischanteil.

877-777 v.u.Z

Ahimsa ‒ das Prinzip der Gewaltlosigkeit
Auf dem indischen Kontinent lehrt Parshavanatha, einer der Meister des Jainismus, seinen Anhängern das Prinzip Ahimsa, die Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen.

580-495 v.u.Z

a2+b2=c2
Pythagoras von Samos, dem wir den berühmten geometrischen Lehrsatz verdanken, soll bereits praktiziert haben, was wir heute Veganismus nennen. Allerdings hinterliess der griechische Gelehrte der Philosophie, Religion und Wissenschaft keine Schriften – und so bleibt sein Leben im Verborgenen. Seine Anhänger – wie der Romantiker Percy Shelley Jahrhunderte später – bezeichneten den Fleischverzicht als „die Ernährung des Pythagoras“.

484-425 v.u.Z

Maat und die kosmische Gerechtigkeit
Herodot, der „Vater der Geschichte“, erzählt in seinen Historien, dass im alten Ägypten jeder, der ein heiliges Tier tötete, mit dem Tod bestraft wurde. Die Bevölkerungsmehrheit hielt sich an einen religiösen „Vegetarismus“, denn sie glaubte, dass sich die Tiere bei Maat, der Göttin der Gerechtigkeit und der kosmischen Harmonie, über menschliche Vergehen beschweren konnten.

43 v.u.Z

Ovid und der Horror vor Fleisch
Der römische Dichter Ovid zeigt auf, dass der Verzehr von Tierfleisch ungerecht sei, indem er im Buch XV der Metamorphosen eine Figur aus Samos in Szene setzt, die dem griechischen Mathematiker Pythagoras nicht unähnlich ist: „Welch ein Frevel, weh! wenn Geweid in Geweide gestopft wird und ein gieriger Leib einen Leib verschlingend sich mästet, ein Beseeltes lebt vom Tod eines andern Beseelten! ! ((XV, 88-90)) [...] Und ‒ so gross ist der Menschen Gier nach verbotener Speise ‒ hiervon wagst du zu essen, o menschlich Geschlecht! Und ich bitte: tu es nicht und kehr‘ deinen Sinn an meine Ermahnung:Wenn euren Gaumen ihr letzt an den Gliedern erschlagener Rinder, wisset und fühlt: ihr zerkaut den eigenen Arbeitsgefährten!“ ((XV, 138-142)).

1. Jh. n.u.Z.

Stoische Enthaltsamkeit
In seinem 108. Brief an Lucilius bestätigt der stoische Philosoph Seneca seinen Vegetarismus und erklärt, dass der Tod zu einer Seelenwanderung führe und die Seelen der Menschen sich in Tierkörpern wiederfinden könnten: „Wenn diese Lehre wahr ist, vermeiden wir durch den Verzicht auf tierisches Fleisch Verbrechen. Wenn sie jedoch falsch ist, sind wir einfach nur genügsam.“

2. Jh.

Du sollst nicht töten
Im Mahayana-Buddhismus gilt das Verbot, Tiere zu verletzen, zu töten oder zu essen. Die Mönche hielten sich streng daran und weigerten sich sogar, Wasser zu trinken, das Insektenlarven enthalten konnte.

Römisches Reich

„Ich bin Spartacus!“
Archäologen entdeckten kürzlich, dass Gladiatoren im Römischen Reich oft Veganer waren. Sie pflegten ihr Übergewicht, da die Fettschicht als zusätzlicher Schutz gegen schwere Verletzungen galt. Da sie sich von Bohnen und Getreide ernährten, erhielten sie den Spitznamen Hordarii „Gerstenfresser“.

973-1057

Der misanthropische Veganer
Der grosse arabische Dichter Abū l-ʿAlāʾ al-Maʿarrī lebte zurückgezogen, war blind und pessimistisch. Er pries ein asketisches Leben und wurde mit dreissig Jahren Veganer. In einem seiner Gedichte schreibt er davon und fleht den Leser an, auf Fleisch und tierische Produkte zu verzichten, da er dessen Konsum für Machtmissbrauch und verbrecherisch hält.

Im Mittelalter

Eine Frage der Busse
Zur Busse schlossen im Mittelalter manche Mönchsorden und mystische Asketen Fleisch als Nahrung aus, obwohl nach mittelalterlicher Vorstellung Tiere für den Menschen da waren und Fleisch als begehrtes Nahrungsmittel galt. Bauern assen es nur selten ‒ weniger aus moralischen Gründen, sondern weil es kaum verfügbar und teuer war.

Das Zeitalter der Vernunft

Aufgeklärter Vegetarismus
Die Denker der Aufklärung beschäftigen sich aus hygienischen oder moralischen Gründen mit der Frage, welchen Platz Tiere in der Nahrungskette einnehmen. Einige Ärzte propagieren Pflanzennahrung, die leichter verdaulich und eine Quelle für Langlebigkeit sein sollte, während Anatomen beweisen wollen, dass der menschliche Körper nicht für Fleischverzehr gemacht sei. In seiner Naturgeschichte hält Buffon fest, dass der Mensch sich ausschliesslich von Pflanzen ernähren kann. Mit Blick auf die Moral nennt Voltaire Fleisch eine „verkleidete Leiche“, während Jean-Jacques Rousseau findet, dass Fleischkonsum unserem Mitgefühl widerspricht.

1802

Tierrechte und moralischer Vegetarismus
Der Antiquitätenhändler Joseph Ritson, Verfasser der Robin Hood-Legenden und glühender Verfechter der Ideale der Französischen Revolution, veröffentlicht einen Aufsatz zum Verzicht auf tierische Produkte als moralische Pflicht. Dieser Text beeinflusst die englischen Romantiker wie das Ehepaar Shelley und Lord Byron.

1813

Gelobt sei der Vegetarismus
Im Alter von 21 Jahren schreibt der englische Romantiker Percy Bysshe Shelley A Vindication of Natural Diet (Eine Verteidigung der natürlichen Ernährung). Sein Interesse am Vegetarismus erwacht bei der Debatte über Vitalismus als Lebensessenz. Denn er will Chirurg werden, nachdem die Universität Oxford ihn ausgeschlossen hat. Er wendet sich immer radikaler gegen Unterdrückungssysteme, an denen teilzunehmen er sich weigert. In seinem Text sieht er einen Zusammenhang zwischen moralischer und physischer Gesundheit sowie Fleischkonsum und Alkoholismus, den er für eine der schlimmsten Geisseln seiner Zeit hält.

1818

Das Monster, das sich von ... Beeren ernährt
Mary Shelley, Ehefrau von Percy Shelley und Tochter der Feministin Mary Wollestonecraft, veröffentlicht Frankenstein oder Der moderne Prometheus, den sie am Ufer des Genfer Sees schrieb. In ihrem Roman beschreibt sie das Monster als Veganer. Es erklärt seinem Schöpfer Viktor Frankenstein, dass es sich nicht wie die Menschen ernährt, die Vernichtung von Tieren zur Stillung seines Appetits ablehnt und Beeren sowie Eicheln ihn ausreichend ernähren: „My food is not that of man. I do not destroy the lamb and the kid to glut my appetite; acorns and berries afford me sufficient nourishment.“

1847

The Vegetarian Society
Der erste Verein von und für Vegetarier gründete sich in Grossbritannien. 1882, ein paar Jahrzehnte später folgt Frankreich diesem Beispiel.

Zu Beginn des 20. Jhs.

Bircher Müsli und Rohkost
Maximilian Bircher-Benner, Schweizer Arzt und Ernährungswissenschaftler, glaubt an die Theorie des Vitalismus und propagiert Rohkostnahrung auf der Basis von Getreide, Obst und Gemüse. In der zeitgenössischen, westlichen Ernährung findet sich das Bircher Müsli aus Haferflocken, Äpfeln und Haselnüssen als sein direktes Erbe.

1898

Das erste rein vegetarische Restaurant
Der deutsche Schneider Ambrosius Hiltl, ein Anhänger der Ernährungslehre von Bircher-Benner, liess sich 1898 in Zürich nieder und übernahm einige Jahre später das vegetarische Restaurant Vegetarierheim und Abstinenz-Café, dem er seinen Familiennamen als Markenzeichen aufdrückt.

1900-1920

Der Berg der Wahrheit
Im Jahr 1900 entstand das Siedlungsprojekt Monte Verità in Ascona, Tessin. Gründungsmitglieder sind die deutsche Pianistin Ida Hofmann, der Belgier Henri Oedenkoven und der österreichische Offizier Karl Gräser. Sie leben in eigenhändig gebauten Häusern und ernähren sich von ihren Gärten. Neben striktem Vegetarismus praktizieren sie auch Freikörperkultur und lehnen die Idee des Privateigentums ab. Sie eröffnen ein Sanatorium für Sonnenkuren und vegetarische Ernährung, um ihre Finanzen aufzubessern. Die Kooperative zieht Intellektuelle, Künstler und Anarchisten an: Carl Jung, Hermann Hesse, Sophie Täuber-Arp und Erich Mühsam halten sich hier auf. 1920 verlassen die Gründer Ascona, um in Brasilien etwas Neues aufzubauen.

1923

„Du wirst Veganer sein!“
Sophie Zaijkowska, französische Anarchistin, gründet das Foyer Végétalien, Restaurant und Treffpunkt in der Rue Mathis in Paris. Sie ist Co-Autorin von Tu seras végétalien ! (Du wirst Veganer sein!), ein Manifest für die Ernährung ohne tierische Produkte, das den Leser schon auf der Titelseite betroffen macht: „Pour conquérir la santé, l'affranchissement individuel et social, remplace l'habitude par l'application des lois physiologiques. (Für die Gesundheit ersetzt die Befreiung des Individuums und der Gesellschaft die Gewohnheit durch die Anwendung physiologischer Gesetze.)“

1944

Haben Sie «ve-gan» gesagt?!
Da Vegetarier Eier und Milchprodukte essen, kreiert der englische Schreiner Donald Watson einen neuen Begriff für diejenigen, die nichts dergleichen essen: «vegan», eine Verkürzung des Wortes «vegetarian». Gleichzeitig gründet er den Verein The Vegan Society und weist im Newsletter, der damals 25 Abonnenten hatte, darauf hin, dass das Wort „ve-gan“ und nicht „ve-dschan“ ausgesprochen wird. Er sieht den Veganismus „am Ursprung und Ende der vegetarischen Bewegung, als Ausgangspunkt und Ziel.“

1985

Fleisch ist Mord – Musik im Dienste der Bewegung
Die angelsächsische Band The Smiths veröffentlicht ihr 2. Studioalbum Meat Is Murder (Fleisch ist Mord) und schliesst sich damit einer wachsenden Tierschutzbewegung an, die viel mehr als nur eine Ernährungsrichtung ist.

2021

Vegane Sterneküche
ONA ist das erste vegane Restaurant mit einem Stern des Guide Michelin. Der Name des Restaurants ist die Abkürzung für „Origine Non-Animal“ (Nicht-Tierischen Ursprungs). Es wird von Claire Vallée geführt, einer ehemaligen Archäologin und autodidaktischen Küchenchefin.

2021

78 Millionen
So viele Veganer gibt es ungefähr weltweit, also mehr als das Neunfache der Schweizer Bevölkerung. Insgesamt leben auf der Welt derzeit 7,8 Milliarden Menschen.

2040

Werden die Kühe eines Tages verschwinden?
Einige sagen voraus, dass 2040 nur noch 40% der Weltbevölkerung Fleisch tierischen Ursprungs, 35% Laborfleisch und 25% vegane Fleischersatzprodukte essen werden.
Jelena Ristic
Kuratorin und Sammlungsverantwortliche
Vevey, Switzerland
Jelena Ristic besitzt ein Diplom in Geisteswissenschaften und Museologie. Seit 2017 ist sie als Kuratorin und Sammlungsverantwortliche im Alimentarium tätig.

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