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Das Ei im Hinduismus

Das Ei symbolisiert in der frühen hinduistischen Mythologie den Kosmos. Aus dem Ei entstehen die Schöpfergottheit Prajapati oder – je nach Mythos – Himmel und Erde. Diese Bedeutung des Eis ist aber heute verblasst. Spätere Texte berichten nur noch von Verzehr und Handel. Seit den 1980er Jahren steigt die Eierproduktion als Reaktion auf die veränderte Lebensweise der Mittelklasse stetig.
ST027-05 Vendeur oeufs Inde 2011
© Shutterstock / Claudine Van Massenhove - Frischei-Verkauf, Khajuraho, Indien, 2011

Mythologie

Das Ei (Sanskrit ‚anda‘) symbolisiert in der frühen hinduistischen Mythologie den Kosmos. Aus ihm wird Prajapati, der ‚Herr aller Kreaturen‘, geboren. Das zwischen dem 10. und dem 7. Jh. v.u.Z. verfasste Shatapatha Brahmana ist einer der bedeutendsten vedischen Texte. Er erklärt die zentralen Riten und Hymnen der Veden und beschreibt die Entstehung der Welt: „Zu Beginn war dies (es Universum) gewiss Wasser, nichts als Wasser. Sie [die Gewässer] wünschten sich: „Wie können wir neu entstehen?“ Sie bemühten sich und erhitzten die Glut. Als sie sich gerade erhitzten, erschien ein goldenes Ei. Zu der Zeit gab es gewiss das Jahr [die Zeit] noch nicht, doch dieses goldene Ei trieb für den Zeitraum von einem Jahr umher. In diesem Jahr erschien dann hieraus ein Mann, es war Prajāpati.“ (Satapatha-Brahmana 11.1.6). In einem anderen Hymnus desselben Textes erschafft Prajapati die Wasser und dringt mithilfe von Veda (dem Wissen) in sie ein, wodurch sich das Ei entwickelt. Aus seinem Embryo wird Agni geboren – der Gott des Feuers, der Ursprung aller Opfer – und aus der Schale wird die Erde.

Das mit der Urenergie ‚Brahman‘, dem absoluten Prinzip verbundene ‚kosmische Ei‘ wird ‚Brahmanda‘ genannt. Als Lebensquelle vereint es die männlichen und weiblichen Prinzipien. In zwei Hälften – Himmel und Erde – aufgeteilt, stellt es das Universum dar, wie es in dieser Passage der Chandogya Upanishad (den ‚philosophischen Lektionen‘ des Veda) heisst: „Am Anfang war diese [Welt] gänzlich Nichtseiendes. Das wurde Seiendes. Dieses [Seiende] verdichtete sich. Es bildete sich zu einem Ei aus. Das lag da für den Zeitraum eines Jahres. Es spaltete sich auf. Die beiden Eierschalen wurden zu Silber und Gold. Die Erde ist [seine] Silber[schale], das Firmament [seine] Gold[schale]. Die Berge sind die äusserer Eihaut, Wolke und Nebel die innere Eihaut, die Flüsse die Gefässbahnen, das Salzmeer das Eiklar.“ (Slaje, Walter. 2009. Upanischaden Arkanum des Veda. Verlag der Weltreligionen.)

Abgesehen von seiner Bedeutung in der hinduistischen Kosmogonie spielt das Ei in den dem Brahmanismus heiligen Riten keine Rolle mehr. Die Lebensmittel der vedischen Speise- und Trankopfer bestehen fast immer aus Milchprodukten (,ghee‘, Milch, Sahne, Dickmilch), Fleisch (vor allem Ziegen) oder aus ‚soma‘, dem Saft, der bei den Opferzeremonien das Elixir der Unsterblichkeit darstellt. In nachvedischer Zeit verblasste die mythische Bedeutung des Eis und, wenn spätere Texte es erwähnen, handeln sie vor allem von Verboten oder kritisieren Eierhändler.

Genuss

Es ist bekannt, dass für Hindus vegetarische Ernährung wichtig ist. Allerdings sind nicht alle Hindus Vegetarier. Selbst für Kasten, die wie die brahmanische diese Vorschrift beachten, kann die Liste erlaubter und verbotener Nahrungsmittel – mit Ausnahme des Ausschlusses von Rindfleisch – regional stark abweichen. Dies gilt auch für den Genuss von Eiern. In Rajasthan isst nur jede zehnte Familie Eier, in Goa oder Westbengalen sechs bis sieben von zehn Familien. Zahlreiche Brahmanen lehnen Fleischverzehr ab, essen aber Omelett oder andere Eierspeisen.

Der in den letzten Jahrzehnten in Indien beobachtete Anstieg weist jedoch – jenseits des Bevölkerungswachstums – auf die gewachsene Bedeutung des Eierkonsums für die Ernährung vor allem in den Städten hin. Nach den von der FAO im Jahr 2009 publizierten Zahlen stieg der Verbrauch pro Einwohner und Jahr von 0,7 kg im Jahr 1980 auf 1,8 kg im Jahr 2005. Der geringe Preis, der Eiweissgehalt und die Tatsache, dass Geflügelprodukte in keiner Religion verboten sind, erklären das Interesse der städtischen Mittelschicht, die, wie in anderen asiatischen Ländern, sich mehr und mehr von tierischen Proteinen ernährt.