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Sinnesvergnügen
Bereit für die äussere Welt
01
Mai
2015
Sebastian Dieguez
Vielmehr hat es sich lange mit ihr vertraut gemacht und sich darauf vorbereitet, nicht nur Teil der Menschheit, sondern auch einer ganz bestimmten sozialen Gruppe zu sein. Es hat dazu seine Mutter als Informationsquelle und Resonanzkörper genutzt und die einströmenden Reize mit all seinen Sinnen erkundet.

Welche Erinnerungen hat das Neugeborene an diese Sinneseindrücke im Mutterleib? Zu diesem Thema gibt es bereits intensive Forschungen. So weiss man, dass Neugeborene eine Vorliebe für den Geschmack des Fruchtwassers haben. Nimmt die Mutter in den letzten zwei Schwangerschaftswochen regelmässig einen bestimmten Geschmacksträger zu sich, so beobachtet man bei ihrem Baby einige Tage, wenn nicht gar Wochen lang, eine deutliche Vorliebe oder zumindest Sensiblilität für diesen Geschmack (dies wurde für Anis, Vanille, Schokolade, Karotte und sogar Knoblauch nachgewiesen). Der Grund für diesen an die berühmte Madeleine von Proust erinnernden Effekt ist, dass Geruchs- und Geschmackssysteme in engem Zusammenhang mit jenen Systemen unseres Gehirns stehen, die für Emotionen und Erinnerungen verantwortlich sind.

 

Eine bekannte Studie zum Gehör zeigt, dass Babys, die ihre Entwicklung im Mutterlieb in der Nähe des Flughafens von Osaka in Japan durchlaufen haben, weniger oft von Fluglärm aufwachen, wohl aber von einer ebenso lauten Melodie.(1) Auch den Abspann einer Fernsehserie, die die Mutter während der Schwangerschaft regelmässig sieht, erkennt ein zwei bis vier Tage altes Neugeborenes wieder.(2) Das Neugeborene scheint also nicht nur auf die Stimme und Intonation der Mutter vorbereitet zu sein, sondern auch auf die in seinem Umfeld vorrangig gesprochene Sprache, auf deren Nuancen, akustisches Profil und bestimmte Klänge.

Schon in den letzten acht bis zehn Schwangerschaftswochen beginnt der menschliche Fötus zu lernen. Dies scheint von der Evolution so vorgesehen zu sein. In den letzten 20 Wochen vor der Geburt nimmt das Gehirn des Fötus automatisch seine Funktion auf. Eine spontane, endogene Aktivität der Neuronen sorgt dafür, dass die Axone, das sind Fasern, welche die Nervenzellen verbinden, wachsen und die nächste Zelle erreichen können. Zu Beginn erfolgt dies zufällig. Im Laufe der Ausbildung der Sinnesorgane wird die Hirnaktivität zunehmend gesteuert und erreicht um die 28. Schwangerschaftswoche eine gewisse Synchronisierung.

 
 

Auch wenn diese Entwicklung der Sinne des Fötus genetisch vorgegeben ist, heisst das nicht, dass sie nicht auch Umwelteinflüssen unterläge. Alle dies Einflüsse – seien sie physikalischer (Bewegung und Position der Mutter, Berührungen des Bauchs) oder chemischer Art (Ernährung, eventuelle toxische Substanzen), Geräusche, Stimmen, Gerüche, Licht etc. - bedeuten für das Ungeborene einen ersten Kontakt mit seiner physischen und sozioemotionalen Umwelt. Sie dienen der Vorbereitung des Gehirns, wobei es für jeden von Ihnen eine „kritische Phase“ gibt, und ermöglichen es dem Fötus, Aneignung von Wissen zu speichern, emotional zu reagieren und andere Wesen zu entdecken. Die fötale Entwicklung umfasst auch die Aneignung sozialer Kompetenzen.

“Die fötale Entwicklung umfasst bereits auch die Aneignung sozialer Kompetenzen.”

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Fötus fürs Leben

Eine aktuelle Studie brachte interessante Erkenntnisse über die Sozialkompetenz von Föten zutage. Sie untersuchte das Verhalten von Zwillingsföten im Mutterleib. Wussten die beiden schon, dass sie Geschwister sind? Eine Auswertung ihrer Bewegungen scheint darauf hinzudeuten.

Italienische Forscher verglichen die Dynamik ihrer Bewegungen im Mutterleib und unterschieden zwischen Bewegungen, die sich auf die Bauchwand, auf den Fötus selbst und auf den Zwilling richteten.(3) Dabei stellten sie fest, dass die auf den Zwilling gerichteten Bewegungen länger und langsamer waren. Zwischen der 14. und 18. Schwangerschaftswoche werden die auf sich selbst und auf die Bauchwand gerichteten Bewegungen seltener und die auf den Zwilling gerichteten Bewegungen häufiger.

Diese Beobachtungen können kaum dem Zufall zuzuschreiben sein, zumal sich das Muster bei allen fünf untersuchten Zwillingspärchen wiederholte. Sie scheinen auf eine gewisse Planung, wenn nicht gar Absicht der Geste hinzudeuten. Der Zwilling im Mutterleib wird nicht als Gegenstand oder Hindernis wahrgenommen, sondern als Artgenosse, den es mit Umsicht und Respekt zu behandeln gilt und mit dem man interagieren kann.

Diese grundlegende Empathie ist vermutlich nicht nur Zwillingen eigen, sondern stellt eine Grundeigenschaft aller Menschen dar. Unsere Sinne verbinden sich mit Emotionen und Bewegungen zu einem Mechanismus, der Erforschen, Lernen und Austausch erlaubt. 

Fazit
Unser Gehirn zu pflegen, zu perfektionieren und zu nutzen ist eine lebenslange Aufgabe. Das Entscheidende jedoch ist bereits beim Neugeborenen am Ende der Schwangerschaft sowie in den ersten Lebensmomenten angelegt und nutzbar. Wie die einzelnen Sinne des Fötus interagieren, wann das menschliche Wesen sich ihrer bewusst wird und sie unterscheiden kann, das sind nur einige der vielen offenen Fragen.

Studie zum Flughafen von Osaka: Ando, Y. & Hattori, H. (1970). Effects of intense noise during fetal life upon postnatal adaptability (statistical study of the reactions of babies to aircraft noise). J Acoust Soc Am, 47(4): 1128-1130.

Studie zu den Fernsehserien: Hepper, P.G. (1991). An examination of fetal learning before and after birth. Irish Journal of Psychology, 12(2): 95-107

Castiello U., et al. (2010). Wired to be social: the ontogeny of human interaction. PLoS ONE, 5(10): e13199. Doi:10.1371/journal.pone.0013199

Sebastian Dieguez

Forscher auf dem Gebiet der Neurowissenschaften und Neuropsychologe

Sebastian Dieguez ist Forscher auf dem Gebiet der Neurowissenschaften und Neuropsychologe am Labor für kognitive und neurologische Wissenschaften der Universität Freiburg, wo er über das Körperbewusstsein, die Zweisprachigkeit und die Vorstellung des Zufalls forscht. Er schreibt für das Magazin Cerveau&Psycho und Le Temps. Er ist Autor von Maux d’Artistes: ce que cachent les oeuvres und Mitherausgeber von Literary Medicine: Brain disease and doctors in novels, theater and film.

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