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Über uns
Welche Rolle spielt der Tod für uns als Esser?
16
Juni
2021
Jérémie Forney
Nutztierzucht geht im Allgemeinen einher mit dem Töten von Tieren. Anthropologisch gesehen ist das nicht unbedeutend…

Nutztierzucht geht im Allgemeinen einher mit dem Töten von Tieren. Anthropologisch gesehen ist das nicht unbedeutend. Menschliche Gemeinschaften haben oft besondere Anstrengungen unternommen, dem Töten von Tieren einen sozialen Rahmen zu geben. Das heisst nicht, dass es als Drama erlebt wurde, eher im Gegenteil. Oft war der Tod eines Tieres Grund zur Freude, z.B. bei Schweizer Bauern, für die noch im 20. Jh. die Schlachtung eines Schweins ein Festanlass war. Auch die von manchen Religionen wie dem Islam und Judentum vorgeschriebenen Regeln des rituellen Schlachtens gehören als feierliche Handlung hierher. Die Rituale der islamischen Dhabihah oder des jüdischen Schächtens können verschieden interpretiert werden, aber grundsätzlich zeigen sie eine Verbindung zum problematischen, unreinen, sogar verbotenen Aspekt des Tötens. Die Rituale sollen auf symbolischer Ebene den Verzehr eines toten Tieres möglich machen. Als ein Beispiel ausserhalb der Tierhaltung können wir auf verschiedene Jagdrituale verweisen ‒ seien es die Gebete der Inuit an die Meeresgöttin Sedna (sie soll die Meerestiere befreien, damit sie gejagt werden können), oder die Opferzeremonien der Lakota-Indianer vor dem Aufbruch zu Jagd für den Geist des Büffels. Es gäbe hier noch viele Beispiele zu nennen.
Das mag exotisch klingen und erinnert an andere Zeiten, aber wir können eine interessante Parallele zu unseren heutigen westlichen Gesellschaften ziehen. Der problematische Aspekt der Tiertötung zeigt sich auch darin, dass das Tier in der Fleischindustrie quasi unsichtbar wird. Infrastrukturen wie Schlachthöfe liegen geografisch weitab, ausserhalb der Wahrnehmung der Menschen. Die Fleischstücke werden sorgfältig vorbereitet und dem Verbraucher aseptisch in Plastikschalen präsentiert. Auch die Marketingbilder zeigen nur wenig Bezug zum biologischen Tier und erwähnen weder Tod noch Blutvergiessen. Die Arbeit der Fleischindustrie besteht darin, das tote Tier physisch und symbolisch zu verwandeln. Sie verarbeitet das Fleisch eines getöteten Tieres zu einem gesellschaftlich und kulturell konsumierbaren, „neutralisierten“ Gut: dem Fleisch. Und wenn es um das eigentliche Töten z.B. in Schweizer Schlachthöfen geht, dann sieht man, dass auch hier das Töten stark reguliert wird. Es gelten die Tierschutzgesetze, die z.B. zur Betäubung des Tieres verpflichten, um Leiden zu vermeiden, sowie strenge hygienische Massnahmen: So muss ein Tierarzt das Tier untersuchen, um seine Gesundheit zu bestätigen. Wie die religiösen Vorschriften für halal oder koscher geschlachtetes Fleisch bilden diese Regeln einen kulturellen Rahmen, der den korrekten, gerechten, ja sogar edlen Tod vom grausamen, unreinen oder bedrohlichen Tod scheidet.
Jedenfalls ist klar, dass ein Teil der Bevölkerung mit diesem Rahmen nicht zufrieden ist und seine Wirksamkeit bei der Beseitigung des Tötungsskandals anzweifelt. Für viele ist der Tod eines Tieres überhaupt nicht mehr zu rechtfertigen. Andere halten Leid und Misshandlungen für unerträglich. Man kann es so zusammenfassen: Der Tod von Tieren hat in unseren Gesellschaften keinen selbstverständlichen Platz mehr: Entweder wir ignorieren ihn und drängen ihn an den Rand der Industriezonen, oder er wird unerträglich.
Doch bei der industrialisierten Fleischmassenproduktion leidet nicht nur das Tier. Die Forschung weist für Arbeiter in der industriellen Fleischverarbeitung Gesundheitsrisiken nach. Es geht um Krankheiten, die mit den Arbeitsbedingungen (Staub) oder Seuchen (Hepatitis E, Influenza, Streptokokken) einhergehen, sowie um solche, die von der schweren Arbeit herrühren (Rücken-, Finger-, Handgelenkschmerzen, Taubheit). Aber ausser körperlichen kann die Arbeit auch moralische Probleme verursachen: Schuldgefühle, das Gefühl, einen degenerierten Job zu machen, ein Ausgestossener zu sein. In der Tat wirken sich die Ausgrenzung der Schlachthöfe, der Tiertod und seine geringe soziale Akzeptanz auf die Arbeiter aus. Sie finden in ihrer Arbeit, die immer mehr zum „dirty Job“ wird, keine wirkliche Anerkennung.
Den Tötungsakt in industriellem Massstab ausführen zu müssen, bedeutet auch, es mit industrieller Methode und Tempo zu tun. Es ist eine Art Tod am Fliessband, wobei der Mensch bei mehreren Schlachttierarten, vor allem bei den grössten (Rinder, Kühe, Schweine), immer noch direkt eingreifen muss. Das industrielle Verfahren lässt weder den Raum, noch die Zeit, die es braucht, um den Tod zu verarbeiten... Wenn man mit einem Tier konfrontiert ist, das Angst zeigt und sich wehrt, ist es schwer, nicht betroffen zu sein, Distanz zu wahren, das Tier nicht mehr als Lebewesen zu sehen, es zu versachlichen, wie es die Fliessbandmethode nahelegt. Der Tötungsakt kann nicht vollständig ausgeblendet werden. Einmal mehr zeigt der Tod seine symbolische Kraft, auch wenn er aseptisch, reguliert und industrialisiert daherkommt.
Wie oft kommen Lösungen von der Entwicklung neuer Technologien, z.B. die Fleisch- oder Milchproduktion im Labor, ohne Tiere. Auch wenn sie noch auf lebende Tiere zurückgreifen, um Gewebe für den Herstellungsprozess zu entnehmen, lösen sie das Tötungsproblem, indem sie es überflüssig machen. Allerdings wissen wir heute noch nicht, inwieweit das künstlich hergestellte Fleisch als vollwertiger Fleischersatz angesehen wird. Wird es gesellschaftlich und kulturell wirklich als essbar akzeptiert?
Wir danken Zoé Lüthi (Unterstützung bei Recherche und Dokumentation).
Deutsch übersetzt nach dem französischen Original.

Bibliography

Jérémie Forney
Anthropologe und Experte für Landwirtschaft und Ernährung
Neuchâtel, Switzerland
Nach einer Dissertation über die Veränderung der Schweizer Landwirtschaft zu Beginn des 21. Jhs. spezialisierte sich Jérémie Forney mit Blick auf die aktuellen Umweltherausforderungen auf das Studium von Agrar- und Lebensmittelsystemen. Er forscht und lehrt am Institut d’ethnologie der Universität Neuchâtel.

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