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Fleischer im Film
21
Mai
2019
Emilie Boré
Den Fleischer sieht man ambivalent, weil er gleichzeitig mit Tod und Ernährung verbunden ist. Auf der Leinwand beunruhigt und fasziniert er zugleich. Willkommen in der Kühlkammer...

„Ah, Kommissar! […] Ich hoffe Sie haben starke Nerven, drinnen sieht es aus wie in einem Schlachthaus.“ Nachdem er seinen Vorgesetzten vor dem blutigen Anblick eines Tatorts in einem Kinosaal in Cannes gewarnt hat, öffnet der Polizeibeamte die Tür zu einem... echten Schlachthaus: Ein Mann mit rotem Gesicht und weisser Schürze zerteilt in malerischer Umgebung – gekachelte Wände, Reihen von Geflügel, aufgehängte Tierhälften – zu Akkordeonklängen mit einer Hacke ein Stück Fleisch. Dieser Kult gewordene Dialog aus der französischen Komödie La Cité de la peur („Stadt der Angst“, 1994) offenbart die Ambivalenz des Fleischers als Doppelsymbol für Gewaltverbrecher und netten, unser Essen besorgenden Mann.

Zum Beweis sehe man sich Filme an, die Fleischer in Grossaufnahme zeigen: Zwischen der Auslage („dem Verkaufsstand“) und dem Hinterzimmer (oft ein mit schwerer Türe verschlossener Kühlraum) liegt eine überraschende Distanz...

Der Schein trügt

In Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris (Original: La Traversée de Paris, 1956) schickt die Metzgerin Schlange stehende Kunden auf die Strasse zurück und schimpft: „Ich habe nichts mehr, was soll ich euch denn verkaufen? Die Mauern?“ Wir sind im Jahr 1942, auf dem Höhepunkt der Lebensmittel-Rationierung. Doch der Schein trügt, denn ihr Ehemann Jambier schlachtet in Wirklichkeit im Keller Schweine für den Schwarzmarkt. Das leergefegte Geschäft kontrastiert mit dem gut gefüllten Keller, der vor Lebensmitteln überquillt – sogar mit köstlichem „Weihnachtsschinken“.

In Der Schlachter (Original: Le Boucher, 1970) spielt Jean Yanne den sympathischen Popaul aus einem Dorf im Périgord. Er stellt sich als Triebtäter heraus, der Frauen mit dem Messer ermordet. Vom Mord zum Kannibalismus ist es für den Fleischer, den anerkannten Fleischlieferanten, nicht weit. Der krankhafte Wahn erreicht den Zenit des Horrors in Blutgericht in Texas (Original: The Texas Chain Saw Massacre, 1974), ein blutrünstiger amerikanischer Gore-Film über eine texanische Schlachterfamilie, die nach der Schliessung eines Schlachthauses arbeitslos wurde und in die Brutalität des Kannibalismus abdriftet. In ihren Opfern, den jungen Hippies, sah man seinerzeit eine Metapher für die als Kanonenfutter nach Vietnam geschickten jungen Amerikaner...

Auf fantastisch-verrückte Art spielt auch Delicatessen (1991) mit solchen Angstvorstellungen. Im Erdgeschoss eines bizarren Gebäudes in einer undefinierbaren Stadt und Zeit bei knapper Nahrung bereichert sich ein Fleischer, indem er seine Mieter ersticht und an seine Kunden verkauft...

Ins gleiche Ressort gehört der dänische Film Dänische Delikatessen (Original: De grønne slagtere2003), in dem Svend und Bjarne, zwei undurchsichtige Fleischergehilfen, beschliessen, ihr eigenes Geschäft zu eröffnen. Aufgrund eines Unfalls – der Elektriker wird aus Versehen in der Kühlkammer eingeschlossen – beginnen die Nachwuchsfleischer, Menschenfleisch zu verkaufen, das, verfeinert mit Svends köstlicher Marinade, zum neuen Renner der Stadt wird und unsere vermeintlichen „Bio“-Fleischer zu Helden ihrer Zunft macht.

Die beiden letzten Filme, deren Humor mindestens so schwarz ist wie das Blut rot, überschreiten in einem delikaten Punkt die Grenzen: sie zeigen, wie brave Leute ihresgleichen aufessen... Man freut sich z.B. an Svend, der „dreizehn Filets aus dem Bein“ des Elektrikers für den Grillabend des Rotary-Clubs heraustrennt und mariniert.

In dem Drama Du sollst nicht lieben (Original: Tu n'aimeras point, 2009), in dem Aaron die Familienmetzgerei in einem ultra-orthodoxen Viertel Jerusalems übernimmt, geht die Gefahr nicht von der Ware, sondern vom Produzenten aus... Denn die Ankunft des jungen, verführerischen Ezri, den Aaron als Gehilfen einstellt, bringt das Leben des guten Familienvaters durcheinander und lässt ihn sich seiner verstecktesten Begierden bewusst werden. Die Fleischerei wird so zum heimlichen Schauplatz ihrer leidenschaftlichen und verbotenen Liebe.

Lames, crocs, viscères et tabliers blancs : des constantes dans l’iconographie des bouchers (ici chez Annibale Carraci, La boucherie, huile sur toile, c. 1580, Kimbell Art Museum, Fort Worth, Texas, US). ©DP
Klingen, Haken, Eingeweide, weisse Schürzen: Konstanten in der Darstellung von Fleischern (hier: Annibale Carraci, Der Fleischerladen, Öl auf Leinwand, um 1580, Kimbell Art Museum, Fort Worth, Texas, USA).

Blut muss fliessen!

Schwarzmarkt, Mord, Kannibalismus, Fleischeslust... Unsere Fleischer haben offenbar so manches zu verbergen. Denn die Berufsvertreter hatten lange Zeit ein schlechtes Image, waren die „Sündenböcke der Gesellschaft, auf die Schrecken und Abscheu abgewälzt wurden, die – zumindest unbewusst – mit Tötung und Zerlegung eines Lebewesens verbunden waren“, wie Sylvain Leteux in seinem Artikel über das Fleischerimage schreibt.1

So sehr, dass sich in Kommissar Maigret stellt eine Falle (Original: Maigret tend un piège, 1958), in dem Frauen in Paris brutal erstochen werden, der Erstverdacht gegen den Fleischer Barberot richtet, den man schon in der ersten Szene mit dem Rücken zur Kamera sieht, wie er hinter dem Fenstergitter seines Geschäfts in der Abenddämmerung Fleisch zerschneidet. Unschuldig, doch bildsprachlich bereits hinter Gittern!

Auch wenn sich der eigenständige Fleischerberuf im 19. Jh. herausbildet (der Fleischer verarbeitet nur noch bereits geschlachtete Tiere), bleibt die Kompetenz des „Tötens“ dennoch im kollektiven Gedächtnis präsent. Weiters besitzt der Fleischer ein legales Waffenarsenal vom Beil bis zum Wetzstahl, dessen Gebrauch er perfekt beherrscht. Wenn er das Messer wetzt oder den Fleischwolf dreht, sind das in heutigen Filmen Klischees, die ausreichen, um auf bevorstehende Verbrechen anzuspielen… Abgesehen vom Blutgericht in Texas, einem Gore-Film par Excellence2, reichen dazu oft Andeutungen.

Offensichtlich gilt der Akt des Tötens bei Fleischern als deren zweite Natur. Eine der ersten Szenen in Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris zeigt die Tötung eines Schweins (umso eindrucksvoller, wenn man weiss, dass acht Schweine für den Dreh nötig waren...). Das Messer in der Hand fragt sich der ältere der beiden Scharfrichter: „Ich weiss nicht, ob ich das noch kann...“, ehe er mit zufriedenem Lächeln zum tödlichen Schnitt ansetzt. Doch das Töten verlernt man nicht. Töten wird sogar von Generation zu Generation weitergegeben, wie es sich Emile La Bédollière im 19. Jh. ausmalte: „Die lange Mord-Praxis zeitigt bei ihnen die gleichen Folgen wie angeborene Grausamkeit, eine Tatsache, die die alten römischen Gesetzgeber genau verstanden und jeden, der das Schlachterhandwerk ergriff, zwangen, es auch weiterzuvererben.“3

Ein manchmal schwer erträgliches Erbe und eine tragische Abstammung für unsere Mörder, wie denjenigen in Kommissar Maigret stellt eine Falle oder den Schlachter im gleichnamigen Film von Chabrol:

POPAUL: Mein Vater war kein Mistkerl?
EIN KUNDE: Er war ein Schlachter!
POPAUL: Nicht einmal ein guter, er tötete auf hässliche Art.

Doch trotz aller Abscheu der Söhne für den Vater sind sie geborene Mörder, blutrünstige Barbaren. So gesteht auch der durch den Indochina-Krieg traumatisierte Popaul:

POPAUL: Damit töte ich sie, mit dem Messer, ich kann nichts dagegen tun, es überkommt mich wie ein Alptraum, bis ich es getan habe, bis ich mein Messer in sie hineingestossen habe […]. Ich habe so viel vergossenes Blut gesehen […]. Der Geruch von Blut ist schrecklich; er ist bei Tieren und Menschen der gleiche. Alle haben sie genau den gleichen Geruch. 

Das Bild des Sadisten erreicht in Delicatessen den Höhepunkt, wenn der Fleischer lustvoll seine Mieter zerstückelt. Das Messer gegen eine unschuldige Grossmutter erhebend, sagt er ihr grausam lächelnd: „Guten Abend, mein liebes Mädchen, lass uns spielen...“

Die Berufsfratze

Ausser der Fleischern zugeschriebenen Grausamkeit ist auch ihr Übergewicht ein Gemeinplatz, Zeichen von unanständiger Opulenz (vor allem in mageren Zeiten...). Wenn auch unsere Fleischer nicht dick und fett sind, so sind sie doch ebenso mager wie schuldig, so wie der schwächliche Jambier, der seine Schweine in Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris zählt. Ob dick oder mager – jedenfalls haben sie gemeinsam, nicht gerade appetitlich zu wirken, und das Genre-Kino lebt von ihren markanten Figuren und Stimmungen.

In Delicatessen, dieser burlesken Fabel, deren Ästhetik Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro berühmt machte, werfen Sepiafarben und Hell-Dunkel-Kontraste Schlaglichter auf Gesichter in Grossaufnahmen und zwielichtige kleine Hände... Das kantige, glänzende Gesicht von Jean-Claude Dreyfus – dem unerbittlichen Fleischer mit dem Lächeln eines Raubtiers und Verkäufers – sollte in Erinnerung bleiben.

Der Regisseur von Dänische Delikatessen hat nicht weniger Spass an solch mörderischer Ästhetik. Der radikalere der beiden Mörder, „Svend der Schweiss“ genannt und von Mads Mikkelsen verkörpert, der eigens herrlich hässlich gemacht wurde, hat ständig ein glänzendes Gesicht. Die blassgrüne Einrichtung des Geschäfts erinnert mehr an ein Krankenhaus als an eine Fleischerei, und der olivfarbene Teint der Protagonisten ekelt den Zuschauer.

Von rotem Blut bis zu roter Leidenschaft

Zum Übergewicht bei Fleischern sagt La Bédollière generell: „Die Lebensgefährtin des Fleischers ist noch beleibter als er selbst. Sie ist eine türkische Schönheit, dicklich, frisch, vor Gesundheit strotzend.“4

Die Kassiererin in Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris gleicht dieser rundlichen, pausbäckigen Frau aufs Haar; weniger alt, jedoch ebenso mollig ist diejenige in Kommissar Maigret stellt eine Falle – eine schöne, dämonische beneidenswerte Schönheit; die Geliebte des Fleischers in Delicatessen, dargestellt von der vollschlanken Karin Viard, inspiriert ihn zu zärtlichen Gedanken: „Es wäre schade, diese Schinken zu verlieren, ein echtes kleines Milchferkel!“, ruft er lüstern und wirft sich auf sie, um sich auf der quietschend gefederten Matratze diversen Spielchen hinzugeben. Der Fleischer wird hier dem „Schwein“ gleichgesetzt; es gelüstet ihn nach fetten, üppigen, seine Mordlust herausfordernden Körpern, um seine sexuellen Begierden zu befriedigen.

Die oft als berechnende Schlemmerin skizzierte Lebensgefährtin des Fleischers schwankt zwischen ausschweifendem Lebenswandel und Faszination für seine Bestialität – besonders offensichtlich in Delikatessen, wo die sexy Mademoiselle Plusse diesen gemeinen Kerl eigentlich ohne substanzielle Gegenleistung nicht lieben kann. Sie selbst nennt ihn „Gorilla und Nachkomme eines Bulldozers“… Subtil ist dieses Bild auch in Der Schlachter gezeichnet, wenn Popaul der Lehrerin, in die er verliebt ist, das „Metzgerstück“ verspricht und ihr eine in weisses Papier gewickelte „kleine Keule“ als Geschenk reicht, an der sie riecht, als wäre es ein Blumenstrauss.

In Du sollst nicht lieben, einem so religiösen wie sinnlichen Film, ist Fleisch Metapher für körperliche Begierde. Als Aaron dem Ezri den Gebrauch eines grossen Messers beibringt und ihm die Hand auf die Schulter legt, scheint der das rosa Fleisch knetende Lehrling bereits die künftigen leidenschaftlichen Zärtlichkeiten vorwegzunehmen. Während dieser ersten, noch unschuldigen Annäherung naht ein Kunde und lässt Aaron aufschrecken, der sich beim Umdrehen schneidet: Ertappt in seiner Schuld, in unzüchtiger Sünde, mit Blut an den Händen...

Hässlich, grausam, gewalttätig, habgierig, lüstern... Der Film scheint das bereits seit dem Mittelalter trübe Image des Fleischers thematisch auszubeuten. Die Vertreter dieses schändlichen, in die Nähe des Henkers gerückten Berufs, suchten deshalb im 19. Jh. ehrenwerter zu erscheinen, indem sie weisse Schürzen umbanden, „im Wunsch, die harte Wirklichkeit des Tötens und Fleischzerlegens in milderem Licht erscheinen zu lassen“.5 Als historisch echtes Kostüm, das die Wirklichkeit vor der Kundschaft „verschleiern“ soll, findet man Variationen der Schürze auch um den Hüften unserer Kino-Fleischer: Man kommt nicht umhin, sie als Metapher unserer eigenen Zwiespältigkeit zu deuten, als Zeichen unserer widersprüchlichen Instinkte, als trauriges Symbol unserer tief im Innern versteckten Begierden. Die Schürze des Fleischers ist oft so weiss wie seine Hand blutbefleckt; er wirkt umso erschreckender, da er – der die Eingeweide entnimmt – unsere niedrigsten Instinkte zu verbergen sucht.

Alle Filmtitel

Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris (Original: La Traversée de Paris , Claude Autant-Lara, FR, 1956)
Maigret stellt eine Falle (Original: Maigret tend un piègeDelannoy, FR, 1958)

Der Schlachter (Original: Le Boucher, Claude Chabrol, FR, 1970)

Blutgericht in Texas (Original: The Texas Chain Saw Massacre, Tobe Hooper, US, 1974)

Delicatessen, Jean-Pierre Jeunet & Marc Caro (FR, 1991)

La Cité de la peur, Alain Berbérian (FR, 1994)

Dänische Delikatessen (Original: De grØnne slagtere, Anders Thomas Jensen, DK, 2003)

Du sollst nicht lieben (Original: Tu n’aimeras point, Haim Tabakman, FR, IL, DE, 2009)

1. LETEUX, 2015, § 27.

2. Für Philippe Rouyer, den Autor von Cinéma gore. Une esthétique du sang, wird der dramaturgische Leitfaden des Gore-Films – eine Unterkategorie des Horrorfilms – „durch Szenen unterbrochen oder verlängert, in denen Blut und Gedärme aus ermordeten und zerstückelten Körpern quellen“ (S.19).

3. LA BÉDOLLIÈRE, Émile, 1842, p.84.

4. Ibid.

5. LETEUX, 2015, § 1.

LA BÉDOLLIÈRE, Émile, 1842. Les Industriels : métiers et professions en France [online]. Paris : Veuve Louis Janet. [Abgerufen am 30.01.2019]. Nachzulesen unter: https://books.google.ch/books/about/Les_Industriels_m%C3%A9tiers_et_professions.html?id=74sAPGhG8ccC&redir_esc=y
LETEUX, Sylvain, 2015. L’image des bouchers (XIIIe-XXe siècle) : la recherche de l’honorabilité, entre fierté communautaire et occultation du sang. Images du travail, Travail des images. 15.12.2015. No1. [Abgerufen am 30.01.2019]. Nachzulesen unter: http://imagesdutravail.edel.univ-poitiers.fr/index.php?id=127
ROUYER, Philippe, 1997. Le cinéma gore. Une esthétique du sang. Paris : Le Cerf.

Emilie Boré

Editorial Manager / Autor

Nach mehreren Jahren im Kunsthandel, wurde Emilie Boré kulturelle Kolumnistin für die westschweizer Satiren-Wochenzeitschrift Vigousse und Herausgeberin der Website und des Magazins Loisirs.ch. Heute arbeitet sie im Verlagswesen und dem Theaterbereich und widmet sich parallel der Kinder- und Jugendliteratur. Ihr neuestes Buch heisst Serge le loup blanc, erschienen 2015 .

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