Sorry, you need to enable JavaScript to visit this website.
Über uns
Ein kunstvoll gestalteter Teller
Eating Design
14
Mai
2014
Andreas Kohli

Die Designerin Marije Vogelzang arbeitet mit Nahrung. Sie kreiert nicht neue Produkte, sondern ungewöhnliche Ess-Situationen.  

©Marije Vogelzang

Andreas Kohli sprach mit Marije Vogelzang

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen unter einer Tischdecke. Sie sind vollkommen bedeckt, nur dort, wo der Mund ist, befindet sich ein Loch in der Decke. Man hat Ihnen die Augen verbunden und Sie wissen, dass eine fremde Person Sie gleich füttern wird. Sie hören die Stimme der Person, wenn sie Ihnen auf die Schulter tippt und Ihnen mit sanfter Stimme von persönlichen Erinnerungen an verschiedene Geschmackswahrnehmungen, Konsistenzen und Gefühle beim Essen erzählt. Ab und an schiebt Ihnen die fremde Person eine dazu gehörige Kostprobe in den Mund. So schmecken sie Essen und Geschichte zugleich. Sie brauchen nichts weiter zu tun, als einfach nur dazusitzen, sich zu entspannen und die Einzelheiten aus dem Leben eines anderen Menschen in sich aufzunehmen.

Wenn die Sitzung vorbei ist, bindet Ihnen die fremde Person sanft ein Band um das Handgelenk. Wieder befreit von Tischdecke und Augenbinde schauen Sie sich um. Die Person, die Ihnen zu Essen gegeben hat, ist verschwunden. Sie entdecken das Bändchen um ihr Handgelenk und lesen: „Sie wurden gefüttert von: …” Ein Souvenir mit dem Namen der Person, die Sie gefüttert hat. Jetzt sind Sie dran: Sie übernehmen die andere Rolle, um selber jemanden füttern. Welche Geschichte würden Sie erzählen?


In Kopenhagen und St. Petersburg gab es bereits ähnliche Veranstaltungen. Was war in Japan die besondere Herausforderung?

„Feed-Love Tokyo“ war ein nächster Schritt, die Weiterentwicklung der Idee. Die spannende Frage war, wie das in der japanischen Kultur funktionieren würde. Ich war mir nicht sicher, ob sich die Teilnehmenden auch wirklich in das Experiment einbringen würden – aber sie waren wirklich gut!

Was beabsichtigen Sie mit diesem Kunstprojekt?

Füttern und Gefüttertwerden ist etwas sehr Intimes. Außer in der frühen Kindheit passiert einem das sehr selten. Wahrscheinlich erst wieder, wenn man alt und gebrechlich wird. In der Kindheit assoziiert man damit Liebe und Geborgenheit (wenn alles in Ordnung ist), und so verhält es sich vielleicht auch bei Liebenden. Wenn jemand wegen einer Behinderung oder ähnlichem gefüttert werden muss, kommen auch Verwundbarkeit und Macht ins Spiel. Psychologisch gesehen handelt es sich um eine faszinierende Angelegenheit: Indem das Füttern mit dem Erzählen einer Geschichte verbunden ist, wird dieser Esserfahrung noch etwas hinzugefügt. Das Essen wird an Esserinnerungen geknüpft, wie es in der Kindheit oft geschieht. Deshalb haben wir eine ganze Auswahl an typischen japanischen Wohlfühlgerichten und Kinderlieblingsessen angeboten, um solche Esserinnerungen abzurufen.

In vielen Ihrer Werke arbeiten Sie mit einer sichtbaren Grenze zwischen den Fütternden und Gefütterten. Manchmal ist das ein Stoff oder ein Schleier und manchmal eine undurchsichtige Augenbinde. Welche Rolle spielt das in der von ihnen geschaffenen Umgebung?

Solche Schleier verwende ich eher intuitiv. Wenn wir uns direkt anblicken würden, könnte ich Sie nicht füttern, weil es uns beiden sehr unangenehm wäre. Wenn wir einander nicht sehen, ist das in gewisser Weise entspannend. Ich helfe nur ein bisschen nach, damit man sich sicher fühlt: Von etwas bedeckt zu sein und zu denken, dass einen niemand sehen kann, gibt ein Gefühl von Sicherheit. Wenn Sie zum Beispiel im Bett liegen und es draußen sehr heiß ist, würden Sie trotzdem eine ganz dünne Decke nehmen. Nicht, weil es sie fröstelt – es besteht kein Grund dazu -, sondern weil Sie die Decke spüren und Sie sich durch diesen Kontakt geborgen fühlen.

Sie beschreiben sich selbst als „Eating Designer“. Was ist der Unterschied zu einem „Food Designer“?

Ein Food Designer gestaltet Essen. Ich finde, Essen ist schon von Natur aus perfekt gestaltet. Ich gestalte Erfahrungen, die auf dem Akt des Essens beruhen.

Wie sind Sie „Eating Designer“ geworden?

Das war weder vorgesehen, noch geplant. Als ich an der Design Academy studierte, wollte ich Designerin werden. Damals, vor 15 Jahren, kamen Designer einfach nicht darauf, ernsthaft etwas mit Essen anzufangen. Ich finde das komisch, denn Essen formt doch die Welt, Essen ist für uns alle fundamental.
Aber darüber war ich mir zu dieser Zeit gar nicht im Klaren. Ich habe einfach angefangen, mit Essen zu arbeiten, weil es mir Spaß machte. Mich interessierte vor allem die emotionale Wirkung von Essen. Als sich dann das konzeptuelle Design entwickelte, gab es auch Platz für mich und dieses neue Gebiet des Designs. Der Begriff „Eating Design“ entstand ganz natürlich. Es dauerte Jahre, bis ich die Kraft von Essen und Design wirklich verstanden habe. Wenn ich damit arbeite, entdecke ich immer wieder neue Seiten.


Ich liebe Ihre Illustrationen, sie sind sehr humorvoll und leicht.

Ich zeichne gern. Es hilft mir, meine Ideen oder Gedanken zu kommunizieren.

Einige Ihrer Werke sind sehr verspielt und kommunikativ, zum Beispiel „Bits ‘n Bytes“. Was ist Ihnen an diesem Projekt besonders wichtig? Das Design (es ist wunderschön), die Sinnlichkeit des Essens oder der Umstand, dass die Leute anfangen, miteinander zu kommunizieren?

Die meisten meiner Designs sind tatsächlich vielschichtig. Die Gestaltung ist Teil der Gesamterfahrung, aber sie ist nie der wichtigste Aspekt des Designs. Das eigentliche Design ist, was die Leute daraus machen.



Zum Beispiel das Projekt „Eating on the beat“: Wie verändern das Design und die Musik die Wahrnehmung und den Geschmack des Essens?

Das Interessante an diesem Projekt ist, dass alle 40 Teilnehmenden zur genau gleichen Zeit die genau gleichen Häppchen einnahmen. Es war eine Art simultane Esserfahrung, die beeindruckend wirkte. Die Trommel klang sehr eindringlich, man konnte sie im Bauch spüren. Eine Frau war von der Erfahrung so berührt, dass sie danach weinend zu mir kam und mir erzählte, dass sie noch nie ein solch intensives Esserlebnis gehabt hätte. (Sie lächelt)Aber vor allem war es ziemlich witzig und hat viel Spaß gemacht.



Ein Gericht ist eine Komposition. Geschmacksnoten sind Musiknoten. Wenn man sie kombiniert und ihnen Raum und einen Rhythmus gibt, entsteht daraus im Mund ein „musikalisches Meisterwerk“. Zum Takt einer Trommel essen die Gäste die Häppchen in einer festgelegten Reihenfolge.

Was denken Sie, welche Herausforderungen erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Ich habe gerade eine Stelle angenommen und werde Leiterin des neuen Bachelorstudiengangs für Essen und Design an der Design Academy in Eindhoven. Der Gedanke, eine neue Designergeneration mit dem Fokus auf Essen auszubilden, begeistert mich. Essen muss ein ernstzunehmender Bereich des Designs werden, weil Themen rund um das Essen auf der ganzen Welt an Bedeutung gewinnen und breiter akzeptiert werden. Dafür brauchen wir kreative Köpfe.

Worin besteht ihre Botschaft oder ihre Mission?

Es geht mir darum, allen klar zu machen, dass wir unser Essen wertschätzen müssen. Ausserdem können wir über das Essen zu anderen Menschen in Kontakt treten und uns ihnen nähern. Deswegen möchte ich die Phantasie der Leute anregen: Damit sie Essen anders denken und ihre Kreativität spielen lassen, um es mehr zu würdigen.

Andreas Kohli

Designer, Dozent

Andreas Kohli arbeitet in Zürich als Designer in seiner Agentur Belleville AG und ist Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Von 2013 bis 2104 war er Projektmanager des Online-Magazins Alimentarium und Mitglied des Redaktionsteams für die Ausgaben «Zu Tisch!»,  «Der Genuss» und «Reich und Arm».

Foto: Sebastian Kusenberg, Berlin

alimentarium magazine
Unser monatlicher Newsletter hält Sie auf dem Laufenden. Entdecken Sie als Erste die neuesten Artikel über Ernährung oder unsere spannenden und delikaten Videos. Entdecken, lernen, teilnehmen!
Jetzt abonnieren