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Über uns
Die Welt ernähren
Wir können alle ernähren...
20
Januar
2015
Andreas Kohli
Unterernährung gehört zu den erschreckendsten Auswirkungen der Armut und sozialen Ungleichheit. Die einen haben zu wenig zu Essen, die anderen werfen die Hälfte ihres Essens weg. Aber die UNO nennt den Hunger das grösste «lösbare Problem» der Welt. Welche Lösungsansätze gibt aus der Sicht der Agrarforschung? Laut ETH-Professorin Nina Buchmann kann nur eine Vielfalt von Ansätzen helfen, den Hunger zu besiegen.
©George Steinmetz

Im Weltagrarbericht 2008 empfehlen über 400 Experten unter anderem, die biologische Landwirtschaft auszuweiten, um den Hunger zu bekämpfen. Stimmt das aus Ihrer Sicht? Kann man mit biologischer Landwirtschaft die Welternährung sichern?

Die Argumentation für oder gegen biologische Agrarwirtschaft ist oft mit sehr viel Ideologie behaftet. Der biologische Anbau ergibt häufig weniger Ertrag oder erfordert für den gleichen Ertrag mehr Aufwand, weil man nicht spritzen oder düngen kann bzw. anders düngen muss. Je nach Pflanze – zum Beispiel bei Mais, Reis oder Getreide – sind die Hektar-Erträge bei biologischem Anbau gegenüber dem konventionellen um etwa 20 bis 30 Prozent geringer. Bei anderen Produkten wie zum Beispiel Nüssen, Früchte oder Obst ist der Ertragsunterschied geringer. Wenn wir die gleiche Menge wie jetzt nur noch biologisch produzieren wollten, bräuchten wir demzufolge mehr Land, aber dazu würden die aktuellen weltweiten Flächen wohl nicht reichen.

Liegt die Lösung des Hungerproblems darin, die Erträge zu erhöhen?

Eigentlich werden weltweit genug Kalorien produziert, in einigen Regionen fast zu viel. Eines der Probleme ist, dass bei Produktion, Verarbeitung, Transport und Lagerung zu viel verloren geht. Wenn wir weniger Verlust hätten, könnten wir also auch Produkte vermehrt biologisch anbauen. Aber dazu müssten sich auch andere Rahmenbedingungen ändern, und das macht die Sache kompliziert.

Wo fallen die grössten Verluste an?

Die bisherigen wenigen Studien zeigen, dass die meisten Abfälle und Verluste nicht beim Produzenten oder in den Läden anfallen, sondern beim Konsumenten. So gehen in der Schweiz 50 Prozent der gekauften Kalorien im Kühlschrank, im Brotkörbchen oder wo auch immer verloren. In den Entwicklungsländern verderben die Sachen, weil keine Kühlung da ist oder weil ein Schädling eindringt und die Nahrung ungeniessbar macht. Das alles relativiert die Frage nach der Produktionsweise, wenn ich hinterher die Hälfte wieder verliere.

Themen wie Selbsternährung, Kooperativen, Slow Food oder Urban Gardening liegen sehr im Trend: Wäre eine kleinteilige private Landwirtschaft mit kurzen Transportwegen nicht sinnvoller?

Es kommt darauf an, was mit «klein» gemeint ist. Zum Beispiel: Ein zwei Quadratmeter grosser Homegarden in Sri Lanka ernährt genau eine Familie. Aber wenn ihn nicht jemand regelmässig pflegt und die Schnecke oder den Affen rausholt, dann wirft dieser Garten kaum Ertrag ab. Diese kleinen Grundstücke sind sehr arbeitsintensiv, es muss sich immer jemand darum kümmern. Wir haben oft eine sehr romantische Vorstellung davon, was es heutzutage bedeutet, Bauer oder Bäuerin zu sein.

Wo gilt es anzusetzen?

Ganz wichtig sind die Landrechte. Ohne Landrechte ist eine nachhaltige Bewirtschaftung gar nicht möglich. Auf meinem eigenen Grund und Boden, der in der Familie vererbt wird, achte ich viel mehr darauf, dass der Boden fruchtbar bleibt. In Ländern wie etwa China, in denen es kaum Landrechte gibt, wird der Boden relativ stark übernutzt. Auch deswegen, weil man einfach den Boden verlassen und ein anderes Stück Land pachten kann.

Seit einigen Jahren kaufen oder pachten zum Beispiel China und Indien riesige Agrarflächen in Afrika. Was sagen Sie zum Problem des Land Grabbing?

Es gibt unterschiedliche Aspekte und viele Details, die man beachten muss. Die Landrechte sind, wie erwähnt, extrem wichtig, um nachhaltig zu produzieren. Dann stellt sich die Frage, wer und zu welchen Bedingungen auf diesem aufgekauften Land arbeitet. Vermutlich sind die Bauern angestellt, das Land gehört ihnen zwar nicht, aber sie haben ein Einkommen. Andererseits geht das Land der Nation verloren. Zudem erhöhen sich durch den langen Transportweg über Land und Wasser, etwa von Afrika nach China, auch die Verluste und Abfälle. Schliesslich gibt es auch die sozialpolitische Dimension: Ist Korruption im Spiel? Was passiert mit diesem Geld? Bleibt es im Land und wird es reinvestiert? Oder verschwindet es in einer Privatschatulle?

Insektenforscher Hans Rudolf Herren, Träger des Welternährungspreises, kämpft gegen den Einsatz von Pestiziden. Wird man in Zukunft auf Pestizide ganz verzichten können?

Mit 10.000 Hektar Weizen als Monokultur wird man biologisch nie zurechtkommen können. Der Krankheitsdruck ist schlicht zu gross. Fällt ein Schädling in eine solche Monokultur ein, kann er sich sehr schnell ausbreiten. Ganz ohne Pestizide kommt man nicht aus. Vielleicht muss man eher versuchen, von diesen Monokulturen wegzukommen.

Sind die riesigen industriellen Monokulturen im Vergleich nicht per se weniger nachhaltig als kleine Betriebe?

Es bringt nichts, die Grossen gegen die Kleinen auszuspielen. Es braucht häufig eine gewisse Fläche, um effizient zu produzieren, aber man kann auch grosse Agrobusiness-Einheiten nachhaltiger machen. Ich denke an Beispiele in Norddeutschland, Polen, die Ukraine: Dort gibt es grosse biologische Farmen, die aus den alten sozialistischen Betrieben entstanden sind.

Wie könnte man Monokulturen nachhaltiger gestalten?

Mit intelligenten Fruchtfolgen liesse sich viel erreichen. Der Artenreichtum wird grösser, und längerfristig braucht es weniger Ressourcen. Ich hatte ein interessantes Erlebnis in Sri Lanka, wo zwei Bauern benachbarte Flächen bebauen. Der eine hatte eine Lauch-Monokultur, der andere Bauer pflanzte zum Lauch auch Karotten dazu. Der erste argumentierte, dass es viel zu schwierig sei, bei der Ernte den Lauch von der Karotte zu unterscheiden. Der zweite hingegen meinte, er könne den Lauch sehr wohl von der Karotte unterscheiden und finde es auch nicht problematisch, diese nacheinander zu ernten.
Modernen Hightech-Erntemaschinen (Stichwort Precision Farming) können vielleicht in Zukunft zwischen Lauch und Karotten unterscheiden und auch bei riesigen Agrarflächen Diversität anstelle von Monokultur ermöglichen. Sobald die Notwendigkeit genügend gross ist, werden solche Maschinen entwickelt werden. Am World Food System Center der ETH Zürich erforschen wir unter anderem, wie sich auch die konventionelle Landwirtschaft nachhaltiger betreiben liesse. Unser Ziel ist, die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten oder sogar zu erhöhen. Dieser Nachhaltigkeitsfokus ist letztlich auch der Urgedanke der biologischen Landwirtschaft. Nur Bio oder nur Gentechnik ist nicht der Weg. Um die Welternährung sichern zu können, müssen wir die ganze Vielfalt von Ansätzen nutzen können.

Erst die Grüne Revolution, dann die Gentechnologie und die Globalisierung: Auch die enorme Entwicklung der Landwirtschaft während der letzten 50 Jahre hat die Zahl der Hungernde nicht verringern können.

In den letzten 40 Jahren ist die Weltbevölkerung von ungefähr vier Milliarden auf über sieben Milliarden angewachsen. Trotzdem liegt die absolute Zahl der unterernährten Menschen konstant bei ungefähr 800.000 Personen. Die Menge der Hungernden ist prozentual zur Weltbevölkerung stetig gesunken. Allein mit Hilfe der «Grünen Revolution», also mit Züchtung, Düngung und Bewässerung, können wir heute mehr als sieben Milliarden Menschen mehr oder weniger gut ernähren. Diese Entwicklung hat in Asien sehr stark zum Bevölkerungswachstum beigetragen. Dass die Entwicklung in Afrika weniger erfolgreich war, hängt mit den starken Klimaschwankungen und anderen Faktoren zusammen.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Massnahmen zur nachhaltigen Ernährung der Weltbevölkerung?

Der erste Schritt zur Ernährungssicherheit liegt in der Produktion. Der zweite im Zugang zur Nahrung, also die Möglichkeit, etwas zu kaufen und zu transportieren. Drittens die Frage, ob mein Körper die Nahrung nutzen kann. Viertens die Widerstandskraft gegen Einflüsse von aussen, seien es politische, ökonomische oder Umwelteinflüsse. Alle diese Faktoren müssen möglichst stabil sein, um echte Ernährungssicherheit gewährleisten zu können.

Was könnte das konkret für die nächsten 20 Jahre heissen?

Im Bereich der Produktion müssen wir mit dem Klimawandel zurecht kommen. Die ansteigenden Temperaturen bedingen andere Züchtungen und neue Bewirtschaftungstechniken. Dazu gehören ein effizienterer Einsatz von Pestiziden, Düngung und auch Wasser. Der Einsatz von Solarenergie oder bessere Kühlkreisläufe könnten auch in der Prozessierung die Ressourceneffizienz verbessern. Schliesslich wäre es hilfreich, wenn die WTO die Volatilität und den Handel mit Nahrungsmitteln eindämmen könnte. Das ist aber letztlich Sache der Politik und der Gesellschaft. Wenn eine Gesellschaft für ein Kilo Fleisch nicht vierzig Franken, sondern nur vier Franken bezahlen will, hat das Auswirkungen.

Also ist das Verhalten des Einzelnen mitentscheidend?

Vieles fängt beim Einzelnen an. Meiner Meinung nach können wir bei den Konsumenten sehr viel ausrichten. Es ist in der Tat unsinnig, wenn ich 50 Prozent meiner Kalorien wegwerfe. Dieses Verhalten zu ändern, bedingt zusätzliche Anstrengungen bei der Bildung. Es wäre toll, wenn sich ein Lifestyle für Nachhaltigkeit entwickeln könnte, oder gar anstelle einer Gier nach immer mehr eine Art Gier nach einer nachhaltigen Lebensweise.

Andreas Kohli

Designer, Dozent

Andreas Kohli arbeitet in Zürich als Designer in seiner Agentur Belleville AG und ist Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Von 2013 bis 2104 war er Projektmanager des Online-Magazins Alimentarium und Mitglied des Redaktionsteams für die Ausgaben «Zu Tisch!»,  «Der Genuss» und «Reich und Arm».

Foto: Sebastian Kusenberg, Berlin

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