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Zu Tisch!
Ötzi und die Ernährung in der Frühgeschichte
20
Januar
2015
Albert Zink
Die Ernährung spielte bei der Entwicklung unserer Vorfahren aus der Vor- und Frühzeit hin zum jetzigen Menschen eine entscheidende Rolle. Die Untersuchung von menschlichen Überresten wie der Gletschermumie Ötzi verrät uns, wie sich die Zusammensetzung der Nahrung im Laufe der Zeit veränderte und welche Rolle sie bei der Ausbreitung der Menschen spielte.
©Ochsenreite South Tyrol Museum of Archaeology

Früher war man auf sogenannte Begleitfunde angewiesen, wollte man den Speisezettel unserer Vorfahren aus der Vor- und Frühzeit rekonstruieren. Begleitfunde sind Überreste von Tierknochen, Muschelschalen und Fischgräten sowie pflanzliche Funde wie Getreidekörner, Nüsse und Samen, die bei Siedlungs- und Bestattungsausgrabungen freigelegt werden. Sie lassen Rückschlüsse auf die Zusammensetzung und Vielfalt der Ernährung der jeweiligen Bevölkerung zu. Allerdings spiegeln diese Funde oft nur die Gesamternährungssituation wider; es ist nicht möglich, die Ernährungsgewohnheiten einzelner Individuen zu untersuchen und so mögliche Unterschiede innerhalb einer Gemeinschaft zu entdecken.

Das enorme Hirnwachstum in der Entwicklung des Menschen wäre ohne Fleischkonsum nicht möglich gewesen. Der Rekonstruktion der Ernährung kommt bei der Untersuchung von vor- und frühgeschichtlichen Bevölkerungen eine wesentliche Bedeutung zu. Zum einen lassen sich dadurch Einblicke in die Art und Zusammensetzung der Nahrung gewinnen, und zum anderen können regionale Unterschiede zwischen zeitgleich existierenden Bevölkerungen erfasst werden. Diese ergeben sich durch unterschiedliche Umweltbedingungen oder abweichende geographische Gegebenheiten. So würde man beispielsweise bei Bevölkerungen, die in Küsten- oder Gewässernähe ansässig waren, einen höheren Anteil an Fisch und Meeresfrüchten in der Ernährung erwarten und bei einer im Landesinneren beheimateten Population einen höheren Fleisch- und Getreideanteil. Darüber hinaus lassen sich auch Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten im Laufe der Zeit sowie mögliche Unterschiede zwischen verschiedenen sozialen Schichten oder anderer Gruppierungen erfassen.

 

Neue Methoden der Forschung 

Dank neuer analytischer Methoden konnten in den letzten Jahrzehnten menschliche Überreste immer öfter unmittelbar untersucht werden. Die Analyse von Isotopen im Knochengewebe erwies sich dabei als ein besonders geeignetes Verfahren zur Erfassung individueller Nahrungsgewohnheiten. Sie erlaubt einen direkten Einblick in die Versorgungssituation des Menschen: Man kann erkennen, ob jemand eher Vegetarier oder Gemischtköstler war, sich bevorzugt von Fleisch ernährte oder Meeresfrüchte oder Fische und Muscheln aus heimischen Gewässern bevorzugte.

 Mit Hilfe von Isotopenuntersuchungen konnte beispielsweise gezeigt werden, dass sich der Neandertaler überwiegend von Fleisch ernährte und daher die Jagd eine wichtige Existenzgrundlage darstellte. Die frühen Jäger bevorzugten offensichtlich Grosssäuger wie Pferde und Rinder und interessierten sich weniger für kleinere Tiere. Die Analysen einiger Neandertalerknochen ergaben ähnliche Werte, wie sie bei tierischen Carnivoren (Fleischfressern) zu finden sind.

Man geht grundsätzlich davon aus, dass ein erhöhter Fleischkonsum für die menschliche Evolution von entscheidender Bedeutung war. Das enorme Hirnwachstum in der Entwicklung des Menschen wäre ohne eine vermehrte Aufnahme von energetisch hochwertigen tierischen Fetten und Proteinen in diesem Ausmass nicht möglich gewesen: Das Gehirn ist im Vergleich zur Körpermasse überproportional gross und hat einen hohen Energiebedarf. Dieser Entwicklung wurde ausserdem durch den Einsatz von Feuer bei der Zubereitung der Nahrungsmittel gefördert, denn durch das Garen der Speisen wurde das Verdauungssystem entlastet.

Trotzdem spielte auch die pflanzliche Kost eine Rolle bei der Ernährung der vor- und frühzeitlichen Menschen: Beeren, Pilze, Früchte und Wurzeln bildeten eine wichtige Ergänzung der Nahrung. Dies belegen unter anderem die Funde von Nussschalen und verkohlten Früchten in frühgeschichtlichen Fundstellen. Ausserdem zeigen Untersuchungen von Zähnen und Zahnstein, dass Pflanzen und vermutlich auch deren pharmazeutische Wirkung ein wichtiger Faktor in der Gesamternährung der frühen Menschen und Neandertaler waren.

Mumienfunde gewähren neue Einblicke

Die Untersuchung von Mumienfunden bildet einen weiteren Zugang zur Rekonstruktion der Ernährung früher Bevölkerungen. Bei Mumien sind neben Knochen auch Weichgewebe und Organe erhalten, ja, manchmal sogar Teile des Verdauungstraktes oder Magen- und Darminhalte. Ein besonders beeindruckendes Beispiel dafür ist die Mumie einer 5300 Jahre alten Gletscherleiche, die unter dem Spitznamen «Ötzi» oder «Iceman» weltweite Bekanntheit erlangt hat.

Zunächst wurden auch beim Ötzi Isotopenanalysen durchgeführt. Die ersten Resultate deuteten darauf hin, dass sich der Mann aus dem Eis überwiegend vegetarisch oder nahezu vegan ernährt haben musste. Dies widersprach zunächst der Auffassung, dass in der ausgehenden Jungsteinzeit (Neolithikum) und in der Kupferzeit die Jagd und damit der Fleischkonsum noch einen wichtigen Bestandteil in der Ernährung darstellten. Entsprechende Funde von Knochen und Geweihen von Wildtieren aus archäologischen Siedlungsgrabungen, aber auch die Jagdausrüstung des Mannes aus dem Eis mit Bogen und Pfeilen belegen dies sehr deutlich.

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Neuere Untersuchungen am Magen und Darm des Ötzi konnten diese Widersprüchlichkeit aufklären: Bei Untersuchungen des Darminhalts fand man neben zahlreichen pflanzlichen Resten auch Knochensplitter eines Steinbocks. Eine detaillierte genetische Analyse des Darminhalts ergab ausserdem Hinweise auf den Verzehr von Rotwild. Eine kürzlich durchgeführte Studie des Mageninhalts zeigte schliesslich, dass seine letzte Mahlzeit im Wesentlichen aus Steinbock- und Hirschfleisch mit hohem Fettanteil bestand. Die Untersuchungen belegen, dass sich der Mann aus dem Eis, ja, die ganze damalige Bevölkerung des heutigen Südtirols sehr ausgewogen ernährte. Frühe Getreidearten wie Einkorn und Emmer wurden möglicherweise in Form von Brei oder Brot verzehrt. Daneben stand eine Vielzahl weiterer pflanzlicher Produkte auf dem Speiseplan: getrocknete Wildobstsorten, verschiedene Gemüsesorten, Früchte und Wildbeeren.

Vom Jäger zum Bauern

Einen wichtigen Einschnitt in der Kulturgeschichte der Menschheit stellt der Übergang vom Dasein als Jäger und Sammler hin zu einer produzierenden Lebensweise und damit zur Landwirtschaft dar. Bereits vor rund 12.000 Jahren vollzog sich auf dem Gebiet der heutigen Südosttürkei der Wandel von einer nomadischen Lebensweise hin zur Sesshaftigkeit und der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht. Ausgehend von dieser Region des «fruchtbaren Halbmonds» breitete sich die sesshafte Lebensweise während der folgenden Jahrtausende des Neolithikums über ganz Europa aus (daher auch der Begriff «neolithische Revolution»).

Die genauen Gründe für den Erfolg und die rasche Ausbreitung dieser neuen Lebensweise werden noch kontrovers diskutiert. Ein wichtiger Faktor ist die starke Zunahme der Bevölkerung und der damit verbundene erhöhte Bedarf an Nahrungsmitteln. Mit Hilfe des Ackerbaus konnte mehr Getreide produziert werden, gleichzeitig nahm auch die Korngrösse und die Anzahl der Körner bei den Getreidesorten stetig zu. Wildtiere stellten weiterhin eine wichtige Nahrungsressource dar, doch Engpässe zwangen die Menschen im Laufe der Zeit, Tiere auch zu züchten. Die Domestikation von Wildtieren erlaubte eine intensivere Nutzung der Tiere, die nunmehr als Arbeitstiere gehalten wurden, Felle und Wolle lieferten und auch der Fleischgewinnung dienten.

Später bildeten auch protein- und fettreiche Milch- und Käseprodukte eine immer wichtigere Nahrungsquelle. Allerdings kann Milch zunächst nur eine untergeordnete Rolle in der Ernährung gespielt haben, da es in Europa noch viele Hunderte Jahre dauern sollte, bis der Körper eines Jugendlichen oder Erwachsenen Milch überhaupt vertragen konnte (Laktosetoleranz). Genetische Untersuchungen am Mann aus dem Eis und an Skelettfunden zeigen, dass der Grossteil der europäischen Bevölkerung im Neolithikum noch laktoseintolerant war, also noch nicht in der Lage war, Milchzucker auch nach der Stillperiode zu verdauen.

Diese Untersuchungen zur Ernährung in der Vor- und Frühgeschichte zeigen sehr eindrücklich, wie eng die Nahrungsstrategie und die erfolgreiche Entwicklung und Ausbreitung des Menschen zusammenhängen.

Albert Zink

Wissenschaftler

Albert Zink ist Leiter des Instituts für Mumien und den Iceman an der Europäischen Academie Bozen (EURAC).

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