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Die Welt ernähren
Zu viel? Oder nicht genug?
20
Januar
2015
Annika Gil
Unterschiedlichste Ansichten über gesundes, reichhaltiges oder mangelhaftes Essen führten im Laufe der Zeit nicht selten zu kuriosen Auswirkungen: 1950 stand Zucker hoch im Kurs, im Mittelalter war frisches Obst gefürchtet, Anfang des 21. Jahrhunderts wird Gluten verteufelt, und in gewissen Abständen besinnt sich der Mensch wieder auf 100 Prozent natürliche Lebensmittel.

Vorsicht, frisches Obst!

Frisches Obst ist reich an Vitaminen, Ballaststoffen, Mineralien und Wasser. Es ist der Inbegriff eines gesunden Nahrungsmittels, das man ganz ohne Zurückhaltung geniessen kann. Aber von der Antike bis zur Renaissance wurde Obst als schwer verdaulich, ja, sogar als giftig angesehen. Damals glaubte man, dass es sich im Magen so zersetzen würde, wie Früchte faulen, wenn man sie an der frischen Luft liegen lässt. Ärzte rieten jedem, der dennoch Obst essen wollte, aus den Früchten Kompott zu machen oder sie zusammen mit anderen Lebensmitteln zu kochen.

Arm und Reich haben unterschiedliche Mägen 

König Ludwig XVI. unterstützte die Bemühungen von Antoine Parmentier, den Kartoffelanbau und -verbrauch im 18. Jahrhundert in Frankreich populär zu machen und war ihm dankbar, dass er «das Brot der Armen» erfunden hatte. Des Königs majestätischer Magen bevorzugte allerdings Brot aus Weizenmehl. Was der König damit aber wirklich sagen wollte, war: Arm und Reich müssen sich je nach ihrer «Natur» ernähren: Grobes (Rüben, Wurzeln, Esskastanien, Roggen …) für die einen, Feines (Wild, Fisch, Weizen, Honig, Gewürze ...) für die anderen. Diese im Mittelalter gebildete Verknüpfung von sozialer Klasse und entsprechender Verdauung sollte bis zum 19. Jahrhundert bestehen bleiben.

Alkohol, das Wundermittel

Als man im 12. Jahrhundert lernte, den Destillierprozess zu beherrschen, entstand eines der ersten Nutrazeutika: der Branntwein – eine Flüssigkeit mit «Wunder bewirkenden und zugleich widersprüchlichen Eigenschaften», denn Branntwein ist brennbar und verhindert gleichzeitig den Fäulnisvorgang. Das Lebenselixier «aqua vitae» ist eine Arznei, die den Reichen gegen alle möglichen Schmerzen verschrieben wurde und für lang anhaltende Schönheit sorgen sollte. Seit dem 16. Jahrhundert ist die Herstellung von Branntwein kein Geheimnis mehr, und er «heilt» fortan auch die Armen. Bis die Mediziner im 19. Jahrhundert auf die verheerenden Folgen der Alkoholabhängigkeit aufmerksam wurden, war der Branntwein ein vor allem in der Arbeiterklasse verbreitetes Übel.

 
 

Esst Zucker, denn er hat viele Kalorien und ist preiswert!

«Jeder weiss, dass Zucker kein überflüssiger Luxus ist, sondern das preiswerteste und gesündeste Lebensmittel». Diese Behauptung ist heute allenfalls eine Irrmeinung, die allerdings zwischen 1930 und Ende der 1950er-Jahre in Frankreich sowohl von der Bevölkerung als auch von den Medien geteilt wurde. Damals dachte man, es zähle allein der Kaloriengehalt eines Lebensmittels. Zucker wurde als dreimal kalorienreicher, aber zehnmal billiger als ein Beefsteak angepriesen – kein Wunder, dass man sich in der Zwischen- und Nachkriegszeit, als man auf jeden Pfennig achten musste, vom Zucker verführen liess.

100 Prozent Bio, die ideale Diät unserer Vorfahren

In mehr oder weniger regelmässigen Abständen tauchen neue «natürliche» Diäten am «Ernährungs-Himmel» auf. Die Menschen in Industriegesellschaften, für die Natur gleichbedeutend ist mit Gesundheit, geraten ins Schwärmen. Heutzutage steht die Paläo(lithische)-Diät hoch im Kurs, bei der man sich wie unsere Vorfahren von rohem Gemüse, Fleisch, ohne industriell verarbeitete Nahrungsmittel oder Milchprodukte ernährt. Zwischen 1930 und 1970 machte jedoch eine ganz andere 100 Prozent natürliche Diät das Rennen: die Ernährungsweise der Hunzukuc. Diese Menschen lebten zurückgezogen in einem vergessenen Tal im Himalaya – dem «Lieferanten» angeblich gesunder Nahrungsmittel. Sie blieben von der modernen Zivilisation verschont, sind autark, glücklich, kräftig und werden dank ihrer Genügsamkeit und vor allem ihrer Aprikosen hundert Jahre alt. Selbst die Tatsache, dass dieses Volk an Malaria, Ruhr und Geschwürbildungen auf Grund von Vitaminmangel litt, konnte die Menschen im Westen nicht erschüttern. Sie glaub(t)en fest daran, dass der Mensch früher genauer wusste, was gut für ihn ist.

Artikel “Santé-bonheur”, von Harvey Levenstein, in Manger magique, coll. Autrement, 1994
 
 

Gluten, der neue Feind 

Produkte ohne Gluten ähnelten vor 20 Jahren dem, was sie waren: spezielle Nahrungsmittel für Menschen, die an Zöliakie, einer Glutenunverträglichkeit, litten, also für 0,25 bis 1 Prozent der Bevölkerung. Heute gibt es immer mehr appetitliche, glutenfreie Lebensmittel, die alle mit einem gemeinsamen Gütezeichen versehen sind. Anfang 2000 kamen in den USA glutenfreie Diäten in Mode; sie sollten für mehr Vitalität, Gewichtsreduktion, bessere Verdauung, höhere Immunität und geringere Hyperaktivität sorgen und begeisterten mit diesen Versprechungen auch 15 bis 20 Prozent der Europäer. Diese Menschen behaupten heute von sich, dass sie ein Protein, das es seit Menschengedenken gibt, nicht vertragen würden oder übermässig empfindlich dagegen seien. Dabei bedenken sie nicht, dass Millionen von Europäern und Orientalen, deren Grundnahrungsmittel bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Brot war, genau dieses Protein zu sich genommen haben. Ob allerdings der Verzicht auf Gluten für Menschen, die nicht an Glutenintoleranz leiden, gesundheitsfördernd ist, wurde bisher in keiner Studie nachgewiesen!

Journal of Cereal Science, “Does wheat make us fat and sick ?” 

Joghurt reinigt die Darmflora 

Joghurt ist heute ein Volksnahrungsmittel. Anfang des 20. Jahrhunderts galt es aber als Medizin und wurde hauptsächlich in Apotheken verkauft. Aus dieser medizinischen Vergangenheit hat Joghurt bis in unsere Tage gesundheitliches Kapital geschlagen. Schuld daran ist der ukrainische Forscher Ilja Iljitsch Metschnikow, der 1901 behauptete, dass die zwei Kilo Bakterien, die sich in unserem Darm befinden, den Organismus vergiften würden und «der Grund für unser zu kurzes Leben» seien. «Eine Ungerechtigkeit [...], die die Wissenschaft beheben müsse». Seine Lösung: Joghurt! Joghurt ist reich an guten Bakterien, die die Darmflora von allen unerwünschten Mikroorganismen reinigen. Trotz seines intensiven Joghurtgenusses starb Metschnikow 1916 im Alter von 71 Jahren und war damit weit entfernt vom hohen Alter derer, die geronnene Milch zu sich nahmen, allen voran den bulgarischen Bauern, die ihn zu seinen Joghurt-Forschungen veranlasst hatten.

Zuviel Wasser schadet der Figur 

Trinkt nicht mehr als einen drei Viertel Liter Wasser pro Tag, oder ihr werdet «wegen Gewebesättigung» aufquellen! Die Schönheitsrubrik des französischen Frauenmagazins «Arts ménagers» aus dem Jahr 1959 bezog sich auf einen Irrglauben, der auch nach mehr als einem Jahrhundert nicht klein zu kriegen war. Damals hatte ein Pariser Arzt festgestellt, dass dickleibige Menschen übermässig viel Wasser zu ihren Mahlzeiten tranken. Daraus schloss Dr. Jean-François Dancel, dass Wasser die Fettbildung begünstigte. Von diesem Zeitpunkt an verdammte er auch wasserhaltiges Gemüse, denn – wie jeder weiss – sind pflanzenfressende Tiere (Nilpferde, Kühe …) dick, ganz im Gegensatz zu Fleischfressern.

Dancel, F., Traité théorique et pratique de l’obésité (trop grand embonpoint), Paris, 1863

Annika Gil

Journalistin

alimentarium magazine
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