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Über uns
Ernährung der Zukunft
Traumpillen, die Nahrung von morgen
20
Januar
2015
Marc Atallah
Wie stellen sich Science-Fiction-Autoren das Essen der Zukunft vor? Die zwischen 1896 und 1973 erschienenen Arbeiten beschreiben standardisierte Konsumenten, die durch eine auf Rentabilität versessene kapitalistische Gesellschaft sich selbst entfremdet werden. Prophezeiung oder Metapher?
©Maison d'Ailleurs, Yverdon-les-Bains

In der Science-Fiction-Literatur geht es nicht um eine Vorwegnahme der Zukunft. Vielmehr ist sie eine Form des Erzählens, die wie mit einer Lupe jene Zukunftslinien vergrössert, aus denen die Gegenwart ihre Impulse bezieht. Insbesondere seit der zweiten industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, die uns eine Fülle naturwissenschaftlich-technischer Diskurse und Bilder bescherte, haben sich zahllose Schriftsteller, Zeichner und Grafiker dieser Zukunftslinien angenommen: Sie wollten eine Vorstellung von dem entwickeln, wohin es führte, würden diese Linien sich konkretisieren. Es war dies die Geburtsstunde von Science-Fiction als neuem künstlerischen Medium. Damit sind wir bei der Frage nach dem futuristischen Bild vom Essen, das durch Science-Fiction verbreitet wurde.

 

Das erste hier abgedruckte Bild ist, ebenso wie Bild Nr. 2, besonders kennzeichnend für die Art und Weise, wie die Zukunft «instrumentalisiert» wird. Die Bilder deuten die Richtung an, in die sich eine schon auf vollen Touren laufende Industriegesellschaft bewegt. So wird etwa die Vorstellung geweckt, im Jahr 2000, also nur ein Jahrhundert später, werde ein Dampfautomat das Ausbrüten der Hühnereier besorgen. Natürlich ist hier nicht wirklich die Zukunft gemeint – wieso sollte man sich vorstellen, dass dann die Frauen wie im 19. Jahrhundert gekleidet wären? Das Bild thematisiert vielmehr die Notwendigkeit der Perfektionierung einer Nahrungsmittelindustrie, die in einer prosperierenden Gesellschaft Menschen in immer grösserer Zahl und immer kürzerer Zeit ernähren muss: Der Reichtum einer Gesellschaft bemisst sich offenbar am wachsenden Wohlstand ihrer ärmsten Teile. Die Abbildung will vor allem aufzeigen, wie wichtig es ist, dass sich die arme Landbevölkerung unter dem Einfluss des technischen Wandels auf eine Industriegesellschaft zubewegt, die Hoffnungen und Träume weckt.

 

Wenige Jahrzehnte später hat die von jenen Träumen und Hoffnungen erzählende Bilderwelt bereits einen eindeutig futuristischen Zug angenommen und jede Naivität abgelegt: Die Bilder Nr. 3 und vor allem Nr. 4 zeigen keineswegs die Maschine als blosse Zutat zu einer mehr oder weniger vorindustriellen Landarbeit, sondern vermitteln, dass sich die Art und Weise, wie wir unseren Boden bebauen – und welches Bild wir uns von ihm machen – vollkommen gewandelt hat. Auf Bild 3 ist nämlich eine vollautomatisierte Fabrik aus dem Jahr 1950 zu sehen – A mechanical behemoth (Ein Maschinenmonster) –, in der sämtliche landwirtschaftlichen Tätigkeiten integriert sind, von der Aussaat bis zur Verpackung! Die bäuerliche Welt wird damit zu einem Ort, der die Menschen der ganzen westlichen Welt ernährt. Dementsprechend erlangen die Bauern den Status von Agrartechnikern, die wie von ihrem Grund und Boden so auch von ihrer Armut abgeschnitten sind und ganz real zu einem Teil der Maschine werden. Alle diese Science-Fiction-Bilder stellen eines der grundlegenden Merkmale einer als futuristisch geltenden Ernährung ins Zentrum: Fortan müssen die Nahrungsmittel auf optimale Weise hergestellt werden, auf der Grundlage jener effizienten Technologie, deren Ruhmeszug mit der Aufklärung begann. In dieser Perspektive – und dies ist entscheidend für das Verständnis der Form, wie Science-Fiction auf die unsere empirische Welt durchziehenden Zukunftslinien einwirkt – wird das Essen der Zukunft industriell gefertigtes Essen sein – genauso wie schon die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das Zeitalter der Industrie einläutet. Es handelt sich also um eine Fertigung, die der Rentabilität wegen bis ins Einzelne standardisiert sein muss. Mit anderen Worten: Eine optimierte Nahrung für eine zu optimierende Bevölkerung. Was die kapitalistische Gesellschaft anstrebt, ist eine Maximierung des Profits. Und das futuristische Bild der Ernährung ist nur ein fernes Echo einer Entwicklung, die längst die moderne Welt erfasst hat.

Abbild unserer Hoffnungen

Für jedes dieser Bilder bietet Science-Fiction zugleich eine Unmenge kritischer Darstellungen, die deren Selbstverständlichkeit in Frage stellen. Dies nämlich ist die zweite Funktion der anfangs erwähnten Mittel von Science-Fiction: dass Autoren oder Zeichner – hier und da zu Unrecht wortwörtlich verstandene – Metaphern zu schaffen versuchen, in denen sich eine Reflexion über unsere Hoffnungen und Träume niederschlägt. Insoweit ist die Art der Ernährung ein immer wieder abgehandeltes Thema, erweist sie sich doch als jenes symbolische Motiv, bei dem es zentral um den Sinn der menschlichen Existenz in einer immer kapitalistischer ausgerichteten Welt geht.

 
 

In grafischer Hinsicht weist das von Hesketh Daubeny gezeichnete Bild Nr. 5 eine Ähnlichkeit mit Bild Nr. 1 auf. Allerdings besteht in diesem Falle die Ironie in der Serienproduktion der Küken: Der Bauer gleicht eher einem armen Teufel, der unfreiwillig eine sich endlos wiederholende Tätigkeit auszuführen hat (die Maschine mit Eiern zu versorgen); mit dem Ergebnis, dass sein ohnehin trostloser Hof mit Hühnern förmlich überschwemmt wird. Die Optimierung der Produktion und der Reichtum der Kapitalisten bedingen zwangsläufig die Entfremdung und Verarmung der Bauern. Eben diesen Gesichtspunkt hebt Bild Nr. 6 von Harrison Gady hervor, welches ein Speed Lunch vorführt, eine Art unendlicher Spiegelung des Kapitalprozesses.

 
 

In diesem Bild werden – ganz wie in Bild Nr. 7 – die Beschäftigten zu Rädchen einer Maschine, eine Art Jahrmarktsattraktion für Esswaren: Der Mensch muss hinlänglich ernährt werden, um das System zu erhalten, das ihn ernährt, nämlich das Industriesystem als solches. So wird das Essen zu einem automatisierten Prozess, bei dem jeder dasselbe in der gleichen Speisenfolge isst. Man spricht nicht miteinander, es wird auch nicht mehr gescherzt beim Essen. Im Anschluss bewegen sich alle abgefüttert zum Ausgang, nämlich zu ihrem Arbeitsplatz.

Mit anderen Worten – und diese Momente sind sämtlich auch in Bild Nr. 8 zu finden –, Essen wird nicht länger mit Genuss oder Reichtum in Zusammenhang gebracht, sondern mit einer mechanischen Einverleibung von Nährstoffen (Aufteilung der Gerichte in Bild Nr. 7 und ihrer Bestandteile in Bild Nr. 8). Freude an geselligem Zusammensein und Gastlichkeit sind verschwunden. Für diese vereinzelten Menschen der Moderne, die alle in der gleichen Uniform stecken und standardisierte Teilchen eines auf Erfolg getrimmten Systems geworden sind, zählt nur noch das Ergebnis: Die Nahrung der Zukunft weist die gleichen Attribute auf wie die Gesellschaft, von der sie produziert wird.

 
 

In Bild Nr. 9 wird dann der letzte Schritt vollzogen: Der Astronaut der Zukunft wirft ein paar Pillen ein, die optimale Nahrung, die nichts weiter enthält als die nötigen Nährstoffe. Der Betreffende scheint wenig erfreut über diesen Tatbestand, denn sein verstimmt-nachdenklicher Gesichtsausdruck sowie die Poster, die die Wände seiner Kapsel schmücken, deuten darauf hin, dass dies – bei allem nachweislichen Nährwert der Pillen – kein Ersatz für ein Brathähnchen oder für ein saftiges Steak ist (welches zur Hälfte ein Pin-up-Bild verdeckt: Die Assoziation von fleischernem Essen und fleischlicher Sinnlichkeit ist hier eindeutig).

Die Science-Fiction-Künstler haben sich freilich nicht täuschen lassen: Der Fortschritt, von dem in zahlreichen technisch-wissenschaftlichen Äusserungen grossspurig die Rede ist, scheint ihnen oberflächlich, ohne Konsistenz zu sein (der Astronautenteller ist ziemlich leer). Damit ist freilich noch nicht alles gesagt, denn die Rede von der «Konsistenz» eröffnet uns die Möglichkeit, die eigentliche Symbolik einer effizienten Ernährung aufzuspüren. So demonstriert das französische Plakat des Films Soleil Vert (Grüne Sonne) (Bild Nr. 10, 1973) eine äusserste Zuspitzung dieser Symbolik: Man schreibt das Jahr 2022, die Erde ist übervölkert, die Armut wächst zusehends, die Natur ist nahe dem Absterben, und die Menschen ernähren sich von soylent green, einem synthetischen Nahrungsmittel mit hohem Energiegehalt aus der Produktion eines multinationalen Unternehmens. In einer letzten Wendung der Geschichte erfahren wir, dass das Produkt aus den Körpern toter Menschen hergestellt wird. Damit schliesst sich der Kreis: Der Mensch ernährt sich vom Fleisch von Seinesgleichen, er wird zu einem Konsumprodukt, das dem Einzelnen verabreicht wird, damit er die Konsumgesellschaft am Laufen hält.

Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist

Die Metapher des soylent green bringt also nichts anderes zum Ausdruck als jenen bereits am Anfang unseres Aufsatzes an skizzierten Prozess: Wer von der Ernährung der Zukunft redet, redet zugleich von einer Gesellschaft, die sich die Optimierung ihres Produktionssystems zum Ziel gesetzt hat: zuerst die Serienproduktion von Küken und Erzeugnissen des Landbaus, sodann die Funktionalisierung des Essens im Sinne der Effektivierung und schliesslich die der Menschen, denen ihr eigen Fleisch vorgesetzt wird: Science-Fiction stellt mithin keine Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Entwicklung der von uns konsumierten Nahrungsmittel dar, sondern macht darauf aufmerksam, dass unsere Auffassung von Ernährung vor allem Auskunft gibt über unsere Auffassung vom Menschen. Anders gesagt: Die Ernährung der Zukunft wird ein Widerspiel des zukünftigen Menschen sein. Je stärker die Standardisierung unserer Lebensmittel voranschreitet, desto deutlicher tritt uns die Standardisierung des Menschen vor Augen. Je mehr wir unser Essen atomisieren, desto stärker wird für uns die Gewissheit, selbst atomisiert, zu Einzelteilen eines übermächtigen Systems zerlegt und zu einer gesellschaftlichen Funktion synthetisiert zu werden, deren innere Befindlichkeit ohne Belang ist. Um es kurz und bündig zu sagen: «Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist.»

Marc Atallah

Leitet das Maison d'Ailleurs

Marc Atallah leitet das Maison d'Ailleurs (Haus des Anderswo), das Science-Fiction-Museum in Yverdon-les Bains. Er ist auch Dozent und Forscher am Französischen Institut der Universität Lausanne.

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