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Sinnesvergnügen
Kleinkinder müssen keine Gemüsemuffel werden
14
Mai
2014
Andrea Maier

Kleinkinder sind nicht die grössten Fans von Gemüse und essen selten die empfohlene Menge. Jüngste Forschungen zeigen: Das lässt sich ändern.

Kleinkinder sind nicht unbedingt die grössten Fans von Gemüse und essen meist nicht die empfohlene Menge – diese Erfahrung machen viele Eltern in der entwickelten Welt. Woher diese scheinbar angeborenen Abneigungen kommen und ob bzw. wie man sie verändern kann, beschreibt Andrea Maier anhand jüngster Forschungsergebnisse.

Ein vielfältiges Gemüseangebot kann die Akzeptanz neuer Lebensmittel erhöhen.

Untersuchungen zeigen, dass die Nahrungsvorlieben von Zwei- bis Dreijährigen auch weitgehend für den Rest der Kindheit gelten: Achtjährige essen gewöhnlich die Lebensmittel gerne, die sie schon im Alter von zwei bis drei Jahren mochten. Welche Faktoren bestimmten nun die Nahrungsauswahl von Zwei- bis Dreijährigen?

Vorgeburtliche Erfahrungen

Zwei Faktoren haben Einfluss darauf, welche Nahrung wir gerne haben: Einerseits genetische Veranlagungen, den einen Geschmack zu mögen und den anderen nicht, andererseits eine von den Eltern ererbte Sensitivität für bestimmte Geschmacksrichtungen und Duftstoffe. Veranlagte Reaktionen sind nicht streng festgelegt und können durch Erfahrungen verändert werden. Geschmacks- und Geruchssinn werden schon früh entwickelt. Geschmacksknospen lassen sich beim menschlichen Fötus schon ab der 15. Schwangerschaftswoche nachweisen, und offensichtlich sind reife Riechnervenzellen bereits ab der 25. Woche vorhanden. Beobachtungen an Frühgeburten (die in der 29. Schwangerschaftswoche geboren und getestet wurden) zeigten, dass diese auf manche Aromen (z. B. Vanille) positiv und auf andere (z. B. Buttersäure) negativ reagieren, während Säuglinge direkt nach der Geburt bereits auf Aromen positiv reagieren, mit denen sie nur pränatal in Kontakt gekommen sein können: Sie lecken an ihren Lippen, wenn ihnen eine süsse Lösung angeboten wird, kräuseln sie, wenn sie saure Lösungen schmecken, und spucken bitter schmeckende Proben aus. Vorgeburtlicher Kontakt mit Aromen kann aber auch die Nahrungsauswahl in der frühen Kindheit beeinflussen: Säuglinge, deren Mütter während der letzten Schwangerschaftswochen Karottensaft konsumierten, reagieren bei der Beikosteinführung mit mehr Begeisterung auf Getreide, das nach Karotten schmeckt, als auf nicht aromatisiertes. Diese ersten Ergebnisse sind faszinierend, aber es ist noch nicht erwiesen, ob vorgeburtliche Erfahrungen die Nahrungsvorlieben in der späteren Kindheit tatsächlich beeinflussen können.

Frühe Erfahrungen nach der Geburt

Geschmacksstoffe, mit denen Kinder während der frühen Milchernährung in Kontakt kommen, scheinen eine lang anhaltende Auswirkung auf Nahrungsvorlieben zu haben. Ein wichtiger Hinweis dafür ist eine Studie über Milchersatznahrung, die hydrolysierte Proteine enthält (HA-Nahrung). Dieser Milchersatz für Kinder mit schwerer Milchproteinallergie hat einen unverwechselbar sauren, bitteren, «verbrannten» Geschmack. Säuglinge, die mit zwei oder drei Monaten zum ersten Mal diese Milchersatznahrung erhielten, akzeptieren sie auch noch mit sieben Monaten. Wenn Säuglinge diese Milch aber zum ersten Mal mit sechs oder sieben Monaten erhalten, lehnen sie diese entschieden ab. Kinder, die sehr früh mehrere Monate lang hydrolysierte Säuglingsmilch erhielten, nehmen im Alter von vier bis fünf Jahren sauer schmeckende Getränke leichter an. Ein früher Kontakt mit «sauer» oder «bitter» scheint also die Vorlieben über mehrere Jahre und bis ins Erwachsenenalter zu beeinflussen.

Einfluss der Erfahrungen während der Beikosteinführung

Nahrungs- und Geschmackserlebnisse während der Beikosteinführung können spätere Vorlieben beeinflussen. Wird ein und dasselbe Gemüse über mehrere Tage angeboten, kann dies zu einer erheblichen Zunahme des Gemüseverzehrs führen. Dies lässt vermuten, dass allein schon der Kontakt mit einem neuen Lebensmittel dessen Akzeptanz erhöht. Diese Vorlieben scheinen sich nicht zwingend auf andere (ähnlich schmeckende) Lebensmittel übertragen zu lassen. So hat die Ernährung mit gesüsster oder ungesüsster Babynahrung während der ersten drei Monate der Beikosteinführung keinen Einfluss auf die Akzeptanz süsser Früchte: Säuglinge lernen offenbar, wie «ein bestimmtes Lebensmittel» schmeckt und nicht, «alle süssen Lebensmittel zu mögen».

Es lohnt sich, ein Gemüse bis zu acht Mal hintereinander anzubieten.

Vor einigen Jahren wurde gezeigt, dass der Kontakt mit verschiedenen Gemüsepürees zu Beginn der Beikosteinführung die Akzeptanz neuer Lebensmittel erhöht – zumindest während der nächsten zwei bis drei Tage. Eine Studie untersuchte die Auswirkungen von drei Gemüsevariationsstufen (keine, gering oder ausgeprägt) auf Kinder, die Muttermilch bzw. Milchersatznahrung erhielten. Die Studie wurde in zwei europäischen Regionen (Dijon / Frankreich und Aalen / Deutschland) durchgeführt. Stillen und eine abwechslungsreiche Kost im frühen Stadium der Beikosteinführung erhöhten die Akzeptanz aller neuen Gemüsesorten sowie von Fleisch und Fisch für mindestens zwei Monate (Abb. 1).

Können Kinder lernen, Gemüse zu mögen?

In einer weiteren Studie wurde untersucht, ob Säuglinge durch wiederholten Kontakt lernen können, anfangs unbeliebte Nahrung zu akzeptieren. Mütter mussten angeben, welches Gemüsepüree ihr Säugling während den ersten Monaten der Beikosteinführung besonders mochte bzw. derart ablehnte, dass sie es ihm nicht wieder anboten. Die Mütter wurden dann gebeten, ihrem Säugling 16 Tage lang das anfangs abgelehnte Gemüse im täglichen Wechsel mit dem bevorzugten Gemüse zu füttern. Sie notierten die jeweils täglich verzehrte Menge, bewerteten, wie sehr die Säuglinge das jeweilige Gemüse mochten, und füllten neun Monate später ein Ernährungstagebuch aus, das Fragen über die Testgemüse enthielt.

Der durchschnittliche Verzehr und die Beliebtheitswerte für die Gemüse, die an jedem der 16 Tage gegessen wurde, sind in Abbildung 2 dargestellt. Während der acht Tage, in denen das anfangs abgelehnte Gemüse vorgesetzt wurde, nahm der Verzehr linear um durchschnittlich 17 g / Tag zu, während die Menge des anfangs bevorzugten Gemüses nur um 2,8 g / Tag stieg. Bei den ersten sieben Kontakten assen die Kinder signifikant weniger vom anfangs abgelehnten als vom bevorzugten Gemüse. Beim achten Kontakt war der Verzehr der beiden Gemüse fast identisch (Abb. 2). Die Akzeptanzwerte verhielten sich ähnlich.

Nach neun Monaten mochten 83 Prozent der Säuglinge Karotten (das anfangs bevorzugte Gemüse), 17 Prozent «assen es zwar, mochten es aber nicht besonders». 15 Prozent der Säuglinge wurde das anfangs abgelehnte Gemüse nicht wieder angeboten, 63 Prozent assen es und mochten es nach Einschätzung ihrer Mütter, 12 Prozent assen es zwar, mochten es aber nicht besonders, und nur 10 Prozent mochten es nicht oder lehnten es ab. Die Kleinkinder akzeptierten also nicht bloss meistens das anfangs abgelehnte Gemüse nach wiederholtem Kontakt, sondern bei der Mehrheit der Kinder blieb diese Akzeptanzänderung bis zu einem Alter von fast zwei Jahren bestehen.

Schlussfolgerung

Dass Säuglinge Gemüse ablehnen und auch später in der Kindheit keine Gemüse-Fans werden, bestätigen viele Meinungsumfragen. Die oben präsentierten Studienergebnisse legen mehrere Lösungsansätze für dieses Problem nahe. Erstens kann ein vielfältiges Gemüseangebot zu Beginn der Beikosteinführung die Akzeptanz neuer Lebensmittel für mindestens zwei Monate und vielleicht länger erhöhen. Dieser Effekt ist bei gestillten Kindern ausgeprägter. Zweitens lohnt es sich, ein anfangs abgelehntes Gemüse bis zu acht Mal hintereinander anzubieten, denn dann essen es 70 Prozent der Säuglinge und mögen es auch über einige Monate, vermutlich bis zum Ende ihrer Kindheit.

Andrea Maier

Chemieingenieurin

Andrea Maier studierte Lebensmitteltechnologie und Ernährung an der Universität Fulda (Deutschland). An der University of Minnesota erwarb sie einen Master in Food Science und Nutrition. Seit 2011 leitet sie das Consumer Link Department am Nestlé Product Technology Center in Singen in Deutschland.

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