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Über uns
Konsumieren als kämpferische Aktion?
14
Juni
2021
Jérémie Forney
Parallel zur Konsumgesellschaft entwickelte sich die Idee, mit seinem Konsumverhalten politisch Einfluss zu nehmen…

Parallel zur Konsumgesellschaft entwickelte sich die Idee, mit seinem Konsumverhalten politisch Einfluss zu nehmen, indem man aus ethischen oder politischen Gründen auf den Konsum bestimmter Produkte verzichtet, d.h. diese boykottiert, oder im Gegenteil nachhaltigere Produkte konsumiert, also „Buycott“ praktiziert. Diese Handlungsmuster ergänzen den klassischen Aktivismus, indem sie sich auf das individuelle, alltägliche Handeln sowie die eigene Lebensgestaltung und nicht auf die politische Ebene konzentrieren. Im Französischen wurde das Wort „consom'acteur“ geprägt, um diese Art „engagierter Konsumenten“ zu beschreiben.
Dadurch, dass diese einzelnen persönlichen Konsumakte ständig wiederholt werden müssen, erweist sich solch Engagement jedoch als unbeständig und veränderlich. Die gleiche Handlung, z.B. kein Fleisch essen, kann ganz verschiedene Einstellungen widerspiegeln.
In der Schweiz, wie auch in Europa, ernähren sich schätzungsweise 3% der Erwachsenen ganz ohne tierische Proteine, aber die Zahlen sind umstritten. Einige Organisationen bieten bis zu dreimal höhere Schätzungen an. Auf jeden Fall sind sich alle einig, dass der Verzicht auf Fleisch zugenommen hat.
Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen auf tierische Produkte verzichten. So z.B. die Sorge um das Tierwohl, die bis hin zur antispeziesistischen Überzeugung gehen kann und die unterschiedliche Behandlung von Menschen und anderen Lebewesen hinterfragt. Oder die Sorge um die Umwelt und ihre verschiedenen Auswirkungen. Viele wählen auch den Verzicht aus Sorge um die eigene Gesundheit und die der Familie, wobei die Ängste durch die verschiedenen Nahrungsmittelskandale noch verstärkt werden, die diesen Nahrungsmittelbereich regelmässig erschüttern. Andere wiederum sind spirituell oder religiös motiviert… und das sind längst noch nicht alle Gründe. Natürlich vermischen sich die verschiedenen Motivationen, und nicht alle bewirken dasselbe starke Engagement. Einige US-amerikanische Studien deuten darauf hin, dass gesundheitliche Gründe zu weniger nachhaltigem Engagement führen als ethische oder ökologische. Starke Überzeugungen hinsichtlich der Lebens- und Schlachtbedingungen von Nutztieren können sogar eine dauerhafte Abscheu vor Tierfleisch erzeugen.
Die Ernährungsvielfalt, die sich von diesen Motiven ableitet, ist gross. Ovo-Lacto-Vegetarier*innen essen weder Fleisch noch Fisch, aber Milchprodukte und Eier. Pesco-Vegetarier*innen essen kein Fleisch, aber Fisch. Veganer*innen essen pflanzliche Nahrungsmittel und verzichten auf alle Tierprodukte nicht nur beim Verzehr, sondern auch in anderen Konsumbereichen (z.B. Lederkleidung). Es gibt aber auch Menschen, die sich dafür entscheiden, ihren Fleischkonsum deutlich zu reduzieren, ohne ganz darauf zu verzichten. Man spricht hier von Flexitariern... Andere wollen nicht generell auf Fleisch verzichten, sondern nur lokal und nachhaltig produziertes Fleisch konsumieren, und kaufen so viel wie möglich auf kurzem Wege oder beim Produzenten... Dies geht oft einher mit der Idee, ein so wertvolles Produkt wie Fleisch nicht zu verschwenden, und das ganze Tier vom Kopf bis zum Schwanz zu verzehren. Das entspricht dem Nose-to-tail-Prinzip, das sich der herrschenden Tendenz, nur dünne und leicht zuzubereitende Stücke zu essen, entgegenstellt…
Einige der überzeugtesten Verfechter setzen neben der speziellen Ernährungswahl auf Schockaktionen vor Ort. Diese können im normalen Rahmen des Aktivismus bleiben, wie z.B. die Plakatkampagnen des Vereins PETA mit starken Bildern gegen Pelze. Andere gehen aber auch über die Grenzen des Legalen hinaus: zerschlagene Schaufenster von Metzgereien, Freilassung von Nutztieren oder heimlich in Bauernhöfen oder Schlachthöfen gedrehte Filme, um Tiermisshandlungen anzuprangern... Die illegale oder gar gewalttätige Seite stösst oft ab. Man kann die Aktionen verstehen, wenn man sie mit den Motiven für das Engagement in Beziehung setzt. Diese Aktivisten wollen sich Praktiken widersetzen, die selbst höchst gewalttätig und ungerecht sind. Aus ihrer Sicht sind diese zutiefst unmoralisch, obwohl sie legal sind, und müssten daher als Verbrechen betrachtet werden, deren Opfer, die Tiere, sie den Menschen gleichgestellt sehen.
Die Wirkungen dieser Aktionen auf die breite Gesellschaft und das Verhältnis zu Tieren sind schwer zu messen. Allerdings werden die gesetzlichen Standards zum Schutze des Tierwohls von Nutztieren in Ländern wie der Schweiz immer strenger. Auf jeden Fall schlagen sich diese Themen oft in der öffentlichen Debatte und den Medien nieder, was vielleicht zeigt, dass die Fragen dieser engagierten Konsumenten einen sensiblen Punkt berühren.
Wir danken Jérémie Forney und Zoé Lüthi (Unterstützung bei Recherche und Dokumentation).
Deutsch übersetzt nach dem französischen Original.

Bibliography

Jérémie Forney
Anthropologe und Experte für Landwirtschaft und Ernährung
Neuchâtel, Switzerland
Nach einer Dissertation über die Veränderung der Schweizer Landwirtschaft zu Beginn des 21. Jhs. spezialisierte sich Jérémie Forney mit Blick auf die aktuellen Umweltherausforderungen auf das Studium von Agrar- und Lebensmittelsystemen. Er forscht und lehrt am Institut d’ethnologie der Universität Neuchâtel.

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