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Grandiose Festmähler
Im Schlaraffenland
14
Mai
2014
Denis Rohrer
Das Schlaraffenland ist eine Erfindung des Mittelalters. Das märchenhafte Paradies wurde um 1250 erstmals in einem Text erwähnt. Was würden heutige Gourmets dazu sagen?

Das Leben im Schlaraffenland besteht aus Genuss und Vergnügen.1 Kein Wunder also, dass bestimmt jeder schon mal vom Überfluss wie im Schlaraffenland geträumt hat. Heutzutage gibt es zwar ein Überangebot an allen nur erdenklichen Nahrungsmitteln in Supermärkten, aber mit dem Mythos vom Schlaraffenland ist das nicht vergleichbar. Was wissen wir wirklich über dieses imaginäre Land, in dessen Flüssen Wein fliesst, in dem es Pudding regnet und in dem gebratene Gänse durch die Lüfte fliegen?

Meistens hat man den ewig hungrigen Feinschmecker und das nimmer satte Leckermaul vor Augen. Ursprünglich standen im Schlaraffenland aber ganz andere Freuden im Vordergrund: Freiheit, Jugend, Sinnlichkeit!2 Aus dem historischen Kontext erklärt sich dieser Mythos, der nach Meinung einiger Historiker3 die einzige Utopie im Mittelalter war. In Europa tauchte er erstmals Mitte des 12. Jahrhunderts auf, in einer Zeit, in der sich die Wirtschaft und Gesellschaft schnell entwickelten, ohne jedoch den Mangel an Nahrungsmitteln beheben zu können.

Fabliau de Cocagne, der erste Text übers Schlaraffenland, wurde etwa 12504 in französischer Sprache verfasst. Er besteht aus 188 Versen, von denen sich 58 mit Nahrungsmitteln beschäftigen. Dieser Text kann als Traum paradiesischen Überflusses auf Erden angesehen werden: Hunger und vor allem die Angst davor, dass es an etwas mangeln könnte, sind völlig unbekannt. In dem nicht enden wollenden Wonnemonat Mai steht Faulheit an erster Stelle, gefolgt von Geld im Überfluss. Dem Alter wird mit einem Jungbrunnen abgeholfen, der ewige Jugend verheisst. Männer und Frauen geben sich hemmungslos so manchen körperlichen Freuden hin, und kein Gesetz, keine Moral können ihren Genuss schmälern.

Aber dieser Traum ist umstritten. Angesichts des harten Lebens in der damaligen Zeit steht er sicherlich als Synonym für etwas anderes. Die der Völlerei frönenden Menschen im Schlaraffenland widersetzen sich vor allem der Kirche, aber auch den neuen weltlichen Mächten, die Abstinenz und Fasten predigen und Naschhaftigkeit als Todsünde verurteilen.5 In den Versen der Fabliau de Cocagne wird humorvoll eine verkehrte Welt beschrieben, und davon sind auch die Tafelfreuden nicht ausgenommen:

«Die Wände aller Häuser sind aus
Barschen, Lachsen und Maifischen.
Die Dachsparren sind aus Stören,
die Dächer aus Schinken
und die Zäune aus Würsten.»6

In dieser Fantasiewelt sind Häuser essbar – wie auch Jahrhunderte später noch in dem Märchen von Hänsel und Gretel7, wo das Hexenhaus aus Brot besteht - in neueren Versionen aus Lebkuchen -, mit Fenstern aus Zuckerguss.

«Im Land der Köstlichkeiten gibt es viele Genüsse.
Braten und Schinken
sind umgeben von Getreidefeldern.
Auf den Strassen brutzeln 
fette Gänse in der Sonne. 
Sie drehen sich um sich selbst
in einer hellen Knoblauchsauce.»8

Arbeiten muss man nicht. Je mehr man schläft, desto mehr Geld verdient man. Und Mutter Natur kümmert sich um das leibliche Wohl. Dabei können die Gerichte aristokratisch oder auch volkstümlich sein. Was im Schlaraffenland aber fehlt9, ist das Alltagsessen: Brot, Bier, Gemüse, Suppen etc. Genau wie Wasser, denn es wird nur Wein und Edleres getrunken:

«Es ist wirklich wahr,
dass auf dieser glücklichen Erde 
Wein in Bächen fliesst.
Die Pokale füllen sich von selbst,
genau wie die Gold- und Silberkelche.
Dieser Bach, von dem ich spreche,
besteht zur einen Hälfte aus Rotwein,
dem besten, den es 
in Beaune und Übersee gibt,
zur anderen Hälfte aus Weisswein,
dem besten und feinsten,
der je in Auxerre, La Rochelle oder Tonnerre gewachsen ist.»10 

Die Qualität des Weines ist nicht zu leugnen, auch die der Nahrungsmittel nicht. Allerdings gibt es im Schlaraffenland keine fein zubereiteten Speisen, abgesehen von einigen wenigen Wildgerichten.11 Es sind vielmehr gutbürgerliche, bäuerliche Speisen wie Speck, Wurst und Schinken. Alle anderen Sorten Fleisch, Fische und Desserts werden nach Rezepten zubereitet, nach denen besonders für Volksfeste und andere Festivitäten gekocht wird. Aber wichtiger als der feine Geschmack sind Geselligkeit und Überfluss:12

«Niemand leidet beim Fasten:
Drei Tage pro Woche regnet es 
Unmengen warmen Pudding.
Weder Behaarte noch Kahlköpfige
wenden sich ab, und ich weiss es, denn ich habe es gesehen.
Ganz im Gegenteil, sie nehmen es gerne hin.»13

Ende des Mittelalters und in der Renaissance verbreitet sich dieser Mythos mit all seinen nationalen und regionalen Unterschieden in ganz Europa. So gibt es beispielsweise eine italienische Version in Das Dekameron von Boccaccio aus dem 14. Jahrhundert:14

«Man verbindet Weinreben mit Würsten und (…) hatte eine Gans für einen Heller und obendrein noch ein Küken; es gab einen Berg aus geriebenem Parmesankäse, auf dem Menschen lebten, die nur damit beschäftigt waren, Makkaroni und Ravioli herzustellen und in Fleischbrühe zu kochen, um sie dann von dem Berg hinunterfliessen zu lassen, wo diejenigen, die sich am meisten davon nahmen, noch mehr davon bekamen. Ganz in der Nähe war ein kleiner Bach mit «Vernaccia», den besten, den man je getrunken hat, und der nie einen einzigen Tropfen Wasser sah.»15

Aber mit der Zeit sind Veränderungen zu bemerken, vor allem bei Menschen, die im Schlaraffenland arbeiten müssen. Ab dem 17. Jahrhundert greifen Moralisten und Pädagogen der Bourgeoisie den Mythos auf, um in Kindermärchen Esslust und Nichtstun an den Pranger zu stellen. Der rebellische Aspekt der Anfänge wird zu einer moralischen Didaktik umgedeutet.16

Heutzutage steht das Schlaraffenland für kulinarische Genüsse, und alle neueren Bilder rund um dieses Thema rufen es in uns wach. Aber träumt man noch immer davon?

Lt. Le nouveau Petit Robert de la langue française, 2010.

Franco Junior Hilario, Cocagne. Histoire d’un pays imaginaire, 2013, S. 7.

Insbesondere Jacques Le Goff, «L’utopie médiévale: le pays de Cocagne», in Lumière, utopies, révolutions: espérance de la Démocratie, A. Bronislaw Baczko, coll. Revue européenne des sciences sociales, t. XVIII, Nr. 85, 1989, S. 271-286.

Dieser Text wurde übernommen im Original von F. J. Hilario, a.a.O., S. 30 ff.

F. J. Hilario, a.a.O., S. 28.

F. J. Hilario, a.a.O., S. 32.

Jacob und Wilhelm Grimm, «Hänsel und Gretel» in Kinder- und Hausmärchen, Band. 1, 1812.

F. J. Hilario, a.a.O., S. 32.

Dito, S. 87 ff.

Dito, S. 33-34.

Dito, S. 98.

Dito, S. 113-114 und Florent Quellier, Gourmandise, histoire d’un péché capital, 2010, S. 65

Franco Junior Hilario, Cocagne. Histoire d’un pays imaginaire, 2013

Jacques Le Goff, «L’utopie médiévale: le pays de Cocagne », in Lumière, utopies, révolutions: espérance de la Démocratie, A. Bronislaw Baczko, Samml. Revue européenne des sciences sociales, Band XVIII, Nr. 85, 1989

Georges Minois, L’âge d’or. Histoire de la poursuite du bonheur, 2009

Massimo Montanari, Der Hunger und der Überfluss - Kulturgeschichte der Ernährung in Europa, 1995

Herman Pleij, Der Traum vom Schlaraffenland. Mittelalterliche Phantasie vom Vollkommenen Leben, 2000

Florent Quellier, Gourmandise, histoire d’un péché capital, 2010

Denis Rohrer
Vevey, Switzerland

Von 2007 bis Ende 2016 war Denis Rohrer Konservator für Humanwissenschaften und Sammlungsleiter am Alimentarium.

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