Sorry, you need to enable JavaScript to visit this website.
Über uns
Startseite : Magazin : Alles Käse? : Die ketogene diät
Die ketogene Diät
27
September
2019
Jelena Ristic

Seit kurzem begeistert die ketogene Diät die ganze Welt, obwohl deren Credo „Weg mit dem Zucker, es lebe das Fett“ zunächst wenig einleuchtet...

Die ketogene Diät oder LCHF (low-carb, high-fat, wenig Kohlenhydrate, viel Fett) ist stark im Kommen und hat Paleo-Diät und Veganismus in der Google-Suche überholt. Sie wird im Westen sogar zur Kultbewegung, die von Berühmtheiten unterschiedlichster gesellschaftlicher Bereiche vertreten wird – mit eigenem Festival in Quebec.


 

Abnehmen mit Fett?

Es scheint, als ob Fett essen Gewicht verlieren hilft. Doch ist das möglich? Ja – unter der Bedingung, dass wir links liegen lassen, was alle so lieben: Zucker in all seinen Erscheinungsformen wie Getreide, Hülsenfrüchte, Obst, zu schweigen von Nachspeisen und Süssgetränken, die eigentlich ohnehin nur in geringen Massen genossen werden sollten. Das Prinzip hinter diesen LCHF-Diäten ist simpel: anders als bei Proteinen und Fetten benötigen wir keine Kohlenhydrate in der Nahrung, da sie keine essenziellen Nährstoffe darstellen1.

Wie funktioniert‘s?

Die LCHF-Diäten imitieren eine Fastensituation, ohne mit essen aufzuhören. Sie verursachen Gewichtsverlust, indem sie Fettreserven „verbrennen“. Ohne Zuckerzufuhr schöpft der Körper aus seinen Glykogen-Reserven2. Sobald diese erschöpft sind, wendet sich die Leber den Fetten zu, um sie zu verstoffwechseln und Ketonkörper herzustellen, welche die Zellen ernähren. Für die roten Blutkörperchen und andere Bestandteile des Organismus‘, die diesen alternativen ‚Brennstoff‘ nicht nutzen können, produziert die Leber aus Fetten und Proteinen die erforderliche Glukose3. Dieser Ernährungswechsel kann Störungen zeitigen, die grippalen Infekten ähneln, jedoch nach einigen Tagen enden. Zu den unangenehmen Nebeneffekten gehören Verstopfung und schlechter Atem, die so lange anhalten können, wie sich der Körper in Ketose befindet. Abhilfe schafft der erneute Verzehr von Kohlenhydraten, die beliebteste Energiequelle des Körpers.

Die Pyramide steht kopf – der ‚Kampf der Makronährstoffe‘

Die LCHF-Diäten kehren die seit mehr als 50 Jahren die Ernährungsempfehlungen in den Industrieländern beherrschende Ernährungspyramide um: Fette ersetzen die Kohlenhydrate auf den Tellern. So besteht ein typischer LCHF-Teller aus 70% Fetten, 25% Proteinen und 5% Kohlenhydraten. Die in den 1970er Jahren populäre Atkins-Diät ist eine Variante davon.

Ist diese Begeisterung für ketogene Ernährung gar nicht so sehr die Rehabilitierung der Fette, als vielmehr ein Hinterfragen des Zuckerkonsums? ‚Keto essen‘ heisst auch, Stellung beziehen im ‚Kampf der Makronährstoffe‘4, in dem sich ‚Fett-Gegner‘ und ‚Zucker-Gegner‘ befehden. Zwischen Wunderglauben, Anekdoten und übertriebenen Selbstzeugnissen in den sozialen Netzwerken ist schwer der Durchblick zu behalten. Seit Jahrzehnten divergieren die Meinungen – selbst unter Wissenschaftlern. Auf der einen Seite sehen wir Dr. Ancel Keys mit seiner Sieben-Länder-Studie (1958) über den Zusammenhang zwischen hohen Cholesterinwerten, Ernährung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Seine Ergebnisse verurteilen die Fettzufuhr in der Ernährung, trotz verzerrter Vergleichbarkeit5. Auf der anderen Seite steht John Yudkin mit Pure, White and Deadly (1972), das dem Zuckerkonsum den Schwarzen Peter zuschiebt. Doch da dessen Theorie staatlicherseits kaum unterstützt wurde, vergass man sie schnell. Mit den 1990er Jahren erreichte die Angst vor Fetten den Höhepunkt durch Studien, die einen Zusammenhang von fettem Essen und Krebsrisiko herstellten6. Auf Basis unterschiedlicher, aber schlüssiger Untersuchungen zur Ernährung und bei fehlenden anderslautenden Thesen haben die Gesundheitsbehörden im Lauf der Jahre ausgewogene Ernährungsmodelle auf Kohlenhydratbasis erarbeitet und immer wieder angepasst. Die Lebensmittelbranche reagierte darauf mit der Herstellung fettarmer Produkte.

Doch seit Ende der 1990er Jahre steht die Frage angesichts zunehmender Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erneut auf der Tagesordnung. Alarmierend ist, dass der durchschnittliche BMI7 der Bevölkerung seit den 1970er Jahren steigt8. Ist etwa Zucker die Ursache?9 Die Wahrheit scheint komplizierter zu sein, denn bei identischen Energiewerten verhält sich der Körper je nach dem Typ des gegessenen Kohlenhydrats unterschiedlich10. Immer mehr Ernährungsberater und Ärzte greifen auf LCHF-Diäten zurück, um Stoffwechselerkrankungen wie Fettleibigkeit, hohen Cholesterinspiegel, Glukose-Intoleranz, Insulin-Resistenz und Typ-2-Diabetes zu behandeln – mit mehr oder minder befriedigenden Ergebnissen11.


 

Wer hat Recht?

Die Wissenschaft kann nichts sagen über langfristige Wirkungen der LCHF-Diäten auf den menschlichen Körper; sie wären nur schwer zu ermitteln12, obwohl der Einsatz ketogener Diäten medizinisch keineswegs neu ist. Sie werden bei einigen schweren Gesundheitsproblemen verordnet, mit mehr oder weniger überzeugenden Ergebnissen – oft, wenn Medikamente nicht mehr helfen – wie es seit hundert Jahren bei Epileptikern mit Medikamentenresistenz der Fall ist13. Jüngere Forschungen deuten allerdings auf interessante Resultate bei der Alzheimer-Krankheit14, die manche Forscher sogar als „Typ-3-Diabetes“ bezeichnen15. Generell gilt zu bedenken, dass es sich in erster Linie um eine medizinische Diät handelt, die nicht primär Gewichtsverlust bezweckt, sondern deren Verordnung die zu erwartenden Vor- und Nachteile bewertet16. Deshalb ist es ratsam, ärztlichen Rat einzuholen, ehe man sich ins Keto-Abenteuer stürzt, um ein paar überflüssige Kilos zu verlieren.

1. BENDER, 2014, pp.5-6

2. Der Abbau des Glykogens (Form, die der in der Leber und den Muskeln gespeicherte Zucker annimmt) ist von einem ersten, schnellen Gewichtsverlust begleitet, in erster Linie durch das Ausscheiden von Wasser, da die Masse des in unserem Körper vorhandenen Glykogens zu 75% aus Wasser besteht. Oder anders gesagt: 3 g Wasser sind nötig, um 1 g Glykogen zu speichern. Siehe NEWSHOLME LEECH, 2011.

3. Man spricht von Glukoneogenese. BENDER, 2014, p.160

4. SCRINIS, 2015

5. https://en.wikipedia.org/wiki/Seven_Countries_Study [Abgerufen am 17.01.2019]

6. PRENTICE und SHEPPARD, 1990

7. Der Body-Mass-Index ist das Verhältnis von Gewicht zu Körpergrösse (Gewicht einer Person in kg geteilt durch Quadrat der Grösse).

8. NCD RISK FACTOR COLLABORATION (NCD-RISC), 2017

9. KATAN, GRUNDY & WILLETT, 1997

10. https://www.alimentarium.org/de/wissen/zucker-0,

https://www.alimentarium.org/de/wissen/fruktose

https://www.alimentarium.org/de/wissen/glukose,

https://www.alimentarium.org/de/wissen/laktose und

https://www.alimentarium.org/de/wissen/saccharose [Abgerufen am 20.03.2019]

11. KOSINSKI & JORNAYVAZ, 2017

12. https://health.usnews.com/best-diet/best-diets-overall [Abgerufen am 20.03.2019]

13. BAILEY, PFEIFER & THIELE, 2005 ; BERKEL, IJFF und VERKUYL, 2018

14. LANGE, LANGE, MAKULSKA-GERTRUDA et al., 2017

15. BROOM, SHAW & RUCKLIDGE, 2019

16. Bei eingeschränkter oder fehlender Aufnahme bestimmter Obst-, Gemüse- und Getreidesorten können beträchtliche Mangelerscheinungen an Vitaminen und Mineralien (Vitamin D, Kalzium, Zitrate usw.) auftreten und künstliche Zufuhr nötig machen, um z.B. Knochendemineralisation oder Nierensteinen vorzubeugen. Zudem kann verstärkter Verzehr tierischer Fette das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Cf. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5983110/ [Abgerufen am 17.06.2019].

BAILEY, Elizabeth E., PFEIFER, Heidi H. & THIELE, Elizabeth A., 2005. The use of diet in the treatment of epilepsy. Epilepsy & Behavior. 02.2005. Vol. 6, no. 1, pp. 4-8. DOI https://doi.org/10.1016/j.yebeh.2004.10.006

BENDER, David A., 2014. Introduction to Nutrition and Metabolism. Boca Raton, London, New York: CRC Press

BERKEL, Annemiek A. van, IJFF, Dominique M. & VERKUYL, Jan Martin, 2018. Cognitive benefits of the ketogenic diet in patients with epilepsy: A systematic overview. Epilepsy & Behavior. 10.2018. Vol. 87, pp. 69-77. DOI https://doi.org/10.1016/j.yebeh.2018.06.004

BROOM, Gina M., SHAW, Ian C. & RUCKLIDGE, Julia J., 2019. The ketogenic diet as a potential treatment and prevention strategy for Alzheimer's disease. Nutrition. 04.2019. Vol. 60, pp. 118-121. DOI https://doi.org/10.1016/j.nut.2018.10.003

KATAN M.B., GRUNDY S.M. & WILLETT W.C., 1997. Should a low-fat, high-carbohydrate diet be recommended for everyone? Beyond low-fat diets. New England Journal of Medicine. 21.08.1997. Vol. 337, no. 8, pp. 563-567.

KOSINSKI, Christophe & JORNAYVAZ, François R., 2017. Diètes cétogènes, la solution miracle ?. Revue médicale suisse. 2017. Vol. 13, no. 565, pp. 1145-1147. Nachzulesen unter: https://www.revmed.ch/RMS/2017/RMS-N-565/Dietes-cetogenes-la-solution-miracle [Abgerufen am 28.02.2019]

LANGE, Klaus W., LANGE, Katharina M., MAKULSKA-GERTRUDA, Ewelina et al., 2017. Ketogenic diets and Alzheimer’s disease. Food Science and Human Wellness. 03.2017. Vol. 6, no. 1, pp. 1-9. DOI https://doi.org/10.1016/j.fshw.2016.10.003

NCD RISK FACTOR COLLABORATION (NCD-RISC), 2017. Worldwide trends in body-mass index, underweight, overweight, and obesity from 1975 to 2016: A pooled analysis of 2,416 population-based measurement studies in 128.9 million children, adolescents, and adults. Lancet. 16.12.2017. Vol. 390, no. 10113, pp. 2627-2642. DOI https://doi.org/10.1016/S0140-6736(17)32129-3

NEWSHOLME, Eric & LEECH, Tony, 2011. Functional Biochemistry in Health and Disease. Hoboken: Wiley-Blackwell

PRENTICE R. L. & SHEPPARD L, 1990. Dietary fat and cancer: consistency of the epidemiologic data, and disease prevention that may follow from a practical reduction in fat consumption. Cancer Causes Control. 11.1990. Vol. 1, no. 3, p. 253. Nachzulesen unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2102280 [Abgerufen am 17.01.2019]

SCRINIS, Gyorgy, 2015. Nutritionism: The Science and Politics of Dietary Advice [online]. Columbia University Press Scholarship. [Abgerufen am 04.03.2019]. Nachzulesen unter: https://doi.org/10.7312/columbia/9780231156578.001.0001

Jelena Ristic
Kuratorin und Sammlungsverantwortliche
Vevey, Switzerland
Jelena Ristic besitzt ein Diplom in Geisteswissenschaften und Museologie. Seit 2017 ist sie als Kuratorin und Sammlungsverantwortliche im Alimentarium tätig.

Neuen Kommentar schreiben

alimentarium magazine
Unser monatlicher Newsletter hält Sie auf dem Laufenden. Entdecken Sie als Erste die neuesten Artikel über Ernährung oder unsere spannenden und delikaten Videos. Entdecken, lernen, teilnehmen!
Jetzt abonnieren