Was ist der wahre Preis einer günstigen Mahlzeit?
Wertschöpfungsketten und versteckte Kosten des Ernährungssystems
Das Alimentarium eröffnet am Donnerstag, 8. Oktober, einen neuen Bereich der Ausstellung „SYSTEMA ALIMENTARIUM. hin zu einer grossen Ernährungsrevolution?“ der den Wertschöpfungsketten und den versteckten Kosten unserer Ernährung gewidmet ist.
Die sechs Stationen sind: Betriebsmittel, landwirtschaftliche Produktion, Handel, Lagerung und Verarbeitung, Einzelhandel sowie Zubereitung von Mahlzeiten. Immer wieder stellt sich dieselbe Frage: Welcher Wert wird geschaffen, wer profitiert davon und welche Kosten bleiben ausserhalb des an der Kasse bezahlten Preises?
Der Preis ist sichtbar. Die tatsächlichen Kosten weit weniger.
Ein Lebensmittel hat mindestens zwei Geschichten. Die erste lässt sich relativ gut an seinem Preis ablesen: Rohstoffe, Arbeit, Maschinen, Energie, Verarbeitung, Transport und Handel. Die zweite bleibt weitgehend unsichtbar. Konsequenzen von wasserverschmutzung, Bodendegradation, Verlust der biologischen Vielfalt, Treibhausgasemissionen, Auswirkungen auf die Gesundheit oder prekäre Arbeitsbedingungen bestimmter Berufsgruppen können andernorts, zu einem späteren Zeitpunkt, von anderen Menschen oder von Ökosystemen getragen werden. Diese versteckten Kosten macht die Ausstellung sichtbar.
Der Rundgang reduziert das Ernährungssystem jedoch nicht auf seine Schäden. Er erinnert zunächst an seinen Erfolg: Heute ernährt es mehr als acht Milliarden Menschen, schafft Milliarden von Arbeitsplätzen und stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, Infrastrukturen und logistische Kapazitäten wie nie zuvor. Die zentrale Herausforderung lautet: Wie kann diese Fähigkeit erhalten bleiben, die Welt zu ernähren, während gleichzeitig die Wertschöpfung gerechter verteilt und die Kosten reduziert werden, die der Markt oft nicht sichtbar macht?
Eine Förderkette macht das System sichtbar
Im Zentrum der Ausstellung steht eine riesige Förderkette, die gleichzeitig Produktion, Verarbeitung und den kontinuierlichen Fluss von Lebensmitteln symbolisiert. Sie bildet die Wirbelsäule des Rundgangs. Die sechs Etappen des Systems folgen aufeinander, ohne voneinander getrennt zu sein: Entscheidungen über Saatgut oder Energie beeinflussen die Produktion; Handelsentscheidungen lenken Warenströme; Lagerung und Verarbeitung verändern Haltbarkeit und Wert der Produkte; der Vertrieb organisiert das Angebot; und die Küche schliesst den wirtschaftlichen Kreislauf ab, ohne die vorausgehenden Schritte auszulöschen.
Rund um diese industrielle Struktur treffen unterschiedliche Grössenordnungen und Zeitepochen aufeinander. Ein siebzig Jahre alter Traktor steht einem intelligenten BOTINKIT-Küchenroboter aus Shenzhen gegenüber. Fotografien verorten die Warenströme in Landschaften, Arbeitswelten und menschlichen Realitäten. Unerwartete Objekte eröffnen neue Perspektiven, etwa Die Ruhe des Konsumenten, ein Stuhl des Künstlers Frank Schreiner. Die Sammlungen zeigen, dass Ernährung stets eine Frage von Technik, Arbeit, Erfindungskraft und gesellschaftlichen Entscheidungen war.
Mit Eisbrecher verdichtet Grégoire Vorpe dieses Gefühl der Überwältigung zu einem Bild. Das Werk besteht aus 1’600 Kartonfragmenten aus Verpackungsmaterialien. Sie formen ein riesiges Containerschiff, das auf eine winzige Eisscholle zusteuert. Das Material, das Waren schützt und transportiert, wird hier zum Medium, um die Macht globaler Warenströme und die Zerbrechlichkeit natürlicher Gleichgewichte zu hinterfragen.
Sechs Etappen. Tausende Entscheidungen.
Der Rundgang beginnt noch vor Ackerbau oder Viehzucht. Wasser, Saatgut, Dünger, Energie, Maschinen und Technologien machen die Produktion überhaupt erst möglich. Dann folgen Felder und Viehhaltungen sowie der Handel, der Rohstoffe kauft, verkauft, finanziert und lenkt. Lagerung und Verarbeitung verlängern die Haltbarkeit, gewährleisten Sicherheit, portionieren, kochen, fermentieren oder setzen Lebensmittel neu zusammen. Der Einzelhandel wählt aus und präsentiert das Angebot. Schliesslich werden Lebensmittel in privaten oder professionellen Küchen zu Mahlzeiten.
Jede Etappe fügt etwas hinzu: Ertrag, Verfügbarkeit, Sicherheit, Haltbarkeit, Praktikabilität, Auswahl und Genuss. Jede Etappe kann aber auch Kosten auf die nächste Stufe oder ausserhalb des Wirtschaftssystems verlagern. Genau diesen Wechselwirkungen widmet sich die Ausstellung. Kein Glied der Kette funktioniert allein; kein Akteur verfügt allein über sämtliche Steuerungsmöglichkeiten.
„Was deine Nase nicht riecht“
Kann man ein Lebensmittel erkennen, ohne seine Geschichte zu kennen? Eine olfaktorische Installation basiert auf diesem Widerspruch. Besucherinnen und Besucher riechen an Paaren vertrauter Lebensmittel, Banane und Erdbeere, Sauerteigbrot und Cornflakes, Kartoffeln und Pasta oder Karottensticks und Barbecue-Chips, und entdecken anschliessend alles, was der Geruch nicht verrät.
Der Duft einer Banane erzählt nichts von Plantagen, Reifungszentren, Frachtschiffen oder den Menschen, die sie bis in die Schweiz gebracht haben. Das Röstaroma von Cornflakes berichtet weder von der Reinigung des Maises noch von dessen Kochen, Walzen, Rösten, Anreicherung oder Verpackung. Die Nase erkennt das Endprodukt; die Ausstellung rekonstruiert die Kette, die es hervorgebracht hat. Nimmt man das Lebensmittel nach dieser Reise noch auf dieselbe Weise wahr?
Wenn Lebensmittel verloren gehen, bleiben die Ressourcen verbraucht
Lebensmittelverluste beginnen lange vor dem häuslichen Abfalleimer. Nach Angaben von Organisationen der Vereinten Nationen gehen rund 13 % der weltweiten Lebensmittelproduktion zwischen Ernte und Einzelhandel verloren, insbesondere während Transport, Lagerung und Verarbeitung. Im Jahr 2022 wurden zusätzlich 1,05 Milliarden Tonnen Lebensmittel auf Ebene des Einzelhandels, der Gastronomie und der Haushalte verschwendet. Das entspricht 19 % der für Konsumentinnen und Konsumenten verfügbaren Nahrungsmittel.
Ein weggeworfenes Lebensmittel macht die bereits verbrauchten Ressourcen nicht rückgängig. Boden, Wasser, Energie, Arbeit, Verpackung und Transport wurden eingesetzt, selbst wenn niemand davon profitiert. Diese Erkenntnis verbindet wirtschaftliche Effizienz unmittelbar mit versteckten Kosten: Mehr zu produzieren genügt nicht, wenn ein erheblicher Teil der Erzeugnisse unterwegs oder nach dem Kauf verloren geht.