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Über uns

Im Dienst der Landwirtschaft

Viehzucht begann, als die steinzeitlichen Jäger und Sammler sesshaft wurden und Tiere domestizierten. Sesshaftigkeit setzt Viehhaltung voraus; Vieh liefert Fleisch und Milch, Material wie Horn, Leder, Dung und Arbeitskraft für die Landwirtschaft. Immer leistungsfähigere Rassen wurden gezüchtet. Die Industrialisierung brachte effiziente Hilfsmittel wie Melkmaschinen und Schlachtschussapparate, um dem Bedarf einer wachsenden Bevölkerung zu genügen.
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© akg-images / British Library - Melken der Schafe im Pferch und Mägde beim Transport der Milch, Anonyme Buchmalerei im Luttrel-Psalter, 1340

Von der Symbiose zur künstlichen Selektion

Vor dem Hintergrund der Menschheitsentwicklung ist die Domestizierung von Tieren ein junges Ereignis. Sie begann vor 10 000 Jahren und damit vor der Pflanzenzucht. Die Klimaerwärmung am Ende der Eiszeit ermöglichte Sesshaftigkeit als Voraussetzung für Landwirtschaft und Viehzucht. Seither leben Mensch und Tier symbiotisch. Das Schaf scheint als erstes Tier zum Verzehr domestiziert worden zu sein, und Schafzucht wird seit der Antike bevorzugt in Küstenregionen betrieben. In Mitteleuropa jedoch belegte die Schafzucht zwischen dem 1. und 5. Jh. n.u.Z. nur den dritten Platz hinter Schweinen und Rindern, die mit mehr als 50% der gesamten Viehhaltung (Hartung, 2013) an erster Stelle stehen.

Technische Erfindungen zur Verbesserung von Ernährung, Sicherheit, Fortpflanzung und Stallung der Tiere begleiten die Geschichte der Viehzucht. Antike Quellen sagen, dass das Vieh winters in Ställen mit einem Ableitungssysem für Extremente stand (Hartung, 2013, Benecke, 1994). Im restlichen Jahr blieben die Tiere im Freien.

Im Mittelalter förderte das europäische Feudalsystem die Vergrösserung von Ackerflächen, und Viehzucht half, den landwirtschaftlichen Ertrag zu verbessern. Stallmist wird verfügbar, die Dreifelderwirtschaft (Wintergetreide, Sommergetreide, ein Jahr Brache zur Bodenregeneration) ersetzt in Nordeuropa die Zweifelderwirtschaft (Sommergetreide, Brache). Eine Mischform von Viehzucht und Pflanzenproduktion entstand. Fleischverzehr verbreitete sich, vor allem des Schweins, das im Hochmittelalter (11. - 13. Jh.) knapp 50% des Tierbestands auf Bauernhöfen ausmachte. Es mangelte nicht an Fleisch; der enge Markt ohne Transport- und Konservierungsmittel sorgte für eine stabile Produktion.

Im 17. und 18. Jh. löste Fruchtfolge die Dreifelderwirtschaft ab. Während der Aufklärung widmeten sich Wissenschaftler verbesserter und erhöhter Produktivität von Feld und Stall, um wachsende Bevölkerungen zu versorgen. Man erkannte bereits die Schädlichkeit der von Wiederkäuern ausgestossenen Gase und suchte nach besseren Lebensbedingungen für die Tiere – z.B. höhere Ställe mit Belüftungssystemen, Güllesammler, um Dünger vorzuhalten. Die britische Agrarwissenschaft des 18. Jhs. wandte dank der Forschungen Robert Bakewells (1725-1795) bereits die systematische künstliche Selektion der Arten an, um Effizienz und Rentabilität zu erhöhen.

Vom Aufschwung der Viehzucht im 18. Jh. profitierten auch die städtischen Märkte. Ausser als Zugtier und Lieferant von Fleisch und Milch ist das Rind mit Talg, Leder und Fell auch für die Industrie von Wert. Ländliche Gebiete differenzierten sich. Regionen spezialisierten sich auf Viehhaltung - in Frankreich etwa die Basse-Normandie und das Limousin - und wandelten Ackerland in Mastweiden um. Tierseuchen und Rinderpest (erst 2010 ausgerottet) suchten Europa heim und liessen die Tiermedizin entstehen. Ab dem 19. Jh. intensivierte die Industrialisierung die Viehhaltung. In den USA entstanden ab den 1920er Jahren die feed-lots -Anlagen zur intensiven Viehmast. In Europa nahm die Zahl der Höfe zwar ab, hingegen stieg die Tieranzahl bis 2010 auf 11,8 Mrd. Wiederkäuer und 1,5 Mrd. Schweine (Hartung, 2013). Seit der zweiten Hälfte des 20. Jhs. werden die Zuchtbedingungen (Automatisierung, viele Tiere auf engem Raum, Rassenselektion im Blick auf das Endprodukt) öffentlich diskutiert. Die Debatte fokusiert das Tierwohl, die Rückverfolgbarkeit von Nahrungsmitteln und Umweltbelastung.