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Gute Tischsitten

Ab dem 12. Jh. entstanden in Europa Regelbücher zum Verhalten beim Essen am Tisch. Beherrschung von Körper und Gestik, Mässigung und Hygienegebote galten vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Im 19. Jh. wurden die zahlreicher werdenden Regeln verbindlich. Heute überwiegt Geselligkeit und erlaubt mehr Flexibilität.

Abhandlungen über Höflichkeit

Die guten Sitten betrafen auch die Verhaltensformen bei Tisch, die erlernt werden mussten. Sie entstanden aus Umgangsregeln für Höflichkeit und gesellschaftliches Zusammenleben. Die europäischen Tischsitten entstammen dem 12. Jh. Die Kirche versuchte, die Umgangsformen der Feudalherrschaft zu mässigen. Sie beteiligte sich an den Schriften zum Verhalten bei Tisch und empfahl, auf die Gestik zu achten. Die ersten Regelwerke kamen in Umlauf. Auch höfische Literatur spielte eine Rolle, da sie den Ton auf Geselligkeit, Qualität und Quantität der Speisen, schöne Utensilien, Kleidungsstücke und Menschen legte – Werte, in denen sich Tugenden spiegeln.
Bis heute wurden vielerlei Abhandlungen veröffentlicht, je nach Epoche unter verschiedenen Bezeichnungen. Vom 16. bis 18. Jh. erschienen Benimmbücher, die für die Oberschicht gedacht waren. De civilitate von Erasmus erschien 1530 und prägte ganz Europa. Der Philosoph richtete sich speziell an ein „hochgeborenes“ Kind, aber auch an alle, um vor gesellschaftlichen Fehltritten zu warnen – ein wahres „Überlebensbuch“ zu ihrer Vermeidung. Im 19. Jh. entstand das Bürgertum mit Ratgebern über gute Sitten. In Deutschland war es die 1788 von Adolph Freiherr Knigge verfasste Schrift Über den Umgang mit Menschen, die die Benimmratgeber-Literatur anstiess. In Frankreich setzten sich die 1890 von der Baronin von Staffe (Blanche Soyer 1843 – 1911) geschriebenen Anwendungen der Welt – Benimmregeln in der modernen Gesellschaft durch. Auch heute noch erscheinen Handbücher für gutes Benehmen. Bis zum 16. Jh. galt unangemessenes Verhalten als böse und schändlich, danach als unschicklich und bäuerlich, im 19. Jh. schliesslich als vulgär. Heute wird unpassendes Benehmen eher als störend oder lästig empfunden.

Bis heute gültige Regeln in der westlichen Welt

Einige Prinzipien des 16. Jhs. gelten bis heute und bilden Leitlinien für gute Tischsitten – körperliche Nähe vermeiden, die Hygieneregeln befolgen, auf Kleidung und Gestik achten, unschickliche Geräusche unterlassen, mässig bleiben, keine Gier zeigen. Alles sollte zu einer guten Stimmung während des Essens beitragen.
Esssitten und Speisen entwickelten sich parallel zu diesen Regeln. Um körperliche Nähe zu vermeiden, wurden die ab dem 15. Jh. immer vielseitigeren Tischutensilien nicht mehr gemeinschaftlich, sondern persönlich genutzt. Seitdem hatte jeder für sich Serviette, Besteck, Glas und Teller. Im 19. Jh. gab es ein Glas für jeden Wein, einen Teller pro Gang etc. Um kein Körpergeräusch – nicht einmal beim Kauen – zu erzeugen, servierte man an den Höfen des 18. Jhs. häufig Mousse.
Mit der Zeit wurden die Tischsitten immer raffinierter und komplexer – im 19. und beginnenden 20. Jh. sogar streng oder übertrieben. Zahllose Regeln legten Gestik und Etikette fest: Wie die Serviette auf die Knie gelegt, welches Besteck benutzt wird, wie Äpfel mit Messer und Gabel geschält, geschnitten und gegessen werden oder welche Gesprächsthemen man vermeidet (zum Beispiel Politik und Religion).
Viele dieser Regeln sind heute verinnerlicht und werden im Familienkreis weitergegeben. Aber der heutige Lebensstil einfacherer Mahlzeiten, Fastfood oder exotische Küche bedingen weniger strenge Tischsitten. Die Regeln werden grosszügiger ausgelegt und den Umständen angepasst. Besonders das Prinzip der Geselligkeit scheint zu überwiegen und gewisse „Lockerungen“ zu erlauben, so dass Anstand zwar noch wichtig, aber weniger allgemeingültig ist.
 

Immer die Gesundheit

Im 19. und 20. Jh. galt in vielen europäischen Ländern die wichtige Regel, von allem etwas zu nehmen und den Teller leerzuessen. Sie gilt noch immer, wird aber je nach Kontext – zum Beispiel bei Geschäfts- oder Familienessen – mehr oder weniger streng gehandhabt. Medizinische Gründe (wie Allergien oder Diäten) sind heute völlig anerkannt und erlauben Ausnahmen.