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Über uns
Forschung und Innovation
Yin und Yang der Hungerhormone
01
Mai
2015
Colin Rogers
Woran liegt es, wenn wir uns hungrig fühlen. Welche Mechanismen teilen uns mit, dass wir genug gegessen haben? Die Wissenschaft weiss heute deutlich mehr über die Prozesse, die für eine gesunde Balance zwischen Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch sorgen, und darüber, wie auf eine Störung dieser Prozesse zu reagieren ist.
©Shuttertsock/Antonov Roman

Wir alle sind auf Nahrung angewiesen. Sie versorgt uns mit der nötigen Energie zum Leben, hält uns gesund und verschafft uns Genuss. Aber warum wissen wir, wann wir etwas essen müssen oder – was ebenso wichtig ist – wann wir satt sind? Wissenschaftler auf der ganzen Welt versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Das ist auch wichtig, denn Adipositas (Fettleibigkeit) ist weltweit auf dem Vormarsch. Es gibt die verschiedensten Gründe, weshalb Menschen zu viel essen. Doch das ist nur die halbe Geschichte.

Unser Gewicht wird durch zwei Hauptfaktoren reguliert:

  • unsere Energiezufuhr – in Form von Nahrung und Getränken, die wir zu uns nehmen; und

  • unseren Energieverbrauch – durch körperliche Betätigung, den Erhalt der Körpertemperatur und die Energieversorgung unserer Organe.

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Der Begriff «Energiehomöostase» bezeichnet das Gleichgewicht zwischen unserer Energieaufnahme (in Form von Kalorien, Fetten, Proteinen usw.) sowie unserem Energieverbrauch (durch körperliche Aktivität und den benötigten Energieumsatz, den wir zum Leben brauchen). Erreichen wir dieses Gleichgewicht, verfügen wir über das geeignete Körpergewicht, um eine optimale physische und mentale Leistungsfähigkeit zu gewährleisten. Bei einem Ungleichgewicht können wir hingegen untergewichtig (wenn wir unserem Körper zu wenig Energie zuführen) oder – was häufiger der Fall ist – übergewichtig werden (wenn wir mehr Energie aufnehmen als unser Körper verbraucht).

Um das zu verstehen, reicht gesunder Menschenverstand. Die wissenschaftlichen Hintergründe sind aber deutlich komplizierter. Unser Appetit und Sättigungsgefühl ist das Ergebnis ständiger komplexer Signalinteraktionen zwischen Magen und Gehirn, die unsere Nahrungsaufnahme steuern. Das Wissen über die Funktionsweise des menschlichen Körpers hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm verbessert, insbesondere dank der Genetik. Einer der wichtigsten Meilensteine für das Verständnis des Hungergefühls war die Entdeckung des «Hungerhormons» Ghrelin.

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Ghrelin ist ein Peptid, das von gewissen Zellen im Magen ausgeschüttet wird und über das periphere Nervensystem und den Blutkreislauf Signale an das Gehirn transportiert. Neben der Steuerung des Hungergefühls spielt es auch eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Energieumsatzes und der Fetteinlagerung des Körpers und ist damit ein wichtiger Faktor für unser Körpergewicht und unsere Energiebilanz.

   

Ghrelin wird laufend ausgeschüttet, wobei die Sekretion bei leerem Magen zunimmt. Diese nimmt jedoch wieder ab, sobald sich der Magen ausdehnt (also voller Nahrung ist). Es wirkt zudem auf den Hypothalamus, der daraufhin ein verstärktes Hungergefühl auslöst und die Sekretion von Magensäure anregt, um unseren Körper auf die Nahrungsaufnahme vorzubereiten.

Im Gehirn ist ein spezifischer Rezeptor vorhanden, der dieses «Hungersignal» empfängt. Dieser Ghrelin-Rezeptor ist ebenfalls auf einigen der Zellen vorhanden, die den Rezeptor für Leptin exprimieren, ein «Sättigungshormon» mit der entgegengesetzten Wirkung von Ghrelin. Diese Gehirnzellen empfangen und verarbeiten also die Signale des Körpers, die ihm sagen, wann wir essen und damit aufhören sollen. Daran zeigt sich, wie komplex das System ist, das unsere Energiehomöostase reguliert.

Bei dieser Kommunikation zwischen Magen und Gehirn sind viele verschiedene Signalwege involviert, die noch nicht alle genau erforscht sind. Was wir aber wissen ist, dass Ghrelin neben der Regulierung unseres Hungergefühls auch eine wichtige Rolle dabei spielt, unser Glücksgefühl beim Essen und Trinken auszulösen, da der Ghrelin-Spiegel kurz vor der Nahrungsaufnahme einen Spitzenwert erreicht und nach dem Essen auf einen Tiefstand absackt.

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Auf der anderen Seite der Hunger-Sättigungs-Gleichung steht ein System von gastrointestinalen Hormonen, die dafür verantwortlich sind, unseren Appetit zu zügeln. Dazu zählen Leptin, ein hauptsächlich von den Fettzellen ausgeschüttetes Sättigungshormon. Gemeinsam wirken sie dem Effekt von Ghrelin entgegen, der unsere Lust auf Essen intensiviert.  Wie oben erklärt sind Leptin und Ghrelin eng miteinander verbunden, indem sie unser Hungergefühl zügeln bzw. anregen und unsere Fettdepots entsprechend den schwankenden Bedürfnissen unseres Körpers regulieren.

Die Rolle von Leptin besteht darin, unser Sättigungsgefühl zu intensivieren. Adipöse Menschen zeigen eine verringerte Sensibilität gegenüber der Wirkung von Leptin, sodass sie trotz gut gefüllter Energiespeicher keine Sättigung verspüren. Anders ausgedrückt: Ihr Körper sagt ihnen nicht mehr, wann sie genug gegessen haben.

Adipöse Menschen weisen in der Regel höhere Leptin-Werte auf als normalgewichtige Personen. Problematisch ist dabei allerdings ihre Leptinresistenz (vergleichbar mit der Insulinresistenz von Menschen mit Typ-2-Diabetes), obwohl deren genaue Ursache noch nicht vollständig verstanden wird. Wie zu erwarten führt die Absenz von Leptin oder dessen Rezeptor im Gehirn zu einem unkontrollierten Hungergefühl und in der Folge zu Adipositas.

 
 

Es gibt aber noch vieles zu erforschen, bevor wir die Mechanismen ganz verstehen, die unserem Hunger- und Sättigungsgefühl zugrundeliegen. Leptin wurde erst 1994 entdeckt, fünf Jahre später folgte die Entdeckung von Ghrelin. Das vollständige Verständnis der Rolle von Leptin wird durch die Tatsache verkompliziert, dass es mit zahlreichen anderen Sättigungsregulatoren interagiert. Ghrelin ist hingegen der bislang einzige nachgewiesene Hungerregulator, was aber nicht bedeutet, dass es nicht noch andere gibt.

Darüber hinaus gibt es noch viele andere Faktoren, die unser Essverhalten beeinflussen. Beispielsweise bevorzugen wir energiedichte, kalorienreiche Nahungsmittel mit hohem Zucker- und Fettgehalt, die wir oft nur zum Genuss essen – und nicht, weil wir hungrig sind. In Kombination mit unserem Ausbildungsniveau, unserer Aufklärung über «gesunde Ernährung», Umwelteinflüssen und Lebensstilfaktoren (z.B. Büroarbeit und Zugang zu Fitnesseinrichtungen) hat dies einen wesentlichen Einfluss darauf, wie gut unser Verhältnis von Energiezufuhr zu Energieverbrauch ausfällt. Doch das zunehmende Verständnis der Mechanismen, die unser Hunger- und Sättigungsgefühl steuern, eröffnet uns neue Wege in der Erforschung und Entwicklung gesünderer Nahrungsmittel und Therapien, die Menschen helfen, denen es schwer fällt, ihre Kalorieneinnahme zu kontrollieren und Energiehomöostase zu erreichen.

Es gibt zahlreiche verschiedene Gründe für die Wahl unserer Nahrungsmittel und die Mengen, die wir davon zu uns nehmen. Doch je besser die Auslöser für diese Entscheidungen wissenschaftlich erforscht sind, desto besser werden wir die richtigen Entscheidungen treffen und unser eigenes «Hungerhormon» kontrollieren können.

Colin Rogers

Autor, Redakteur und Übersetzer

Dank mehr als 20 Jahren Erfahrung mit akademischen und behördlichen Publikationen sowie dem Schreiben und Redigieren von Zeitschriftenartikeln gibt es kaum ein Thema, mit dem sich dieser Liverpooler Wortakrobat nicht auskennt. Mit seinem Credo, dass der Leser stets an erster Stelle stehen sollte, schafft er es bei jedem Auftrag, Freude am Thema zu wecken und gleichzeitig Wissen und Informationen auf zugängliche, fesselnde und ehrliche Weise zu vermitteln.

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