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Ein Bier, von Algorithmen gebraut
05
Mai
2017
Julien Calligaro
Das englische Start-up-Unternehmen IntelligentX stützt sich auf künstliche Intelligenz und die Verbrauchermeinung, um neue Biere zu kreieren.

„In einer traditionellen Brauerei stellt der Brauer seine Bierrezeptur nach aktuellen Trends, seiner Intuition oder Hinweisen aus seinem Umfeld zusammen“, erklärt Hew Leith, Mitbegründer des innovativen Londoner Start-up IntelligentX. Also entschloss sich der Londoner Unternehmer, gegen den Strom zu schwimmen: In seiner Firma sind Roboter am Werk, um die perfekte Rezeptur für den Verbrauchergeschmack zu finden.

Wie funktioniert das? Auf der Rückseite jeder Bierflasche befindet sich ein Code, der mit dem Smartphone gescannt werden kann. Dieser führt zur Facebook-Messenger-App, über die man mit einem Roboter kommunizieren und seine Meinung mitteilen kann. Man antwortet im Multiple-Choice-Verfahren oder vergibt Noten von 1 bis 10 , z.B.: „Mögen Sie lieber mehr oder weniger spritziges Bier? Mehr oder weniger fruchtiges? Mit einer markanteren Fülle am Gaumen?“

Dann tritt die künstliche Intelligenz (‚AI‘ für Artificial Intelligence) auf den Plan. Der Algorithmus der Firma nutzt als Theorem die Bayessche Verstärkung und Optimierung, um die Informationen der Kunden zu interpretieren – versucht sogar, die Fragen zu verbessern. „Dank der Nutzung künstlicher Intelligenz können wir Verbraucher und Brauer in einem einzigen Raum zusammenbringen“, sagt Hew Leith. „Derart grosse Datenmengen zu sammeln, wäre für einen Menschen extrem kompliziert und zeitaufwendig. Die künstliche Intelligenz kann sie jedoch ganz einfach sammeln und interpretieren.“ Und das mit Erfolg: Denn die Aromen der Biere von IntelligentX haben sich seit dem Start des Unternehmens im Jahr 2015 knapp 20 Mal geändert!

Weltweite Begeisterung für kleine Brauereien

10 000 – das ist die Anzahl der Kleinbrauereien weltweit, wie eine Untersuchung des Biotechnologie-Unternehmens Alltech 2015 ergab. Knapp 5000 davon befinden sich in Europa, beinahe ebenso viele in Nordamerika. Die USA belegen mit 4000 Brauereien den ersten Platz, gefolgt von Grossbritannien (mehr als 700) und Frankreich (650). Was die Brauereien pro Einwohner angeht, liegt die Schweiz mit 396 kleinen Brauereien oder 5 auf 100 000 Schweizer ganz vorne.

Die Begeisterung für handwerklich gebrautes Bier ist so gross, dass spezielle Stadtführer z.B. in London oder Online-Stadtpläne nach dem Beispiel von Berlin erstellt wurden, die entsprechende Brauereien und Bars verzeichnen. Der US-amerikanische Verband der gewerbsmässigen Brauer hat seinerseits handwerklich gebrautem Bier eine jährliche Konferenz gewidmet. Auch die Hobby-Brauer kommen nicht zu kurz: Im australischen Bundesstaat Queensland veranstalten sie einen ‘Wettbewerb für Hobby-Brauer‘, während sie sich in London treffen, um Wissen auszutauschen und ihre Biere zu verbessern.

18 000 verkaufte Flaschen

Kann die künstliche Intelligenz jedoch handwerkliches Können ersetzen, das beim traditionellen Brauverfahren notwendig ist? „Sie kann niemals die Erfahrung und die Kompetenzen eines Braumeisters übertreffen“, gibt Hew Leith zu. Er erinnert daran, dass seine Biere aus einer Partnerschaft von künstlicher und menschlicher Intelligenz hervorgehen: Nach wie vor braut der Mensch das Bier – aber auf Basis der vom Algorithmus gelieferten Rezepturelemente.

IntelligentX stellt vier verschiedene Biere her: Amber AI, Golden AI, Pale AI und Black AI. Die Biere werden derzeit nur in Grossbritannien verkauft; sie kosten 4,50 Pfund die Flasche (etwas mehr als 5 Euro)1. Hew Leith begründet den relativ hohen Preis mit den Kosten, die durch Konzeption und Nutzung künstlicher Intelligenz entstehen. Er und sein Teilhaber Rob McInerney hatten die Idee, künstliche Intelligenz zum Bierbrauen zu nutzen ... als sie gerade eins tranken. „Wir haben festgestellt, dass digitale Daten und Algorithmen häufig zu langweiligen Zwecken verwendet werden“, sagt Hew Leith. „Das Ganze wird viel lustiger, wenn man über Bier spricht!“ Die Nutzung einer solchen Technologie ermöglicht auch eine bessere Kenntnis des Verbrauchergeschmacks und damit das Brauen ‚individuell hergestellter‘ Biere für bestimmte Kundengruppen. „Dazu müssten wir allerdings noch mehr Daten sammeln als das bislang der Fall ist.“

Bis heute hat IntelligentX mehr als 18 000 Flaschen Bier verkauft. Die beiden Unternehmer hoffen, in den kommenden Jahren den Absatz ausbauen und ihre Verkaufsstellen auf Metropolen wie San Francisco oder Berlin ausdehnen zu können. Hew Leith spricht sogar von Bangalore, dem ‚indischen Silicon Valley‘: „Wir möchten überall dort präsent sein, wo es eine hohe Dichte an Fans handwerklich gebrauter Biere und an Forschern gibt.“ Die beiden Londoner verheimlichen auch nicht ihr Interesse an weiteren Produkten, „die Emotionen hervorrufen – wie Kaffee, Schokolade oder Parfum.“

Industrie oder Handwerk?

Die Idee von IntelligentX hat bereits Bart Watson überzeugt, Chefökonom bei der Brewers Association (US-amerikanischer Brauerverband), auch wenn er Schwierigkeiten einräumt, das Unternehmenspotenzial wegen seiner Neuheit am Markt abzuschätzen. „Es ist in einem Land mit mehreren hundert kleinen Brauereien absolut einzigartig“, erklärt der Experte. „Zahlreiche Brauer weltweit ändern übrigens bereits ihre Rezepturen; einige fragen auch die Verbraucher nach ihrer Meinung, verwenden dazu jedoch ganz andere Instrumente als künstliche Intelligenz.“ Für Bart Watson sind Innovationen im hart umkämpften Biermarkt unumgänglich.

Allerdings entspricht die neue Technik nicht jedermanns Geschmack. „Die Kunden nach ihrer Meinung zu fragen, ist, als ob man sich an den Meistbietenden verkauft, das bedeutet, Industrieprodukte herzustellen“, entrüstet sich Jérôme Rebetez, Gründer und Eigentümer der schweizerischen Brasserie des Franches-Montagnes. Eine seiner Spezialitäten, das Abbaye de Saint Bon-Chien, wurde im Jahr 2009 von der New York Times zum besten Bier der Welt gekürt2. „Wir brauen unser Bier nicht nach Verbrauchervorlieben. Wir stellen Biere her, die uns gefallen, und erklären unseren Kunden dann unseren Ansatz.So funktioniert der Beruf des Handwerkers!“

1. 1 Pfund (GBP) = 1.15 Euros (€) / 1.22 Dollar (USD) /1.23 Franken (CHF) [Source http://www.xe.com/fr/ consulté le 06.03.2017]
2. NEW YORK TIMES, 2009. Roll Out the Barrel, Open Your Wallet, 02.01.2009 http://www.nytimes.com/2009/01/07/dining/07wine.html?_r=2&scp=1&sq=Franches-montagnes&st=cse

IntelligentX http://intelligentx.ai/

Brewers Association https://www.brewersassociation.org/

Brasserie des Franches-Montagnes http://www.brasseriebfm.ch/

Global Craft Beer Survey 2015 http://www.alltech.com/news/news-articles/2015/11/09/alltech-releases-first-global-craft-beer-survey-against-backdrop-ab

Craft Beer London http://craftbeerlondon.com/about

Berlin Craft Beer Map http://www.berlincraftbeer.com/berlin-craft-beer-map/

The Queensland Amateur Brewing Competition http://www.qabc.org.au/

London Amateur Brewers https://londonamateurbrewers.co.uk/

HINDY, Steve, 2014. The Craft Beer Revolution: How a Band of Microbrewers Is Transforming the World's Favorite Drink. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

COLLECTIF, 2017. Brew Your Own Big Book of Homebrewing. Minneapolis: Voyageur Press.

COLLECTIF, 2015. Le meilleur de la bière artisanale. Paris : Tana.

Julien Calligaro
Journalist
Genf, Switzerland

Julien Calligaro, der ein Diplom in Politikwissenschaft der Université de Genève besitzt, arbeitet seit 2016 als Journalist bei LargeNetwork. Seine Interessen liegen in Reiseliteratur und französischen Romanen des 19. Jh.; er hat eine besondere Vorliebe für Gesellschaftsthemen und Politik.

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