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Über uns
Essen – Recht oder Schlecht?
Stevia forever
16
März
2018
Stéphanie de Roguin
Vor wenigen Jahren eingeführt, wurde Stevia zu einem Süssstoff „en vogue“. Seine Wirkung auf die Gesundheit ist jedoch umstritten.
Eine Pflanze mit ausgeprägter Süsskraft. ©Shutterstock/Linda Hall

Das Unglück der einen ist das Glück der anderen. Stevia-Extrakt eroberte den europäischen Markt, als nach der Jahrtausendwende das Gerücht umging, Aspartam, seit den 1960er Jahren der Star unter den Süssstoffen, sei möglicherweise krebserregend. Steviolglycosiden wie etwa Steviosid oder Rebaudiosid A hingegen haben den Nimbus der reinen Natürlichkeit. Sie werden aus der Pflanze Stevia ribaudiana gewonnen, die in den Wäldern Paraguays und Brasiliens wächst. Die Einheimischen verwenden sie seit jeher, um Mate-Tee zu süssen. Ihr Extrakt übertrifft die Süsskraft des weissen Zuckers um das 300fache − und zwar ohne jede Kalorie1. In den drei Jahren zwischen 2009 und 2012 besetzte das Produkt mit den gerühmten Eigenschaften 36% des Marktes für Tisch-Süssstoffe2.


 

Doch nach Ansicht von Experten birgt Stevia auch Gesundheitsgefahren. „Was man gemeinhin als natürlichen Süssstoff bezeichnet, stammt aus hoch konzentrierten Pflanzenextrakten“, erklärt Marie-Louise Scippo, Professorin für chemische Lebensmittel-Risiken an der Universität Lüttich. Die Giftigkeit von Steviolglycosid wurde 2008 vom Joint FAO/WHO Expert Committee on Food Additives JECFA (Gemeinsamer FAO/WHO-Sachverständigenausschuss für Lebensmittelzusatzstoffe) bewertet. Das mit Experten beider Organisationen besetzte Gremium empfiehlt, die Tagesdosis (ADI) auf 4 mg/kg Körpergewicht zu begrenzen3. Diese Sicherheitsmassnahme wird heute in ganz Europa und den USA angewandt.

Gesundheitspolitische Zweifel

„Der gemeinsame Ausschuss wurde eingerichtet, um die Gesundheit der Verbraucher zu schützen und faire Prozesse in der Ernährungsversorgung zu fördern“, so Zoie Jones, Kommunikationsbeauftragte der FAO. „Der Codex Alimentarius ist eine Sammlung von Normen, Richtlinien und Leitfäden, die von der Kommission gleichen Namens angenommen wurden. [...] Diese Texte sind nicht verpflichtende Empfehlungen, die nur dann obligatorisch werden, wenn sie in nationales Recht übertragen wurden.“

„Wir wissen seit langem, dass der Rezeptor für süssen Geschmack nicht nur auf die Zunge wirkt, sondern auch auf Darm, Bauchspeicheldrüse oder Fettgewebe“, erklärt Loïc Briand vom Centre des sciences du goût et de l’alimentation (CSGA) in Dijon. „Dies wirft Fragen nach Einfluss oder eventuellen Risiken von Süssstoffen für die Gesundheit auf.“

Heute ist nur der reine Pflanzenextrakt zugelassen. Das Blatt der Stevia, ob frisch oder getrocknet, ist im Handel in Europa und den USA verboten4. In China, dem weltweit grössten Stevia-Produzenten, wird die Pflanze zur Bekämpfung von Bluthochdruck eingesetzt. Ihr Vorzug ist, bei ausreichender Feuchtigkeit gut und üppig zu gedeihen. Das marktführende malaysische Unternehmen PureCircle bezieht seinen Rohstoff aus zwanzig Ländern aller fünf Kontinente5.

Einfaches Marketing

In den USA hat Coca-Cola Steviolglycosid schnell vereinnahmt und sich seine Nutzung unter bestimmten Bedingungen patentieren lassen, besonders für seine Produktlinie life mit grünen Etiketten als Symbol für Natur. Hier gilt zu beachten, dass einige Erfrischungsgetränke sich damit brüsten, Stevia zu enthalten, doch in der Regel nicht allein: Auch jede Menge Zucker kommt darin vor6. Diese Praxis wurde eingeführt, um den Getränken das bestmögliche Aroma zu verleihen. „Die Industrie interessiert sich sehr für diese Mischungen“, bestätigt Loïc Briand. „Kombiniert mit Zucker spielen die Süssstoffe die Rolle von Geschmacksverstärkern und erhöhen so die Süsskraft.“ Tatsächlich aber wird die Verbindung mit echtem Zucker genutzt, um den bitteren Nachgeschmack der Stevia zu mildern. „Wir haben nur einen einzigen Rezeptor für Zucker auf der Zunge, im Gegensatz zu 25 Rezeptoren für Bitterkeit.“ Einige Süssstoffe, wie Stevia oder Saccharin, aktivieren beide Rezeptoren gleichzeitig. Zucker überdeckt Bitterkeit, die erst im Anschluss geschmeckt wird.“ Auch das Profil der Süssstoffe im Mund unterscheidet sich vom Zucker, ebenso wie ihre Eigenschaften bei verarbeiteten Lebensmitteln. Ausserdem hat Stevia einen starken natürlichen Lakritz-Nachgeschmack.


 

Wir halten fest, dass sich die Forschung heute mit immer konzentrierteren, intensiveren Produkten beschäftigt, und dass sich die Industrie der synthetischen Biologie bedient, um durch die natürlichen Pflanzeneigenschaften sowie deren Nutzungsbegrenzungen nicht eingeschränkt zu werden7.

Biopiraterie

Alle ‚Wunder‘-Produkte sind mit wichtigen wirtschaftlichen Aspekten verbunden. Der Weltmarkt für Stevia umfasste 2014 347 Mio. Dollar. Für 2020 wird er auf 565 Mio. Dollar berechnet, was ein Wachstum von 8,5% bedeutet. Man schätzt, dass der Stevia-Konsum 2020 8,5 Tonnen8 erreicht. In Japan besitzt Stevia bereits 40% des Markts für Süssstoffe.

Neben den Zweifeln an den Vorteilen des Pflanzenextrakts für die Gesundheit prangern Beobachter eine typische Bio-Piraterie zu Lasten der Guarani-Indianer an. Die – vor allem westlichen – Grosskonzerne bieten den Entdeckern der Eigenschaften von Stevia ribaudiana keinerlei Kompensation an9. Das Nagoya-Protokoll der UN-Konvention über biologische Vielfalt schreibt jedoch vor, dass ein Volk einen „angemessenen und gerechten“ Anteil der auf seinem Gebiet genutzten Ressourcen erhalten müsse10.


 

‚Echter‘ und ‚falscher‘ Zucker

„Echter Zucker ist nicht so leicht zu ersetzen. Ich würde keinem Gesunden empfehlen, zu Süssstoffen zu wechseln. Sie könnten den Organismus in die Irre führen: das Gehirn, das den süssen Geschmack erkennt, wird weiter nach Zucker suchen, und das könnte das Stoffwechselsystem beeinträchtigen. Süssstoffe sind keine Lösung für Menschen, die eine Diät machen“, sagt Loïc Briand. Man geht jedoch davon aus, dass die Nachfrage nach Süssstoffen mittelfristig stark bleibt, vor allem in den Schwellenländern aufgrund der demografischen Entwicklung, der Einkommenszunahme und der Verstädterung. Es sei auch daran erinnert, dass Süssstoffe in den 1980er Jahren einen Verkaufsboom erlebten, als Fettleibigkeit und Diabetes stark zunahmen, und dass sie noch immer eines der Mittel gegen diese Leiden sind11.


 

1. DIABETES UK, 2017. Sugar, Sweeteners and Diabetes. The Diabetic Association [online]. 2017. [Abgerufen am 25.09.2017]. Nachzulesen unter: https://www.diabetes.org.uk/Guide-to-diabetes/Enjoy-food/Carbohydrates-and-diabetes/Sugar-sweeteners-and-diabetes/
2. MORINIAUX, Vincent, 2014. Les édulcorants : une autre histoire du sucré, une nouvelle étape dans l’histoire du sucre ? In : Le sucre, entre tentations et réglementations [online]. Mulhouse, France. 13.03.2014, pp. 133-160. [Abgerufen am 25.09.2017]. Nachzulesen unter: https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-01476969/document
3. EUROPEAN FOOD SAFETY AUTHORITY (EFSA). Les édulcorants. [online, abgerufen am 25.09.2017]. Nachzulesen unter: http://www.efsa.europa.eu/fr/topics/topic/sweeteners
4. MEIENBERG, François et al., 2016. Stévia – une douceur au goût amer [online]. Public Eye. [Abgerufen am 25.09.2017]. Nachzulesen unter: https://www.publiceye.ch/fileadmin/files/documents/Biodiversitaet/DB_Stevia_FR_2-16_def.pdf
5. MORINIAUX, Vincent, 2014, art. cit.
6. MEIENBERG, François et al., 2016, op. cit.
7. Ibid.
8. FUTURE MARKET INSIGHTS, 2014. Stevia Market: Global Industry Analysis and Opportunity Assessment 2014-2020 [online]. Future Market Insights. [Abgerufen am 25.09.2017]. Nachzulesen unter: http://www.futuremarketinsights.com/reports/global-stevia-market
9. MEIENBERG, François et al., 2016, op. cit.
10. SECRÉTARIAT DE LA CONVENTION SUR LA DIVERSITÉ BIOLOGIQUE, 2012. Protocole de Nagoya sur l’accès aux ressources génétiques et le partage juste et équitable des avantages découlant de leur utilisation [online, abgerufen am 25.09.2017]. Nachzulesen unter: https://www.cbd.int/abs/doc/protocol/nagoya-protocol-fr.pdf
11. OCDE/ORGANISATION DES NATIONS UNIES POUR L’ALIMENTATION ET L’AGRICULTURE, 2014. Perspectives agricoles de l’OCDE et de la FAO 2014-2023 [online, abgerufen am 25.09.2017]. DOI http://dx.doi.org/10.1787/agr_outlook-2014-fr
Stéphanie de Roguin
Journalistin
Genf, Switzerland
Als studierte Geographin interessiert sich Stéphanie für die soziokulturelle Seite des Essens. Sie arbeitet für die Presseagentur LargeNetwork in Genf.

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