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Über uns
Essen – Recht oder Schlecht?
Nahrungsergänzungsmittel
07
November
2017
Blandine Guignier
Die Einnahme von Nährstoffen in Tablettenform ist in westlichen Ländern beliebt; für ein Drittel der Bevölkerung ist sie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.
Nahrungsergänzungsmittel enthalten lebenswichtige Nährstoffe. Trotzdem sollte man sie nicht wie Bonbons essen! ©Shutterstock/Maxx Studio

Die Vitaminkur für Winterfitness, Omega-3 für Gedächtnisstärkung vor einer Prüfung oder Kalzium für den Knochenaufbau... unter Werbeeinfluss sind Nahrungsergänzungsmittel allgemein zur Normalität geworden. Die Zahl der Konsumenten weltweit steigt mit den Produktvariationen und deren mutmasslichen positiven Wirkungen. In den USA nimmt mehr als jeder zweite Erwachsene, hauptsächlich Frauen und Ältere, Nahrungsergänzungsmittel ein. In Europa nutzen sie 59% der Dänen, 43% der Deutschen, 20% der Franzosen und 9% der Spanier1.


 

Was versteht man genau unter Nahrungsergänzungsmitteln? Es sind Nährstoffkonzentrate, entweder Vitamine (besonders A, B, C,D, E), Mineralsalze (Kalzium, Kalium, Magnesium, Zink, Selen, Natrium, Kupfer usw.) oder andere Substanzen mit ernährungsphysiologischer Wirkung. Wie der Name vermuten lässt, eignen sie sich nicht als Ersatz für eine abwechslungsreiche, ausgewogene Ernährung, sondern lediglich als deren Ergänzung. Ob Kapseln, Pastillen, Tabletten, Pulver, Flüssigkeitsampullen – Ergänzungsmittel werden in Apotheken, Grossmärkten, im Internet, auch in Spezialgeschäften verkauft (in den USA in General Nutrition Centers).


 

Ebenso wie der Konsum variiert auch die Klassifizierung von Nahrungsergänzungsmitteln von Land zu Land. „Mehrere europäische Länder sowie die USA klassifizieren Produkte auf Pflanzenbasis als Nahrungsergänzungsmittel“, so Pierre-Yves Rodondi vom Schweizer Institut universitaire de médecine sociale et préventive (Institut der sozialen und vorbeugenden Medizin der Universität) in Lausanne. „In anderen europäischen Ländern wie der Schweiz werden Zubereitungen auf Pflanzenbasis behördlich überwacht und nicht als Lebensmittel angesehen.“ Pflanzen wie Kawa, Johanniskraut und Baldrian sind daher in amerikanischen, nicht in jedem Fall aber in europäischen Supermärkten erhältlich.

Skorbut, Rachitis und andere Mangelzustände

Die allgemein verbreitete Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln übersieht, dass es sich um eine neue Praktik handelt. Um sie zu verstehen, muss man laut Francesco Panese, Soziologe am Institut universitaire d'histoire de la médecine et de la santé publique (Universitätsinstitut für Medizingeschichte und Gesundheitswesen) in Lausanne, bis zum Beginn des 19. Jh. zurückgehen. „Damals erschienen die ersten Hygieneabhandlungen zum Thema Ingesta, also dem, was Menschen zu sich nehmen. Sie erklären, was gute, was weniger gute Ernährung ist. Die Autoren waren Gesundheitsreformatoren, die das Thema in den politischen Diskurs einbrachten.“


 

Die politische Bedeutung von Nahrungsergänzungsmitteln wurde um die Wende zum 20. Jh. in breitangelegten Gesundheitskampagnen in europäischen Ländern und den USA aktuell. „Man empfahl z.B. der Kindernahrung Kuhmilch, Butter, Zucker usw. zuzugeben.“


 

Chemiker versuchten in der ersten Hälfte des 20. Jh. die Synthese von Nährstoffen. Vitamin C wurde 1933 in einem Labor in Zürich entwickelt, zweihundert Jahre nachdem der schottische Arzt James Lind bewiesen hatte, dass Seeleute gegen Skorbut mit Zitrusfrüchten vorbeugen können. Dasselbe gilt auch für Vitamin D − man entdeckte, dass dessen Mangel bei Kindern Rachitis verursachte. Mehrere Länder – Grossbritannien bis ins Jahr 1971 – verteilten deshalb Dorschlebertran, bevor die aktuellen synthetischen Zubereitungen nutzbar waren. Die Forschung bewies auch den Zusammenhang zwischen Eisenmangel und Anämie oder Jodmangel und Kretinismus. „Einige Nahrungsergänzungsmittel haben bei der Vorbeugung gegen verschiedene Krankheiten oder bei der Korrektur von Ernährungsdefiziten und Mangelerscheinungen unschätzbare Dienste geleistet und tun dies noch immer“, so der französische Apotheker Luc Cynober.

Leistungssteigernde Substanzen

Nach Meinung des Soziologen Francesco Panese zeigt der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln, dass die Sorge um die Gesundheit zur Privatangelegenheit wurde. „Der Staat muss nicht mehr eingreifen. Jeder Einzelne ist nun für seine eigene Gesundheit und gleichzeitig für die anderer verantwortlich.“


 

Eine weitere Tendenz im Fokus der Forschung ist das wachsende Interesse an leistungssteigernden Substanzen. „Es handelt sich heute nicht mehr nur darum, gesund zu sein, wie es die Gesundheitspolitik propagiert, sondern sich in einer Welt der Konkurrenz und Machtspiele als leistungsstärker zu erweisen. Die Produkte dafür reichen vom einfachen Ginseng, das Studenten vor der Prüfung nehmen, bis hin zu illegalen Drogen in bestimmten Berufskreisen.“


 

Francesco Panese weist darauf hin, dass das Streben nach Höchstleistungen einen bedeutenden „business to consumer“-Markt entstehen liess. 2012 lagen die weltweiten Einnahmen dieser Branche bei ca. 32 Milliarden Dollar – sie könnten bis 2021 auf 50 Milliarden steigen. In Europa könnte der 2015 auf 7,2 Milliarden Euro geschätzte Umsatz bis 2020 7,9 Milliarden Euro erreichen3.

In diesem von Modeerscheinungen geprägten Bereich entwickelt sich die Nachfrage nach Nahrungsergänzungsmitteln stetig weiter. Geneviève Cazes-Valette, Dozentin und Wissenschaftlerin für Marketing und Ernährungs-Anthropologie an der Toulouse Business School (Frankreich) interessiert sich für die Ziele der Konsumenten. Dazu gehört Müdigkeitsbekämpfung ebenso wie die Lösung bestimmtenr Gesundheitsprobleme oder die Eindämmung von Stress bei der Arbeit oder in Prüfungen. Die Konsumenten möchten darüber hinaus gesund bleiben, sich ausgewogen ernähren oder ihr Schönheitskapital steigern. Die Einsatzmöglichkeiten entwickeln sich je nach Modetrends sowie nach Geschlecht und Alter der Käufer. „Für Senioren geht es z.B. ganz eindeutig um die Lösung von Gesundheitsproblemen oder deren Vorbeugung“, sagt sie.

Recht oder Schlecht: Wie kann man sich informieren?

Viele Konsumenten denken fälschlich, Nahrungsergänzungsmittel seien ungefährlich4. „Patienten sind häufig überzeugt, dass Vitamine in grosser Menge eingenommen werden müssen, um ihre Wirkung zu steigern“, stellt Pierre-Yves Rodondi fest. „Sie sind sich möglicher Risiken von Überdosierung nicht bewusst.“ Der Spezialist rät speziell bei Mischungen zur Vorsicht. Die Reaktionen auf Ergänzungsmittel können je nach individueller Konstitution unterschiedlich sein. „Raucher sollten z.B. die Einnahme von Beta-Karotin einschränken.“


 

Sollte man angesichts derartiger Risiken Nahrungsergänzungsmittel nicht verbieten? „Ich bin nicht generell gegen Nahrungsergänzungsmittel − sie sind bei Mangelerscheinungen und zur Vorbeugung bestimmter Krankheiten notwendig − , aber der Konsument muss sich vor der Einnahme informieren und individuelle Empfehlungen befolgen.“Dem Mediziner zufolge müssten auch die Ärzte besser informiert sein.


 

Die wenigen Studien zum Thema machen den Informationszugang nicht leicht. „Da Nahrungsergänzungsmittel schwieriger zu patentieren sind als Medikamente, lohnt es sich für einen Nahrungsergänzungsmittelhersteller nicht, in eine Studie zu investieren; andere Hersteller könnten das gleiche Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt bringen, ohne in die Forschung zu investieren.“


 

Um den Informationsmangel zu beseitigen, haben Luc Cynober und Jacques Fricker im Januar 2017 das Buch Tout sur les compléments alimentaires. Les bons et les moins bons (Alles über Nahrungsergänzungsmittel. Das Gute und das weniger Gute) veröffentlicht. Darin analysieren sie 155 Wirkstoffe, vom Acetogenin bis hin zu Zink. Der Apotheker und der Arzt und Ernährungsberater entschlüsseln die jedem Stoff zugeschriebenen Wirkungen und schlagen eine Gebrauchsanweisung vor.

Immer strengere Regelungen

Die Behauptungen der Hersteller werden, laut Luc Cynober, immer gewagter. „Der Trend geht dahin, immer mehr zu versprechen – inklusive der Behandlung von Krankheiten. Aber offensichtlich konnte man noch nicht nachweisen, dass ein Nahrungsergänzungsmittel Krebs heilt oder einer Siebzigjährigen die Haut einer Sechzigjährigen beschert!“


 

Zum Glück ziehen die sich überbietenden Versprechungen Gesetzesverschärfungen nach sich. In Europa basiert die Gesetzgebung auf zwei Anforderungen: Erlaubte Nahrungsergänzungsmittel dürfen weder schaden noch in die Irre führen5. „Damit die Hersteller die Wirkung eines Nahrungsergänzungsmittels angeben dürfen, müssen zwei Studien die jeweilige Eigenschaft nachweisen.“ So ist die Angabe erlaubt, dass Phytosterine Cholesterin um 10% senken, aber nicht, dass diese Substanzen, die in bestimmten Margarinen und natürlich in unterschiedlichen Pflanzenölen vorkommen (Soja, Raps, Mais), Herz-Kreislauferkrankungen vorbeugen. „Denn die Studien waren in diesem Punkt nicht eindeutig genug.“


 

Die USA und Japan haben andere Vorschriften, die nach Negativlisten vorgehen: Alles listenmässig nicht ausdrücklich Verbotene ist erlaubt, und zwar ohne vorherige Genehmigung. Die Unternehmen selbst verantworten die Sicherheit und die Kennzeichnung ihrer Produkte.

1. FRICKER, Jacques et CYNOBER, Luc, 2017. Tout sur les compléments alimentaires. Paris : Éditions Odile Jacob.
2. LARIVIERE, David, 2013. Nutritional Supplements Flexing Muscles As Growth Industry. Forbes [en ligne]. 28.04.2013. [Consulté le 09.06.2017]. Disponible à l’adresse : http ://www.forbes.com/sites/davidlariviere/2013/04/18/nutritional-supplements-flexing-their-muscles-as-growth-industry/#59f9413f4255
3. GRAY, Nathan, 2015. Number cruncher : Europe’s key supplement markets, brands & opportunities revealed. Nutraingredients.com [en ligne]. 22.09.2015. [Consulté le 09.06.2017]. Disponible à l’adresse : http ://www.nutraingredients.com/Markets-and-Trends/Number-cruncher-Europe-s-key-supplement-markets-brands-opportunities-revealed
4. RODONDI, Pierre-Yves, 2013. Aliments enrichis et compléments alimentaires : bénéfices et dangers en général (santé, bien-être, besoin) [en ligne]. 2013. Société Suisse de Nutrition. [Consulté le 09.06.2017]. Disponible à l’adresse : http://www.sge-ssn.ch/media/les_complements_alimentaires_py_rodondi_ssn2013-1.pdf
5. European Food Safety Authority (EFSA). Compléments alimentaires.  EFSA [en ligne, consulté le 09.06.2017]. Disponible à l’adresse : https://www.efsa.europa.eu/fr/topics/topic/supplements
6. Food & Drug Administration (FDA), 2016. Dietary Supplements. FDA [en ligne]. 04.04.2016. [Consulté le 09.06.2017]. Disponible à l’adresse : http://www.fda.gov/Food/DietarySupplements/

BOHLMANN, Friedrich, 2011. Les compléments alimentaires. Tabula [en ligne]. No 4, 2011, pp. 4-8. [Consulté le 09.06.2017]. Disponible à l’adresse : http://www.sge-ssn.ch/media/tabula-4-11-F.pdf

DUPUY MAURY, Françoise, 2015. Compléments alimentaires. Démêler le vrai du faux. Science&Santé [en ligne]. No 23, 01-02.2015, pp. 22-33. [Consulté le 09.06.2017]. Disponible à l’adresse : http://editions.inserm.fr/Science_Sant%C3%A9%20(JANVIER%20-%20FEVRIER%202015)#p=0

Office of Dietary Supplements (ODS). Dietary Supplement Fact Sheets. National Institutes of Health [en ligne, consulté le 09.06.2017]. Disponible à l’adresse : https://ods.od.nih.gov/

Blandine Guignier
Journalistin
Genf, Switzerland

Blandine liebt Geschichte und Gastronomie. Sie arbeitet für die Presseagentur LargeNetwork in Genf. An der Sciences Po Grenoble erwarb sie einen Master in Journalismus.

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