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Über uns
Online-Unterricht
27
März
2017
Céline Bilardo
Online-Kurse verändern den Wissenszugang und erreichen mehr Menschen als früher. Pierre Dillenbourg erklärt die Herausforderungen dieser Innovation.
Pierre Dillenbourg und sein Team entwickeln neue Lehr-Instrumente für das Labor Computer-Human Interaction in Learning and Instruction (CHILI) der EPFL. ©Thierry Parel

Pierre Dillenbourg ist einer der Väter der Massive Open Online Courses (MOOCs) der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL). Der Professor für Bildungstechnologien begann 2012 mit der Entwicklung von Online-Kursen an der Lausanner Hochschule, die er zum europäischen Pionier auf diesem Feld ausbaute. Das Angebot erweitert sich stetig: Die EPFL zählt heute Dutzende von online zugänglichen Kursen mit mehr als 1,5 Millionen Nutzern aus aller Welt.


 

Im Computer-Human Interaction in Learning and Instruction-Institut (CHILI) der EPFL entwickelt Pierre Dillenbourg mit seinem Team neue Lehrinstrumente, indem sie die Möglichkeiten von erweiterter Realität, Big data, Robotik oder auch Eye tracking testen. Der Forscher war auch am Aufbau der Alimentarium Academy-Plattform beteiligt, die sich der Wissensvermittlung und Wissensverbreitung zum Thema Ernährung an Lehrende, Schüler und Eltern widmet.

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Interview

Pierre Dillenbourg, Professor für Bildungstechnologien, EPFL

Wozu dienen MOOCs?

„Sie wollen die Pädagogik inhaltsreicher und vielfältiger gestalten; im Fall der EPFL für ihre eigenen Studierenden. Heute sind Videos allgegenwärtig: Sobald sich etwas ereignet, filmen alle das Ereignis mit ihren Smartphones. Daher erwartet jeder Studierende vom Professor, dass er seine Unterrichtsmaterialien online stellt. Zweites Ziel ist Wissensverbreitung. Denn die MOOCs stehen jedermann, nicht nur den Studierenden der EPFL zur Verfügung. Unser sekundäres Publikum ist die Welt. Mehr als 500 000 amerikanische Studierende haben unsere MOOCs besucht, obwohl einige nicht einmal wussten, wo die Schweiz liegt!“

Sind MOOCs wirklich allen zugänglich?

„Nein, ehrlicherweise muss man sagen, dass – auch wenn eines der MOOCs-Ziele die Öffnung des Wissenszugangs ist – nicht jeder teilnehmen kann. Einige Kurse z.B. für Java-Programmierung können die meisten besuchen. Doch an der EPFL gibt es Onlinekurse in Astrophysik oder Fluiddynamik, deren mathematische Gleichungen jeden Studierenden ohne wissenschaftliche Vorbildung entmutigen würden... Und nicht jedermann möchte die Theorie der Signalverarbeitung erlernen. Kurz gesagt: Alle unsere MOOCs stehen allen offen, sind aber nicht von jedem nutzbar!“

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Sie verfolgen die Entwicklung von MOOCs seit fünf Jahren. Welche wichtigen Veränderungen haben Sie festgestellt?

„Heute gibt es viele verschiedene MOOCs. Ihre Vielfalt spiegelt sich im immer breiteren Angebot der grossen privaten Plattformen wie Coursera wider. Einige stellen einen echten Vorteil für den Arbeitsmarkt dar. Für solche Kurse, im Bereich Informatik etwa, werden 50 US-Dollar für einenTeilnahmebeleg gezahlt. Andere MOOCs vermitteln keine berufsspezifischen Kompetenzen, sondern zielen auf akademisches Publikum oder auf Verbreitung bestimmter Inhalte. Dann gibt es auch Kurse für das reine Vergnügen: z.B. mehr über die Beatles erfahren, eine Sprache oder Gitarrespielen lernen und so weiter. Ganz zu schweigen von MOOCs für die Persönlichkeitsentwicklung, in denen Sie z.B. lernen, glücklich zu sein.“

Hat sich auch die Art der Teilnahme geändert?

„Ja! Veröffentlichungstermine und Teilnahmemöglichkeiten an MOOCs sind vielfältiger geworden. Früher gab es nach dem Vorbild von Universitätskursen einen Kurs pro Woche, doch man hielt dies bei einigen Teilnehmern für zu schnell. Deshalb stellte man MOOCs ununterbrochen zur Verfügung. Doch dieses Modell gefährdet die Gruppendynamik eines regelmässig abgehaltenen Kurses, während andererseits Dutzende Studierende im Forum diskutieren und ihre Arbeiten zum selben Zeitpunkt abgeben müssen. Es gab auch eine Mischform, die jeden Monat mit einer neuen Gruppe startete und so den gleichen Kurs mehrmals pro Jahr anbot. Zahlreiche Forschungsarbeiten beschäftigen sich mit den verschiedenen Eigenschaften der jeweiligen Modelle, die den Teilnehmern gefallen oder auch nicht.

Welche Finanzierungsmodelle gibt es?

„Es gibt sogenannte Freemium-Modelle, die kostenlos sind, für deren Teilnahmebescheinigung man jedoch bezahlen muss. Daneben werden Spezialisierungen, also Paketangebote mit vier oder fünf kürzeren MOOCs zum selben Thema angeboten. Die umfangreicheren, acht bis neun Wochen dauernden MOOCs werden übrigens immer weniger, sie dauern in der Regel nur noch vier oder fünf Wochen mit einem von den Studierenden zu realisierenden Mini-Projekt am Ende.“

Kann man den Einfluss der MOOCs auf die Bildungswelt messen?

„Im Hochschulwesen gibt es niemals eine echte Revolution, doch dank der MOOCs sind unglaubliche Dinge passiert! Die EPFL entwickelte sich zu einer weltweit, auch ausserhalb der akademischen Welt bekannten Einrichtung. Bei unseren Studierenden stellen wir fest, dass diejenigen, die die mit ihren Kursen zusammenhängenden MOOCs besuchen, bessere Prüfungsergebnisse liefern. Die Professoren wiederum machten ihre Lehrinhalte besser sichtbar, weil sie nicht mehr nur einer beschränkten Zuhörerschaft zugänglich sind. Die Veränderung greift also tief: Die Lehre gewinnt an Anerkennung, und die Studierenden hängen weniger vom Professor ab.“

Das Alimentarium stellt nun seine eigenen MOOCs über die Plattform Alimentarium Academy online. Was haben Sie dazu beigetragen?

„Bei der Realisierung der für Kinder und Jugendliche von 8 bis 16 Jahren konzipierten MOOCs vermittelte ich zwischen der ausführenden CoorpAcademy aus dem Innovationspark der EPFL und dem Alimentarium. Wir überlegten: Im Grunde können wir für Kinder keine MOOCs machen, sondern es müssen MOOGs sein – ‘Massive Open Online Games’, ein Begriff, den wir eigens erfunden haben. Man muss sich immer nach der Zielgruppe richten. Also war mein Rat: Macht Spiele, die so konstruiert sind, dass Lehrer dabei Daten sammeln und anschliessend mit den Kindern darüber sprechen. Denn man kann tausend Stunden spielen, ohne irgendetwas zu lernen!“

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Können Sie uns das Angebot der Alimentarium Academy genauer erklären? Was ist das Besondere?

„Die Plattform besteht aus einem Verbundsystem von drei Modulen: Erstens die Spiele für die Kinder, zweitens Informationsmaterial für Lehrer und Schulen, und drittens ein Familienmodul. Die Plattform funktioniert als ergänzendes Online-Instrument zum tatsächlichen Museumsbesuch, was einzigartig ist. Für Kinder bietet sie drei interaktive Spiele: Digestix, Tubix und Nutrix, die als App oder online zur Verfügung stehen. Der Lehrer kreiert eine virtuelle Klasse auf der Plattform und erfasst so den Lernfortschritt der Schüler im Spiel; er kann mit ihnen darüber sprechen und Verständnisprobleme erkennen, z.B. fragen: ‚Was war denn los, hast du dich von den Enzymen fressen lassen? Was ist ein Enzym? Sind die Enzyme schlecht? Wozu sind sie da?‘

Wie werden die Eltern in dieses Angebot einbezogen?

„Das Alimentarium möchte die Ernährungsgewohnheiten verbessern und Menschen für Gesundheitsfragen sensibilisieren. Wir meinten, die beste Gelegenheit, darüber zu sprechen, sei das Abendessen. Dazu bietet die Plattform eine App für Eltern an, die nun sehen, was ihre Kinder gespielt haben, beim Essen darüber sprechen, aufgetretene Fragen klären oder über die Inhalte diskutieren können.“

An wen richten sich die MOOCs des Alimentarium?

„Wir haben die MOOCs für Erwachsene, in erster Linie für das Lehrpersonal an Grundschulen konzipiert. Wir wollten Lehrer ohne spezielle ernährungswissenschaftliche Ausbildung weiterbilden oder ihnen neue Kenntnisse vermitteln, ohne dass sie dazu Experten zurate ziehen müssen. Der Lehrer kann seinen Schülern z.B. die Expertenvideos zeigen, er kann sie aber auch selbst ansehen und die Informationen auf originelle Art dem Schüler weitergeben. Die Inhalte der Alimentarium-MOOCs beschäftigen sich mit Themen, die in Unterrichtsprogrammen vorkommen; sie sind schon auf schweizerische (PER, Lehrplan21) und französische Lehrpläne abgestimmt und in die Navigation integriert. Eine wunderbare Idee! Die Lehrer können somit Online-Aktivitäten in ihr Unterrichtsprogramm einbauen.“

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Was halten Sie vom Einsatz pädagogischer Informations-Technologien im Grundschulunterricht?

„Sie bilden ein bedeutendes Hilfsmittel; es gibt heute so viele Dinge, die man vor dreissig Jahren noch nicht machen konnte! Leider verursacht die IT auch Probleme beim Führen einer Klasse. Nehmen wir Tablets als Beispiel. Oft hört man: ‚Genial, wir geben jedem Schüler ein eigenes Tablet!‘. Doch stellen Sie sich nun eine Lehrerin mit zwanzig an ihren Tablets klebenden Kindern vor. Das beschwört eine Situation herauf, in der die Lehrkraft ihre Rolle nur noch schwer erfüllen kann. Man muss diese Instrumente nach und nach einführen.“

Wie kann man die Nutzung der neuen Technologien durch die Lehrer verbessern?

„Dazu braucht es vor allem ein an den Einsatz der neuen Technologien im Unterricht angepasstes pädagogisches Szenario. Ich beschäftige mich viel mit Robotern. Doch ein Kind lernt nicht allein durch die Interaktion mit einem Roboter etwas, sondern weil dieser mit ihm im Unterricht etwas tut, wozu er nützlich ist. Das Gleiche gilt für Tablets. Bei der Konzeption derartiger Aktivitäten muss man immer mit den Lehrern zusammenarbeiten. Der Lehrer kann sich z.B. sagen: ‚Bevor ich die Lektion über den Zucker durchnehme, lasse ich die Kinder in den Artikeln pro und contra Informationen suchen. So arbeiten sie zehn Minuten lang. Dann fordere ich eine kurze Zusammenfassung und nehme anschliessend meine Lektion durch‘. Oder wie man im Englischen sagt: ‘There is a time for telling’. Lässt man Kinder Dinge selbst erforschen, bevor sie erklärt werden, lernen sie mehr, als wenn man ihnen immer gleich die Antworten gibt.“

Was sind die grössten Herausforderungen beim Ausbau von MOOCs und neuen Lern-Technologien?

„Bei den MOOCs geht es um das richtige Gleichgewicht für die Teilnehmer zwischen Kursfrequenz und flexibler Zeiteinteilung. Ich stelle mir vor, dass es künftig mehr berufsqualifizierende MOOCs, vor allem im Informatikbereich, gibt. Eine weitere Herausforderung liegt künftig in der Datennutzung zur Verbesserung der Instrumente. Wir sollten mehr Informationen sammeln, um zu verstehen, wie Menschen lernen, bis zu welcher Stelle sie die Kurse absolvieren oder welche Videos ihnen nicht gefallen.“

Alimentarium Academy www.alimentarium.academy

MOOCs annual report 2015 (EPFL)
https://documents.epfl.ch/groups/m/mo/moocs/www/MOOCs_Report_2015.pdf

EMOOCS 2017 Conference (European MOOCs Stakeholders Summit)
http://emoocs.eu/

State of the MOOC 2016: a year of massive landscape change for massive open online courses.

https://www.onlinecoursereport.com/state-of-the-mooc-2016-a-year-of-massive-landscape-change-for-massive-open-online-courses/

Quand les MOOC changent le marché du travail des professeurs d’université, Le Temps, 22 juin 2016.

https://www.letemps.ch/economie/2016/06/23/mooc-changent-marche-travail-professeurs-universite

J-BONK, Curtis et al., 2015. MOOCs and Open Education Around the World. Routledge.

[Links aufgerufen am 23.03.2017]

Céline Bilardo
Journalistin
Genf, Switzerland

Céline Bilardo erwarb einen Master in Journalismus an der Université de Neuchâtel und arbeitet seit 2014 als Journalistin für die Presseagentur LargeNetwork. Sie interessiert sich für unterschiedliche Themen an der Schnittstelle von Kultur und Gesundheit.

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