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Über uns
Unverzichtbare Nährstoffe
DETOX. Ernährung: woran glauben?
14
Mai
2014
Annika Gil

Die Kluft zwischen Wissenschaft und Glauben ist bei der Ernährung besonders ausgeprägt. Aber wie die Moden wechseln auch die Ansichten. Die Meinung, was uns gut tut und was nicht, kann morgen schon wieder anders sein.

©Alimentarium

Schlemmer wissen es: Die wohlschmeckendsten Lebensmittel sind auch jene, die am meisten Zucker, Fett und Salz enthalten. Wir Esser, die wir im 21. Jahrhundert leben und nach Gesundheitsratschlägen und Diätwundern lechzen, sind uns der negativen Auswirkungen dieses allzu köstlichen Trios sehr wohl bewusst. Die Ernährungswissenschaftler, die neuen Herrscher über unser Essverhalten, erlauben sie uns nur in sparsamen Dosen. Die Medien warnen uns regelmässig vor den Folgen unserer Ausschweifungen: Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes sind die neuen Leiden einer Gesellschaft, die nicht mehr hungert, sondern eine wahre Ernährungsobsession entwickelt hat. Die Warnungen finden sich überall: in Fernsehsendungen, Blogs, kulinarischen Rubriken, Rezeptsammlungen oder Kochwerkstätten, und sie spiegeln sich auch in der steigenden Anzahl exotischer Restaurants wider.

Mit DETOX. Ernährung: woran glauben? will das Museum der Ernährung die Wurzeln dieser Schizophrenie erkunden, die den modernen westlichen Esser befallen hat: hier Berge von Nahrungsmitteln, um auch den noch so vernunftgeleiteten Appetit anzuregen, dort medizinische Empfehlungen, die zum Masshalten auffordern – und zu allem Überfluss auch noch die Diktate der Mode, die das Schlanksein, Gesundheit und Jugend vergöttern. Hin und hergerissen zwischen widersprüchlichen Begierden – essen ist ja doch so ein Genuss! –, guten Vorsätzen und aufgeklärten Ratschlägen von allen Seiten, weiss der Esser nicht mehr, wo ihm Kopf und Mund stehen! Wir wollen mit dieser Ausstellung nicht noch mehr gute Ratschläge geben, sondern aufzeigen, wie der Mensch von der Antike bis heute die Auswirkungen der Nahrung auf das Funktionieren seines Körpers und auf seine Gesundheit verstanden hat.

Es ist ein schwacher Trost für uns Esser, die wir uns von Diäten mit klaren Regeln beschwichtigen lassen, dass auch unsere Vorfahren keine freiere oder naturnahere Ernährung kannten. Immer schon wollte der Mensch seine Ernährung rational erklären und ihre Aufteilung festschreiben. Zu den verschiedenen Tabus und religiösen Verboten kamen gesellschaftliche Zwänge, gerechtfertigt von Theorien, etwa: Dass das Verdauungssystem der einen (Adeligen, Intellektuellen, Männern) sich unterscheide von dem der anderen (Armen, körperlich Arbeitenden, Frauen). Bevor es der Wissenschaft am Ende des 19. Jahrhunderts gelang, die chemische Zusammensetzung von Lebensmitteln zu beweisen und die Rolle der Nährstoffe (Eiweisse, Zucker, Fette, Vitamine, Mineralstoffe) zu erklären, blieb dem Menschen nichts anderes übrig, als sich auf seine eigenen empirischen Beobachtungen zu verlassen. Das führte zu Schlüssen, über die wir heute nur schmunzeln können. Bis zum 17. Jahrhundert galten zum Beispiel frische Früchte als giftig, da sie ja im Magen verfaulen könnten, so wie sie es an der Luft tun. Ein Schnaps, der sich entzünden lässt, aber auch Dinge haltbar machen kann, wurde hingegen als Wunderheilmittel gepriesen, das man regelmässig zu sich nehmen sollte. Ein anderes Lebensmittel mit Heilwirkung – Muttermilch, möglichst von einer jungen Frau –, hat der italienische Arzt Gallo nach eigenen Angaben zu sich genommen, um sein Leben zu verlängern.

Heute will jeder dünn sein, aber in früheren Zeiten galten Doppelkinn und Hüftpölsterchen bei Mann und Frau als Zeichen für gute Gesundheit und Beweis für eine gewisse gesellschaftliche Stellung. Nur die Beleibteren hatten die Mittel, über ihren Hunger hinaus zu essen, während Nahrungsmittelmangel und Hungersnöte regelmässig dafür sorgten, dass die Mehrheit vor leeren Tellern sass. Nicht selten sah man noch am Ende des Zweiten Weltkriegs Werbungen, die den hohen Fett- oder Zuckergehalt von Lebensmitteln oder die prächtige Gesundheit eines mehr als pummeligen Säuglings priesen.

Kurz: DETOX analysiert unsere Beziehung zur Nahrung, wie Überzeugungen damit verbunden sind und wie die Wissenschaft im Lauf der Jahrhunderte Fortschritte gemacht hat. DETOX zeigt auf humorvolle Weise, wie das, was heute für wahr und bewiesen gilt, morgen schon wieder falsch sein kann. Heute halten wir es für gesund, Wasser zu trinken, aber in den 1950er-Jahren rieten die Frauenzeitschriften davon ab, mehr als 800 Gramm pro Tag zu trinken, weil sich das Wasser ja im Gewebe ablagern könnte. Und wenn dann auch noch die Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen kommt – die oft widersprüchlicher und nuancierter sind, als sich das die breite Masse wünscht –, ist die Verwirrung perfekt. So rühmen die Gesundheitsrubriken die «oxidationshemmenden» Tugenden des Brokkoli, der vor Krebs schützen soll – allerdings gilt das nur für Träger der genetischen Modifikation GSTM1 … Bin ich genetisch so modifiziert? Und Sie?

Guten Appetit! Auf Ihre Gesundheit!


Annika Gil

Journalistin

alimentarium magazine
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