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Zu Tisch!
Verrückte Welt der Esswettbewerbe
01
Mai
2015
Colin Rogers
Mit Essen seinen Lebensunterhalt verdienen, das klingt wie ein Traumberuf. Doch um als professioneller Vielfrass Erfolg zu haben, muss man gewisse Voraussetzungen mitbringen. Und vor allem: Will man das überhaupt?

Die meisten Menschen würden wohl nicht glauben, dass Wettessen viele Zuschauer anlocken. Doch in den USA sind diese Wettbewerbe ein grosses Geschäft. Dabei geht es natürlich nicht um Kochkunst, sondern darum, innerhalb einer bestimmten Zeit möglichst viele Hot Dogs, Chicken Wings oder Pizza-Stücke zu verdrücken.

Für die meisten von uns hört sich das nicht sehr verlockend an, doch in Amerika haben Wettessen eine grosse Fangemeinde. Es gibt sogar einen eigenen Verband, der pro Jahr über 100 nationale Wettkämpfe ausrichtet, offizielle Regeln und Rekorde sowie Preisgelder in Höhe von mehreren hunderttausend Dollar.

 

Wettessen sind aber keine neue Erfindung. Sie gehen zurück auf amerikanische Dorffeste Anfang des 20. Jahrhunderts, bei denen zur Feier des Ernteabschlusses auch Wettessen veranstaltet wurden. Damals bestand die Aufgabe darin, so viele Kuchen wie möglich zu verschlingen. Doch die heutigen Veranstaltungen haben nichts mehr mit ihren damaligen Wurzeln gemein. Sponsorengelder grosser Nahrungsmittelkonzerne und Reality-Shows am US-Fernsehen, die so vielsagende Titel wie Gutbusters und The Fear Factor tragen, haben die heutigen Wettessen zu einem grossen Geschäft mit Millionen von Fans gemacht. Die grössten Events, wie das seit 1916 von Nathan's in New York durchgeführte Hot-Dog-Wettessen, der Wing Bowl in Philadelphia oder das Hamburger-Wettessen «Krystal Square Off» in Tennessee ziehen bis zu 40 000 Zuschauer an. Essen ist zu einem Profisport geworden.

 

Nun könnte man meinen, dass professionelle Wettesser einen ziemlich lockeren Job haben, der ihnen zudem TV-Ruhm und Einnahmen als Werbeträger für Nahrungsmittelprodukte oder Restaurantketten bringt. Doch neben dem moralischen Aspekt einer exzessiven Nahrungsaufnahme in Anbetracht des Hungers auf der Welt hat ihre «Arbeit» noch eine weitere Schattenseite: Sie müssen sich mit unnatürlichen und gesundheitsschädigenden Trainingsmethoden auf die Wettessen vorbereiten. Einige von ihnen konsumieren grosse Mengen an Nahrungsmitteln und Wasser, um ihren Magen zu vergrössern, andere fasten mehrere Tage, um den nötigen Appetit aufzubauen und wieder andere versuchen, durch Kaugummikauen ihren Kiefer zu trainieren. Würde es Ihnen gefallen, regelmässig grosse Mengen Kohl zu essen, um Ihren Magen in Wettkampfform zu halten?

 

Studien(1) haben gezeigt, dass eine derart übermässige Nahrungsaufnahme den Magen zu einem unnatürlich grossen, schlaffen Sack ausweitet, der gewaltige Mengen an Nahrung aufnehmen kann. So ein riesiger Magen nimmt den Grossteil der Bauchhöhle eines professionellen Wettessers ein und kommt wohl einer Schwangerschaftserfahrung beim Mann am nächsten. Langfristig kann eine solche Magenausweitung irreversibel werden. Der Magen kann dadurch seine Fähigkeit einbüssen, sich zusammenzuziehen und zu entleeren, sodass eine komplette Entfernung des Magens (Gastrektomie) notwendig wird. Eine übermässige Nahrungsaufnahme kann auch zu morbider Adipositas führen. Ein Teilnehmer an einem Wettessen in Custer, South Dakota, ist sogar während des Wettkampfs an einem Hot Dog erstickt.

Um Missbrauch zu verhindern und die Gesundheit und Sicherheit der Wettesser zu schützen, hat die International Federation of Competitive Eating Wettkampfregeln aufgestellt. Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt sein und Wettessen dürfen im Durchschnitt nicht länger als zehn oder zwölf Minuten dauern. Zudem ist es erlaubt, das Essen in Wasser einzuweichen, um es leicht schluckbar zu machen – allerdings nicht länger als fünf Sekunden. Ausserdem müssen stets Rettungssanitäter vor Ort sein. Und wer erbrechen muss, scheidet aus.

Wettessen sind aber mittlerweile nicht nur in den USA populär, sondern auch in Kanada und Japan, wo Programme wie Man v Food ebenfalls zu sehen sind. Worin liegt nun aber die Faszination an diesem relativ neuen und äusserst kontroversen Phänomen? Ist es einfach eine Reaktion auf die behördlichen Mahnungen, sich gesund zu ernähren? Eine morbide Faszination, anderen dabei zuzusehen wie sie sich vollstopfen, bis ihnen schlecht wird? Oder einfach ein weiterer Auswuchs unserer zunehmend übergewichtigen, genussorientierten Gesellschaft?

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Wie auch immer die Antwort auf diese Frage lautet: Für die einen sind Wettessen ein harmloser Spass, für die anderen ungesund, unmoralisch und schlichtweg inakzeptabel. Eines ist aber sicher: Für die Sponsoren – meist Fastfood-Ketten, einige Nahrungsmittel- und Getränkekonzerne sowie vereinzelte Produzenten von Produkten gegen Sodbrennen und Verstopfung – sind sie eine grossartige Gelegenheit, Werbung für ihre Produkte und Dienstleistungen zu betreiben. Denn wenn Champion Joey Chestnut in nur zehn Minuten 68 New-York-style Hot Dogs verputzt und sein weiblicher Konterpart Molly Schuyler in derselben Zeit 348 Chicken Wings verdrückt, dann müsste doch auch bei den Zuschauern Platz für ein paar Bissen sein?

Von Hochzeitstorten über Kaviar und Chilis bis hin zu Pfannkuchen – für alles wird ein Wettessen veranstaltet. Die World Slugburger Eating Championship (Slug = Nacktschnecke) in Mississippi dürfte allerdings nicht jedermanns Sache sein. Aber keine Sorge – alles nur halb so wild: Slugburger sind eine lokale Spezialität aus Rindfleisch und Paniermehl, die frittiert anstatt gebraten werden. An der jährlichen «Frittierte Stierhoden»-Challenge in Montana möchten Sie aber sicher nicht teilnehmen – denn die sind definitiv echt!

(1) Studie von Mark Levine, Radiologie-Professor an der Penn University, USA, der den Magen von Tim «Eater X» Janus beim Verschlingen von Hot Dogs untersuchte.
Colin Rogers

Autor, Redakteur und Übersetzer

Dank mehr als 20 Jahren Erfahrung mit akademischen und behördlichen Publikationen sowie dem Schreiben und Redigieren von Zeitschriftenartikeln gibt es kaum ein Thema, mit dem sich dieser Liverpooler Wortakrobat nicht auskennt. Mit seinem Credo, dass der Leser stets an erster Stelle stehen sollte, schafft er es bei jedem Auftrag, Freude am Thema zu wecken und gleichzeitig Wissen und Informationen auf zugängliche, fesselnde und ehrliche Weise zu vermitteln.

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