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Gärtnern im öffentlichen Raum
Prinzessinnengarten
14
Mai
2014
Andreas Kohli

Hier wachsen nicht nur 500 verschiedene Kräuter- und Gemüsesorten, hier wird auch Stadtentwicklung betrieben. Der Prinzessinnengarten ist ein Labor für das urbane Zusammenleben.

Der Historiker Robert Shaw und der Filmemacher Marco Clausen haben innerhalb kürzester Zeit eine verwahrloste Brache in ein blühendes Paradies verwandelt. Beeindruckt von den Stadtgärten in Havanna, haben sie im Mai 2009 in Berlin ein Grundstück gepachtet. Im Buch Prinzessinnengärten beschreiben sie die damalige Brache als ein Stück Land, „das lange niemand haben wollte: zerbombt, abgerissen, hässlich. Die Umgebung taucht regelmässig auf den untersten Plätzen der Statistiken hinsichtlich Arbeitslosigkeit auf, zwei Drittel der Kinder gelten als arm.“

Ihr Projekt begeisterte von Beginn an. Ein Artikel in zitty hat 150 Freiwillige aus der Nachbarschaft mobilisiert, gemeinsam haben sie über zwei Tonnen Müll entsorgt und das jahrzehntelang verwilderte Areal gerodet. Da der Pachtvertrag zeitlich beschränkt ist, entwickelten sie die Grundidee des mobilen Gartens: Angebaut wird in Euro-Paletten, Übersee-Containern oder auch in ausgedienten Reissäcken und Tetrapacks. Der Garten kann so jederzeit abtransportiert und an einem neuen Ort wieder aufgebaut werden. Der Prinzessinnengarten übt inzwischen eine enorme Anziehungskraft aus: Jede Saison gärtnern bis zu tausend Freiwillige mit, und circa 60.000 Menschen besuchen den Garten pro Jahr.

 

Mit Marco Clausen sprach Andreas Kohli

Was macht den Prinzessinnengarten so erfolgreich?

Marco Clausen: Im Prinzessinnengarten können alle jederzeit mitmachen. Es gibt keine privaten Beete, und der Garten ist für alle öffentlich zugänglich. Aber man kann hier nicht nur gärtnern. Unsere Anlage ist ein Ort, an dem man sich aufhalten kann, wo man studieren kann, wo man mitmachen und bauen kann. Man kann bei uns auch essen und trinken: Es ist ein urbaner Garten, der ganz viele verschiedene Nutzungen und Funktionen miteinander verbindet.

Gibt es in Berlin auch andere Gärten mit diesem Konzept?

Ja. Es gibt eine allgemeine Tendenz, in der Stadt wieder zu gärtnern. Ein Buch von Christa Müller heisst Urban Gardening - über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. Die Gärten waren immer präsent, aber sie haben eine neue, zeitgemässe Gestalt.
„Der Prinzessinengarten ist nicht aus einer Sehnsucht nach dem Land heraus entstanden. Vielleicht war es umgekehrt eher eine Sehnsucht nach der Stadt, nach einem Ort des permanenten Austausches und Dialogs.“

Was ist der Unterschied zu einem Park?

Bei uns ist es viel offener als in einem Park. Es kommen dauernd Leute zu uns und sagen: Ich möchte hier gerne einen Workshop anbieten, ein Projekt zu indoor farming oder Recycling machen oder eine Fahrradwerkstatt einrichten. Wir haben eigentlich einen Freiraum geschaffen, der viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten bietet und thematisch mit der Frage zu tun hat, wie wir nachhaltiger in der Stadt leben und wie wir zusammen leben wollen. Wir wollen Dinge nicht nutzlos verbrauchen, sondern sie miteinander teilen, wir wollen gemeinsam lernen und uns austauschen. Im Prinzessinnengarten reden die Menschen ja nicht nur übers Gärtnern, sie tauschen sich auch über ihre Lebensverhältnisse, ihre Ideen aus. Das ist das Besondere an diesem Ort.

Weshalb machen die Leute mit? Ist es die Freude am Gärtnern?

Ich bin ja auch kein Gärtner. Die meisten von uns sind eher Amateure und Dilettanten. Das Gärtnern hat unterschiedliche Gründe. Pflanzen und Menschen, die sich um Pflanzen kümmern, schaffen eine ganz besondere Atmosphäre. Es gibt nur wenige Leute, die man übers Gärtnern nicht erreicht, und wenn es nicht das Gärtnern ist, dann ist es das Essen.

Und die Ernte, ist die auch wichtig?

Es gibt bei uns keine privaten Beete. Niemand kann sein Beet und sein Gemüse ernten. Alles Gemüse, das bei uns produziert wird, dient dazu, den Garten als Ganzes zu unterstützen. Es wird teilweise im Restaurant verkocht oder verkauft. Die Leute können aus dem Beet ernten und bezahlen dann einen Preis. Die Leute, die im Garten mitarbeiten, bekommen einen deutlich günstigeren Preis. Man kriegt ein Messer in die Hand und erntet, was man braucht.
Wir pflanzen auch alte und seltene Sorten an – über hundert verschiedene Kräuter- und Gemüsesorten. Wir ziehen mehr als 20 unterschiedliche Tomatensorten und 20 verschiedene Minzesorten auf. Insgesamt gibt es bei uns ungefähr 500 Sorten. Unsere Qualität ist schon sehr hoch, verglichen mit der industriellen Produktion. Salate aus den Supermärkten zum Beispiel haben eine sehr zähe, ledrige Haut, damit sie den Transport überstehen können. Wir haben Salatsorten, die nicht käuflich sind, weil sie sich gar nicht für den Transport eignen würden. Somit bringen wir auch kulinarisch etwas sehr Spezielles.

500 Sorten, das ist beeindruckend!

Ja, wir produzieren zwar nicht in grossen Mengen, aber wir produzieren Dinge, die es anderswo nicht gibt. Auch das Kochen ist speziell: Man sieht das Beet und das Gemüse und die Verarbeitung in der Küche.

Wie gross war die Ernte dieses Jahr?

Die Jahresernte? In Zahlen? Das weiss keiner bei uns.

Auch nicht ungefähr?

Es wird ja auch nicht gemessen, wir wiegen ja Blüten und Blätter nicht, das wissen wir wirklich nicht. Was man sagen kann: Wir haben um die 6.000 Quadratmeter Anbaufläche. Das ist im Vergleich zur normalen Landwirtschaft sehr sehr wenig.

Plant ihr, das Grundstück zu kaufen?

Nein, es gehört der Stadt und sollte im Juni 2012 meistbietend verkauft werden. Am Ende war es so, dass der Verkauf des Prinzessinnengartens mit 30.000 Unterschriften gestoppt werden konnte und die Stadt das Grundstück an den Bezirk Kreuzberg abgetreten hat. Wir werden auch weiter Mieter bleiben.

Hat sich das Projekt verändert? Es ist ja schon vor circa fünf Jahren gegründet worden.

Es hat sich sehr verändert. Es fing mit einer Idee an, daraus ist nun ein recht komplexer Ort geworden, der sehr hohe Anforderungen ans Management und die Finanzierung stellt, weil wir ja vorwiegend selbst finanziert sind und ein saisonaler Betrieb gar nicht so einfach ist. Wir müssen uns immer wieder neue Einnahmequellen erschliessen. Es hängt von viel ehrenamtlicher Hilfe ab und verändert sich laufend.

Es gibt ja oft ein Team, das den Prozess anreisst und dann wieder geht. Ist es bei euch auch so?

Nein, die Gründer, also das Kernteam, sind noch dabei. Wir wollen aber nicht weitere zehn Jahre so arbeiten, wie wir bis jetzt gearbeitet haben. Es macht wahnsinnig Spass, aber man kann nicht 80 Stunden in der Woche arbeiten, und das bei einem Einkommen, wie wir es haben.

Was würden Sie Leuten empfehlen, die selbst ein Gartenprojekt starten möchten?

Ich würde ihnen empfehlen, es einfach zu tun. Wir sehen so viele unterschiedliche Arten von Gärten, die sich momentan entwickeln, ob das jetzt neue Schrebergärten sind oder Communitygärten oder, wie bei uns, soziale urbane Landschaften. Das Potential ist wahnsinnig gross. Es gibt so viele Flächen, die ungenutzt sind oder die man besser nutzen könnte. Ich glaube, es kann gar nicht genug Gärten in der Stadt geben. Man muss einfach eine gewisse Beharrlichkeit mitbringen, um so eine Idee umzusetzen. Man muss Leute dafür begeistern können, dann ist viel mehr möglich, als man denkt. Als wir angefangen haben, sagten viele, es ist eine total tolle und romantische Idee, aber das wird sowieso nichts. Daher ist jetzt ein guter Zeitpunkt, etwas zu beginnen, weil es schon so viele tolle Projekte gibt, an denen man sich orientieren kann. Es gibt ja nicht nur den Prinzessinnengarten.

 

Andreas Kohli

Designer, Dozent

Andreas Kohli arbeitet in Zürich als Designer in seiner Agentur Belleville AG und ist Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Von 2013 bis 2104 war er Projektmanager des Online-Magazins Alimentarium und Mitglied des Redaktionsteams für die Ausgaben «Zu Tisch!»,  «Der Genuss» und «Reich und Arm».

Foto: Sebastian Kusenberg, Berlin

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