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Gesellschaft  |  Dossier Zu Tisch !

Esslust als Metapher im Kino Bühne frei für den Appetit!

©La vie est un long fleuve tranquille, Étienne Chatiliez, 1998 D.R.

«Essen und Trinken muss sein!», singen Asterix und Obelix in einem Zeichentrickfilm(1) aus dem Jahr 1968. In dieser Szene tollen die beiden gallischen Helden fröhlich vor einem sinnbetörenden Hintergrund mit gebratenen Wildscheinen und riesigen Tortenstücken herum. Das ist die positive Darstellung, die wir mit einem kräftigen Appetit verbinden: er verleiht uns unbändige Kräfte und wirkt wie Balsam auf die Seele. Und stets weckt die Figur des Schlemmers oder des Feinschmeckers unsere Sympathie; sehr oft wird sie auch als Lebenskünstler dargestellt, als Mensch, der das Leben in vollen Zügen geniesst, der ein Buch im Nu verschlingt oder der Schwierigkeiten einfach bewältigt. Denken wir nur an den urwüchsigen Gérard, gespielt von Eddy Mitchell, in Das Glück liegt in der Wiese von Regisseur Etienne Chatiliez.(2) Sein Freund Francis wirft ihm vor, «immer nur ans Fressen» zu denken. Diesem antwortet Gérard vergnügt: «Tja, ich bin nun mal ein einfacher Mensch! Ich mag die kleinen Dinge im Leben!»

Doch einmal abgesehen von den „Bonvivants“, den Lebemännern, die «Esslust verkörpern» und «einen auf den Geschmack bringen», wie es Vincent Chenille in seinem Werk über den gastronomischen Genuss im Kino(3) beschreibt ,wie nehmen wir eigentlich die Figuren wahr, die an Appetitlosigkeit leiden und sich vor Essen ekeln? Mit Argwohn. So kommt es zumindest im Film Das Glück liegt in der Wiese rüber, als Gérard mit der theatralischen, schlecht gelaunten Nicole am Tisch in einem Restaurant sitzt und sich in einer seiner wiederholten Tiraden ergeht: «Hier wird kein Broccoli in Vittel gekocht. Hier geht es ums Vergnügen. Ums Vergnügen! Kennen Sie dieses Wort überhaupt?» Die Darstellung der Appetitlosigkeit ist damit Sinnbild für die Genussunfähigkeit. Was die Figur der Nicole hier verkörpert, «ist das Drama des Verdauungssystems, das durch seine Organe Verdrossenheit, Gefühle, Angst (…) vermittelt»(4).

 

Appetitlosigkeit und Langeweile

In Eselshaut(5), einem Märchenfilm von Jacques Demy, verkörpert der Prinz die Figur des melancholischen Jünglings, der die wahre Liebe vermisst. Im ersten Teil des Films, bei einem rustikalen Festmahl, sehen wir ihn, wie er in typischer Pose – lustlos, schwermütig, mit aufgestütztem Kinn – am Tisch sitzt:

  • Sie haben nichts gegessen, Eure Exzellenz …
  • Ich habe keinen Hunger.
  • Bedrückt Sie irgendetwas? Irgendwer?
  • Ich dachte gerade über die Welt nach, darüber, wie seltsam sie doch ist.

Als er Eselshaut, in ihrem wunderschönen Prinzessinnenkleid, endlich findet, verliebt er sich unsterblich in sie. Weil sie ihm aber verwehrt bleibt, isst er drei Tage lang nichts. Als er seinem Vater sagt, er habe «auf nichts Lust», heisst das nichts anderes, als dass er sich eine eigens von seiner Angebeteten gebackene Torte wünscht. Die «Liebestorte», die sinnbildlich für seine Gefühle steht, verschlingt der Prinz dann gierig und ganz alleine. Dieser Heisshunger des liebestollen Prinzen bestätigt lediglich die Diagnose, welche die Ärzte gestellt hatten, als er hungerte: «Der Prinz vergeht vor Liebe.» Nach diesem Essensexzess schläft der Prinz ein und träumt, wie er und Eselshaut Hand in Hand durch die Natur schlendern. Man sieht, wie sich das Paar auf ein deftiges Buffet stürzt. Dabei schwören sie, sich ewig zu lieben und sich «mit Gebäck vollzustopfen», was nichts anderes als eine reizvolle Metapher für das Leben zu zweit ist.

Nahrungsverweigerung und Familiengeheimnisse

Laut dem Filmemacher Bertrand Tavernier «sagt man sich beim Essen die wirklich wichtigen Dinge im Leben».(6) Und bis auf wenige Ausnahmen − François Truffaut etwa hasste es, wenn er «aufs Essen angesprochen» wurde − gibt es in den meisten Filmen Szenen, in denen gegessen wird. Nathalie Héron bringt es auf den Punkt: «Die Beziehung der einzelnen Figuren zum Essen offenbart stets mehr als tatsächlich zu sehen ist. Es steht also dem Betrachter frei, es sich selbst auszumalen. Denn essen, heisst nicht nur ein Grundbedürfnis zu befriedigen. Essen weckt vor allem auch die Lust und unser Verhältnis zur Nahrung wird dadurch vermenschlicht. Und so entsteht Lebenslust.»(7) Nun aber zur Nahrungsweigerung: Wie ist sie in diesen Filmen zu deuten?

In Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss(8), einer Beziehungskomödie, inszeniert Etienne Chatiliez die grausame Realität einer frustrierten Figur. Bernadette, die Tochter der Le Quesnoy, einer katholischen und gutbürgerlichen Familie, erfährt im Alter von 12 Jahren, dass sie bei ihrer Geburt mit einem Jungen vertauscht wurde und dass sie eigentlich zur Familie Groseille gehört, einer klischeehaft überzeichneten Arbeiterfamilie.

 
 

Bei einer Mahlzeit – deren Bedeutung umso grösser ist, als sie in der Familie der Le Quesnoy ein wichtiges Erziehungsinstrument darstellt(9) – schüttet Bernadette ihren Teller Suppe seelenruhig auf das weisse Tischtuch. Damit will sie ihren «Adoptiveltern» zu verstehen geben, dass sie über die Situation Bescheid weiss. In einer Totenstille läuft die Flüssigkeit über den Tisch, die Eltern schauen einander sprachlos an. «Zeitlich wie räumlich gilt Essen auch heute noch als grundsätzlich sinnstiftendes Ritual.»(10) Vergessen wir nicht, «das Wort <Nahrung> bedeutete bis ins 18. Jahrhundert auch <Erziehung>, das Verb <ernähren> war gleichbedeutend mit <erziehen>».(11) So scheint denn auch die Suppe, die sich langsam über den Tisch ausbreitet, die Rolle der Le Quesnoy als Ernährer/Erzieher und damit ihre Identität als Eltern ernsthaft infrage zu stellen. Die willentlich ausgeschüttete Suppe spricht im Namen von Bernadette und scheint zu sagen: «Ich gehöre nicht zu eurer Familie, ihr könnt mir nicht mehr länger vorschreiben, was ich zu tun habe.» Angesichts der grünlich-schleimigen Flüssigkeit denkt man unweigerlich an Erbrochenes. Die ausgekippte Suppe wird zum Sprachrohr des Kindes, das seinerseits stumm bleibt. Ursprünglich heisst ja «zu Tische gehen» im Volksmund so viel wie «hinnehmen». Die verweigerte Nahrung wird folglich zum himmelschreienden Symbol für nicht hinnehmbare, nicht akzeptable Situationen.

Ernährung als Seelenheilkunde

Ob Appetitlosigkeit oder Heisshunger (Eselshaut), ob Hungerstreik oder spiessbürgerliche Mahlzeit (Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss) – die Metapher des Essens scheint ihren gebührenden Platz nur als Teil von Gegensätzlichkeiten einzunehmen. Und allem Anschein nach gibt es nur einen Ausweg aus dem Dilemma: Man muss einfach seinen Appetit wiederfinden.

In Das Glück liegt in der Wiese ist der von Michel Serrault gespielte Francis glücklich, wenn er essen kann. Und er isst, weil er glücklich ist. Seine Niederlagen erlebt er dagegen durch den Verlust seines Appetits. Als Gérard Francis nach einem Schwindelanfall im Krankenhaus besucht, zaubert er neben einer Flasche Bordeaux auch ein himmlisches Nierengericht unter einer Glocke hervor und schreit: «Acabi, Acaba!» Und wie durch Zauberhand nimmt Francis wieder Farbe an und lacht erneut aus vollem Herzen. Gegen Ende des Films und nach einem zweiten, stressbedingten Schwächeanfall ist es ein Glas Armagnac, das ihn wieder auf die Beine bringt: «Das ist Leben, das ist Feuer: Davon würde selbst ein Toter wieder zum Leben erwachen!» Die Ernährung wandelt sich somit zur Seelenheilkunde und das Essen wird zum Synonym für die Wiederauferstehung.

Emilie Boré

Editorial Manager / Autor

Nach mehreren Jahren im Kunsthandel, wurde Emilie Boré kulturelle Kolumnistin für die westschweizer Satiren-Wochenzeitschrift Vigousse und Herausgeberin der Website und des Magazins Loisirs.ch. Heute arbeitet sie im Verlagswesen und dem Theaterbereich und widmet sich parallel der Kinder- und Jugendliteratur. Ihr neuestes Buch heisst Serge le loup blanc, erschienen 2015 .

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