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Feste und Bräuche
Ein Festschmaus für Tote wie Lebende
01
Mai
2015
Marie-Ange Unbekandt

In Mexiko fürchtet man den Tod nicht: Er gehört zur Natur der Dinge und ist unvermeidlich. «Der Mexikaner sucht, streichelt, feiert den Tod, er macht sich über ihn lustig und schläft mit ihm; er ist sein Lieblingsspielzeug und seine treueste Geliebte».(1)Und jedes Jahr feiert und würdigt Mexiko die Toten mit einer Fülle traditioneller Gerichte.

Der Tag der Toten ‒ El día de los muertos ist einer der wichtigsten Feiertage in Mexiko. Für einen Europäer wirkt er faszinierend und geheimnisvoll zugleich. In unserer Kultur spricht man meist nicht über den Tod, er ist ein Tabu. In Mexiko dagegen gehört er zum Leben und zieht sich wie ein roter Faden durch die Volkskultur. Wider Erwarten hat der Tag der Toten weder etwas Morbides noch Trauriges, im Mittelpunkt stehen vielmehr Lebensfreude und Farbenpracht.

Seit nahezu 3000 Jahren ist der Totenkult tief in der mexikanischen Kultur verwurzelt. Für zahlreiche präkolumbianische Zivilisationen waren das Leben und der Tod eng miteinander verbunden; sie verkörperten zwei ergänzende und nicht voneinander zu trennende Pole der menschlichen Existenz und der Schöpfung.

Ein alter Ritus der Azteken

Es ist ein Fest, das die Azteken im Sommer feierten und das dem heutigen Día de los muertos zugrunde liegt.(2) Diese Gedenkfeierlichkeiten für die Toten fielen jeweils mit dem Ende der Mais-, Kürbis- und Bohnenernte zusammen und fanden ihren Höhepunkt in gigantischen Festmahlen aller – Lebenden wie Toten. Bereits der spanische Eroberer Bernal Díaz del Castillo(3) beschrieb diesen Brauch als ein Mosaik voller Farben und Aromen.

Bei ihrer Ankunft auf mexikanischem Boden waren die spanischen Eroberer bestürzt über diese barbarischen und primitiven Praktiken. Um die Einheimischen zu unterwerfen und sie zum Christentum zu bekehren, änderten die Spanier das Datum der Festlichkeiten und legten sie zeitlich mit Allerheiligen und Allerseelen im November zusammen. Daraufhin folgte ein langer Prozess der Verschmelzung der Kulturen, bei dem sich katholische Bräuche allmählich mit prähispanischen Riten vermischten. Bis heute gedenkt das mexikanische Volk der Seelen ihrer Verstorbenen. Diese kehren jedes Jahr vom 31. Oktober bis zum 2. November in die Welt der Lebenden zurück, um mit ihnen zusammen zu schlemmen.

Gang mit den Toten von zu Hause bis auf den Friedhof

Bereits einige Tage vor den Festlichkeiten beginnen die Mexikaner symbolisch mit den Toten zu kommunizieren, indem sie das zu Ehren der Verstorbenen gebackene Totenbrot ‒ el pan de muerto probieren. Dieses meist süssliche Brot aus Hefeteig wird je nach Region zu einer Blume, einem Tier, einem Menschen, einem Kreuz oder sogar einem Skelett geformt. In der Hauptstadt ist das Brot in der Regel rund, wird mit Knochen dekoriert und mit Puderzucker bestreut.

Die Auslagen der Marktstände umfassen Totenschädel aus Zuckerguss, Amarant, Kürbiskernen oder Schokolade. Diese Zucker-Totenköpfe avancieren während der Festtage richtiggehend zu Kultobjekten: Sie werden mit dem Namen des Verstorbenen oder des Freundes beschriftet, dem man das Brot schenken will, und man isst es mit Zynismus und Spott, als würde man seinen eigenen Tod vernaschen.

Bei sich zu Hause errichten die Mexikaner Altäre zu Ehren der Verstorbenen; dort legen sie verschiedene Objekte und Lebensmittel nieder, die der Tote früher gerne mochte: Spielzeuge und Süssigkeiten für die Kinder, Bier, Tequila oder Zigaretten für die Erwachsenen. Ebenfalls nicht fehlen dürfen ein Glas Wasser, um den Durst der Seele nach ihrer langen Reise aus dem Reich der Toten zu stillen, sowie etwas Salz zur Reinigung.

Ende Oktober werden schliesslich die Gräber herausgeputzt und mit einer Vielfalt von Blumen und Amarantblüten geschmückt. Am Abend des 1. November pilgert die ganze Familie auf den Friedhof, zündet zahllose Kerzen an, verbrennt Kopal (ein halbversteinertes, natürliches Harz), um den Seelen der Verstorbenen den Weg zu weisen und stellt auf jedes Grab Körbe voller Essen. Die Mexikaner verbringen die ganze Nacht auf dem Friedhof und lassen ihren Gefühlen freien Lauf: von Andacht über Feierlichkeit bis hin zur Freude am Wiedersehen. Die Toten und die Lebenden trinken, essen, reden und singen gemeinsam.

«Begrabenes Huhn» und andere einschlägige Gerichte

Wie bei vielen anderen Feierlichkeiten in Mexiko spielt auch beim Fest der Toten das Essen eine sehr wichtige Rolle. Dabei gibt es grosse Unterschiede zwischen den Regionen. Einige Gerichte werden ausschliesslich für dieses Fest zubereitet. Auf der Halbinsel Yucatán bereitet man das sogenannte «Muc Bil Pollo» zu, was – wörtlich übersetzt – «begrabenes Huhn» bedeutet. Dabei handelt es sich um ein Gericht aus Mais mit Hühner- und Schweinefleisch, das am Vorabend des Totentages vorbereitet und dann für viele Stunden in einer Grube unter der Erde gart.

 

In der Regel werden jedoch an diesen Festtagen die bekannten Klassiker der mexikanischen Küche und Familiengerichte serviert. Diese richten sich immer nach den Vorlieben, welche die Verstorbenen vor ihrem Ableben hatten. Die Tamales, kleine Maisbrötchen, gehören schon fast zum Pflichtprogramm und wurden bereits, wenn auch in leicht veränderter Form, im Rahmen der prähispanischen Rituale verzehrt. Heute gibt es eine grosse Fülle verschiedener Tamales: Sie können süss oder salzig seinund mal sind sie gefüllt, mal nicht Sie werden warm serviert und in Naturblätter verpackt, entweder in Mais- oder Bananenblätter. Der Mole, ein Fleischeintopf mit Sosse präkolumbianischen Ursprungs – sein Name kommt vom Wort «Mulli», was in der indigenen Sprache Nahuatl Sosse heisst –, ist eine weitere traditionelle Speise, die zu diesem Anlass oft gereicht wird. Das über die mexikanischen Landesgrenzen hinaus wohl bekannteste Gericht ist der Mole Poblano, das in der Stadt Puebla im 17. Jahrhundert von Nonnen erfunden wurde und einige Gramm Schokolade enthält.

Ungeachtet der Gerichte, die am Día de los muertos verspeist werden: Sie haben immer eine religiöse und zugleich auch weltliche Dimension. Sie sind einerseits Nahrung für den Körper, andererseits  sind sie aber vor allem Nahrung für die Seele; sowohl der Toten wie auch der Lebenden.

Octavio Paz, Das Labyrinth der Einsamkeit. «El mexicano frecuenta a la muerte, la burla, la acaricia, duerme con ella, la festeja, es uno de sus juguetes favoritos y su amor permanente.»

Bernal Díaz del Castillo, Historia verdadera de la conquista de la Nueva España (Wahrhafte Geschichte der Eroberung von Neuspanien), 16. Jh. Die Urheberschaft des Werks ist umstritten.

Immer im neunten Monat des aztekischen Sonnenkalenders, also etwa im August, fanden die Festlichkeiten zu Ehren der Verstorbenen unter der Aufsicht der Totengöttin Mictecacihuatl statt.

Marie-Ange Unbekandt

Marie-Ange Unbekandt hat vier Jahre lang in Mexiko gelebt und sich in die dortige kulinarische Vielfalt verliebt. Sie vertiefte ihre Kenntnisse, indem sie Wochenmärkte besuchte und  mexikanischen Köchen und Familien in die Kochtöpfe schaute. Ihre Entdeckungen veröffentlicht sie in ihrem Blog www.saveursmexicaines.com. Sie lebt heute in einer Pariser Vorstadt und ist als Food-Fotografin tätig.

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