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Über uns
Der gesellschaftliche und kulturelle Wert von Fleisch?
14
Juni
2021
Jérémie Forney
Unsere Nahrung hält nicht nur physiologisch den Körper am Laufen. Sie ist identitätsstiftend, ein Symbol der Zugehörigkeit…

Unsere Nahrung hält nicht nur physiologisch den Körper am Laufen. Sie ist identitätsstiftend, ein Symbol der Zugehörigkeit. Denken Sie an die kulinarische Abwechslung auf Reisen und das Vergnügen, zu Hause wieder gewohnte Gerichte zu essen. Nahrung ist auch ein wesentliches Element unserer sozialen Interaktion. In vielen Kulturen bieten sich die Menschen einander Nahrungsmittel an (eine Flasche Wein, Pralinen…) oder essen gemeinsam, um Verbindungen zu schaffen oder einen Anlass zu würdigen. Religionen wissen um die Symbolkraft von Nahrungsmitteln: Opfergaben an die Götter bestehen oft aus Nahrungsmitteln. Essen ist offensichtlich ein wirkmächtiger Akt, bei dem es um die Aneignung der physischen, aber auch symbolischen Eigenschaften dessen geht, was wir essen... Sei es, um Fähigkeiten zu steigern oder sich zu vergiften. Die grundsätzliche Mehrdeutigkeit von Nahrung als Lebenselixier oder Gift schreibt sich ein ins kulturelle Gedächtnis und bestimmt, was als essbar gilt und was nicht. Das weist weit über das objektive Gesundheitsrisiko hinaus. In manchen Kulturen ist ein Nahrungsmittel ein Genuss, wohingegen es in einer anderen als abstossend gilt…
Fleisch spiegelt diese Mehrdeutigkeit von Nahrung wider. In seinen positiven Aspekten ist es ein Zeichen für Kraft und Gesundheit. Selbst heute, wo Fleischkonsum für viele Menschen alltäglich ist, gibt es bei Festessen meist besonderes Fleisch: Eid-el-kebir-Lamm, Weihnachts- oder Thanksgiving-Truthahn usw. Auf der anderen Seite liegen auf Fleisch die meisten Nahrungsverbote. Man denkt sofort an das Schweinefleisch-Verbot im Islam und Judentum oder an den religiösen Vegetarismus bestimmter Hindu-Kasten. Aber darüber hinaus gibt es in jeder Kultur Fleischsorten, die zu vermeiden sind. Oft verläuft die Grenze des Essbaren entlang der Nähe zum Menschen. Westliche Kulturen schliessen z.B. generell den Verzehr von Haustieren aus. Dieser Verzicht wurde oft mit dem Kannibalismus-Verbot in Verbindung gebracht. Wäre der Verzehr eines dem Menschen nahestehenden Tieres ähnlich wie der eines Menschen? Interessanterweise weitet die vegane und antispeziesistische Rhetorik den Begriff des „Mordes“ oft auf Tiere aus, während er normalerweise nur mit Menschen assoziiert wird.
Abgesehen von den Verboten spiegelt der Verzehr bestimmter Nahrungsmittel auch die soziale Stellung, d.h. die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht wider. Die Kosten bestimmter Produkte spielen dafür eine gewisse Rolle, erklären aber nicht alles. Aber der Stellenwert von Fleisch ist in dieser Hinsicht interessant. Studien in Frankreich haben gezeigt, dass gerade dort in der Vergangenheit Fleisch eher als Adelsprivileg, denn Vorrecht der Bürger galt. Heute haben sich die Massstäbe verschoben. Arbeiter essen mehr Fleisch, während Führungskräfte zunehmend Obst und Gemüse bevorzugen. Die Verbindung von Fleischkonsum und sozialer Zugehörigkeit zeigt sich weltweit sehr unterschiedlich. So wird der zunehmende Konsum von Fleisch- und Milchprodukten der Mittelschicht asiatischer Länder oft mit der Nachahmung eines westlichen, gesellschaftliche Anerkennung garantierenden Lebensstils erklärt.
Fleischkonsum wird auch mit Männlichkeit und Geschlechtsidentität assoziiert. Typischerweise stehen Männer am Grill in Werbespots... Im Gegensatz dazu zeigen Studien, dass in einer omnivoren Gesellschaft einige Veganismus mit Potenzmangel gleichsetzen. Obwohl es schwer ist, verlässliche Daten zu erhalten, scheinen tatsächlich Frauen häufiger auf Fleisch zu verzichten. Die typische vegane Person ist statistisch gesehen eine in der Stadt lebende Frau mit Hochschulabschluss, die politisch links steht und keiner Religion angehört.
Fleischverzicht wirkt sich bei den vorherrschenden Familienmodellen aber auch ganz direkt auf Frauen aus. Es zeigt sich, dass sie mehr als Männer einsetzen, um die mit einer Änderung der Familien-Essgewohnheiten verbundenen Last des Lernens und der Arbeit zu schultern... das Gleiche gilt, wenn es darum geht, fleischloses Kochen zu lernen.
Der letzte Punkt zeigt, dass die Rolle eines Nahrungsmittels für die Gesellschaft weit über rein symbolische, wenn auch konkret im täglichen Leben verankerte Aspekte hinausgeht.
Wir danken Zoé Lüthi (Unterstützung bei Recherche und Dokumentation).
Deutsch übersetzt nach dem französischen Original.

Bibliography

Jérémie Forney
Anthropologe und Experte für Landwirtschaft und Ernährung
Neuchâtel, Switzerland
Nach einer Dissertation über die Veränderung der Schweizer Landwirtschaft zu Beginn des 21. Jhs. spezialisierte sich Jérémie Forney mit Blick auf die aktuellen Umweltherausforderungen auf das Studium von Agrar- und Lebensmittelsystemen. Er forscht und lehrt am Institut d’ethnologie der Universität Neuchâtel.

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