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Geschichte  |  Dossier Nahrung hat ein Gesicht

Seppeltsfield: An der Vergangenheit nippen Der einzige Weinkeller mit einer seit 1878 ununterbrochenen Folge an Jahrgangsweinen

Larger than life: Ein alter Rebstock des Seppeltsfield-Weinguts unterm Sternenhimmel
Larger than life: Ein alter Rebstock des Seppeltsfield-Weinguts unterm Sternenhimmel. ©Seppeltsfield

Mit seinen 170 Hektar alter Weinberge, wundervoll gepflegten Gärten, denkmalgeschützter Architektur, stolzen Winzern und modernen Küchenchefs ist Seppeltsfield heute legendärer Teil der australischen Weinanbaugeschichte.


 

Von Tabakhändlern zu visionären Winzern

Das denkmalgeschützte Anwesen wurde 1851 von Joseph Seppelt (1813-1868) im Barossa Valley im Bundesstaat South Australia gegründet, fünfzehn Jahre nachdem sich die ersten Europäer dort niedergelassen hatten. Der wohlhabende schlesische1 Kaufmann und Tabakzüchter wanderte wie damals viele Lutheraner nach Australien aus; allerdings hatte er dafür eher wirtschaftliche als religiöse Beweggründe. Mit seiner Frau Johanna, den drei kleinen Kindern und weiteren dreizehn Familien aus der Nachbarschaft setzte er 1849 nach Australien über.

Zunächst begann Joseph Seppelt im Distrikt Barossa mit dem Tabakanbau, was aber an ungünstigen Bedingungen scheiterte. Dann kaufte er Land, um eine Farm zu gründen. So erstand er 158 Acres (etwa 64 Hektar) für jeweils 1 £2 pro Acre in den Ebenen nördlich von Adelaide, ein selbst für damalige Verhältnisse glänzendes Geschäft.

Joseph baute zunächst den Stall, dann die Backstube, ein Wursthaus, Wohnungen, Speisesaal, Molkerei und Keller. Er erweiterte die Infrastruktur der Farm mit aus Europa importierten Qualitätsmaterialien wie Eisen und Hartholz, sowie mit Schiefer und Steinen aus den nahen Adelaide Hills. Anfangs waren Weinbeeren nur eine unter anderen Früchten auf der Seppelt’schen Farm. Aber nach jahrelangem Studium der lokalen und internationalen Weinmärkte war Seppelt 1865 so selbstbewusst, die Anlagen eines vollständigen Weinguts zu importieren – bald sollte Wein alle anderen Produkte der Farm übertreffen.

Der Aufbau des Gutes dauerte zwölf Jahre und war noch unvollendet, als Joseph 1868 mit 55 Jahren starb. Die Firma übernahm sein 21jähriger, nicht weniger geschäftstüchtiger Sohn Benno (1845-1931), der die Vision des Vaters mit leidenschaftlicher Energie fortsetzte. Nach Fertigstellung des Port Store Cellar 1878 liess Benno in Erinnerung an den Vater ein Puncheon, ein 500 Liter fassendes Weinfass seines besten Weins, einlagern, mit der strengen Anweisung, es für die nächsten hundert Jahre nicht anzurühren. Mit Bennos Weitsicht begann eine einzigartige Tradition, die seitdem in jedem Jahr und von jeder Generation fortgesetzt wird.

Seppeltsfield Centennial Cellar und sein hundertjähriger Wein

Heute beherbergt der Seppeltsfield Centennial Cellar eine ununterbrochene Linie an Jahrgangsweinen. Er bewahrt als einziger Weinkeller weltweit mehr als hundert Jahre alten Wein auf, gekeltert aus Weinbeeren eines einzigen Weinbergs. Von Bennos original 141jährigem Para Tawny sind nur noch zwei Liter übrig – was bedeutet, dass tief in den Geldbeutel greifen muss, wer an diesem besonderen Jahrgang nippen möchte! Das zweite einzigartige Angebot ist ein Rundgang durch den hundertjährigen Keller samt der Gelegenheit, ein Glas aus dem Fass des eigenen Geburtsjahrgangs oder eines anderen bedeutenden Lebensjahres zu verkosten – ein Geschmackserlebnis wie eine vollmundige samtige Zeitmaschine.

Vergleicht man verschiedene Jahrgänge des Kellers, lassen sich die unterschiedlichen Wetterbedingungen und Einflüsse erkennen, die Zuckergehalt und Aroma des Weins bestimmen. Der Tawny etwa bietet üppige Aromen von Himbeeren, Brombeeren, Karamell, Nuss, Zimt, Schokolade und Vanille. Je weiter man in die Vergangenheit zurückreist, desto fülliger, reicher, unwiderstehlicher wird der Wein, und da er mehr als einhundert Jahre lang reifen und verdunsten konnte, ist nur noch ein Viertel seines Volumens vorhanden. Nach diesem umwerfenden Erlebnis wünscht man sich, dass auch die eigenen Urgrosseltern eine derartige Tradition ins Leben gerufen hätten!

Rundgang durch das grosse Seppeltsfield Anwesen

Doch der Jahrhundert-Keller ist nicht die einzige weitsichtige Errungenschaft in Seppeltsfield. Benno’s Gravity Cellar von 1888 etwa wurde in den Hang der Terrassen gebaut, wodurch das natürliche Gefälle den Traubentransport durch den Weinberg erleichtert. Dieses Beispiel minimierten Aufwands ist heute anerkanntes Prinzip der Weinerzeugung, da es nicht nur den Arbeitseinsatz verringert, sondern auch Aroma und Reinheit des Weins fördert.

In Seppeltsfield wachsen in erster Linie die in Barossa beliebten Rebsorten Shiraz, Grenache und Cabernet, dazu auf kleinen Parzellen auch Riesling, Touriga und Palomino. Der perfekt mediterranem Klima angepasste Shiraz belegt 50% aller Anbauflächen des Barossa Gebietes. Die wertvollsten Böden des Seppeltsfield-Anwesens liegen im Great Terraced Vineyard, einer bergseitigen Lage mit Eisen-, Quarz- und Schieferböden. Die 60- bis 80-jährigen Grenache-Weinreben3 dieses Weinbergs wurden traditionell zur Herstellung von Likörwein verwendet; heute werden kleine Parzellen auch zur Produktion von Stillweinen genutzt.

Eine fünf Kilometer lange Bepflanzung mit hohen kanarischen Dattelpalmen belegt die Willensstärke der Seppelts beim wirtschaftlichen Niedergang während der Grossen Depression. Die Belegschaft war zu einer derart engen Gemeinschaft zusammengewachsen, dass sie fast einer Familie glich: undenkbar, nur einen einzigen Mitarbeiter zu entlassen – auch wenn es wenig Sinn machte, Tafelwein herzustellen, den sich niemand leisten konnte. Stattdessen wurde sie mit der Pflanzung von 4000 Palmen beauftragt und erhielt dafür zwei Jahre ausreichend zu essen. Diese Palmen sollten eines Tages zum Symbol des Anwesens werden.

Weitere historische Sehenswürdigkeiten, die man nicht verpassen sollte, sind die grossen Terrassen-Weinberge und das Mausoleum der Familie Seppelt. Einrichtungen erst aus jüngster Vergangenheit sind das Restaurant Fino mit seiner wundervollen Terrasse im europäischen Stil. Die Philosophie des Fino misst den Produkten und ihrer Herkunft zentralen Rang zu – entsprechend dem Geist von Seppeltsfield. Schlichte, doch exquisite Kombinationen wie geräuchertes Mulloway-Filet mit grünen Bohnen, Chicorée und Kapern werden als Shared Plates serviert, also Gerichte zum Teilen – perfekt, um nach der Weinprobe vom Vormittag ein geselliges Mittagessen zu geniessen.

Porto

Porto ist ein in Portugal zu Beginn des 17. Jhs. entwickelter Likörwein. Damals musste ein Weg gefunden werden, Wein für den Export nach England haltbar zu machen, da die Bedingungen auf den Schiffen die Weine oxidieren und sauer werden liessen. Die Winzer fanden heraus, dass später gelesene Weinbeeren mehr Zucker enthielten und stabileren Wein ergaben. Zugabe von Branntwein wie Brandy erhöhte den Alkoholgehalt und machte den Wein noch haltbarer. Dieses Verfahren tötete Hefen und andere Bakterien ab, so dass das Endprodukt problemlos reifte und mit der Zeit sogar noch besser wurde. Andere Likörweine wie Sherry, Tokajer oder Muskat werden in vergleichbaren Verfahren hergestellt, jedoch mit verschiedenen Kombinationen von Rebsorten und Branntweinen.

Porto ist heute eine geschützte Herkunftsbezeichnung in der Europäischen Union. Seppeltsfield vertrieb seine Likörweine bis 2011 unter dem Namen Porto, bis sich das australische Kennzeichnungsrecht änderte. Heute werden die nach Art der Portweine (die also nicht im Douro-Valley in Nordportugal entstehen) produzierten Weine als Vintage, Tawny oder Ruby vermarktet, je nach ihrem jeweiligen Reifeverfahren.

1. Schlesien liegt heute in Polen; im 19. Jh. war es eine Provinz des Königreichs Preussen.

2. Die Inflation eingerechnet, würde diese Summe 2019 rund 25 000 Euro entsprechen.

3. Weinreben ohne Spalierdraht.

Hannah Rohrlach

Hannah ist eine australische Ernährungsberaterin mit Schwerpunkt kreative und innovative Ernährungserziehung. Ausgebildet in Ernährungswissenschaft und Bildender Kunst, verbindet ihre Arbeit beide Welten miteinander. Jüngster Erfolg war die Mitbegründung der preisgekrönten Post Dinings, eine Reihe spezieller Ess-Events beim Adelaide Fringe Festival 2016. Hannah engagiert sich für nachhaltige Ernährung, interaktive Ernährungserziehung, heimische Zutaten und essbare Insekten.

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